Zu Beginn von "Hancock" liegt Will Smith schlafend auf einer Bank irgendwo im nicht so feinen Teil von Downtown Los Angeles. Er sieht aus wie ein Penner, ist unrasiert und betrunken - und riecht wahrscheinlich, als hätte er sich mindestens eine Woche nicht gewaschen. Ein kleiner Junge kommt vorbei und zupft an dem menschlichen Wrack. Er soll aufwachen, durch die Straßen der Stadt dröhnt eine Verfolgungsjagd, die Polizei bekommt die bösen Jungs nicht unter Kontrolle. Ein Superheld ist gefragt, und der einzige, der zur Verfügung steht, ist der obdachlose Alkoholiker Hancock, dem die Bürger der Megacity einen wenig schmeichelhaften Kosenamen gegeben haben: "Arschloch".
Will Smith als Hancock: Superwrack statt Superheld
Am Ende dieser Eröffnungssequenz startet dieser alles andere als strahlende Superheld zu einem verkaterten Einsatz als Verbrechensbekämpfer, doch bei seiner trunkenen Intervention entsteht so viel Kollateralschaden, dass den Stadtoberen der Geduldsfaden reißt: Sie erlassen Haftbefehl gegen den unliebsamen Retter, der bei jeder Landung aus der Luft einen Krater im Asphalt hinterlässt - und machen ihn zum Outlaw.
Man kann diese Szenen vielfach deuten. Am schönsten ist die Allegorie auf die von sich selbst und der eigenen Macht besoffenen Supermacht USA, die sich zum Retter der Welt aufschwingt und bei den vermeintlichen Hilfseinsätzen alles nur noch schlimmer macht (siehe Afghanistan, Irak).
Was ist, wenn die Moral mal schief hängt?
Auch als Meditation über das Wesen von Superhelden taugt diese Eröffnung, und so ist sie vermutlich auch gemeint: Was motiviert eigentlich diese Superwesen mit ihren übernatürlichen Kräften, den täglichen Kampf für den Erhalt der Menschheit auszufechten? Was ist mit der abgrundtiefen Einsamkeit, was mit der Last der Verantwortung für Milliarden unschuldiger Seelen? Was ist, wenn die Moral mal schiefhängt?
Die jüngere Generation von Superheldencomics ist voll von Reflexionen über genau diese Frage. Die Zeit der moralisch integeren, also eindimensionalen Helden ist lange vorbei, selbst gröbste Klötze wie Superman und Captain America verfügen seit Jahren über zahlreiche seelische Verwundungen und Untiefen, die mutige Autoren ihnen in die Sprechblasen geschrieben haben. Auch im Kino wurde das Superheldendilemma schon thematisiert, am schlüssigsten in Sam Raimis "Spider-Man"-Filmen.
Und nun also auch in "Hancock", dessen Drehbuch allerdings nicht auf einer Comicvorlage basiert. Allein das macht den Film von Michael-Mann-Ziehkind Peter Berg ("The Kingdom") und Newcomer-Autor Stephen Ngo zu etwas Besonderem in diesem Sommer der Superhelden. Denn der Film, der am bedeutungsschweren 4. Juli in den USA anläuft, muss es mit Marvels Schwergewichten "Iron Man" und "Hulk" sowie "Batman" und "Wanted" aufnehmen - ohne dabei auf eine gezeichnete Vorlage und die zugehörige Fan-Basis zurückgreifen zu können.
Aber dafür mit Will Smith auf einen Hauptdarsteller, der schon seit so langer Zeit zu den Superstars der Kinobranche gehört, dass es fast folgerichtig erscheint, ihn endlich auch als Superhelden zu besetzen. Der US-Entertainer, der im September 40 wird, gehört zu den wenigen verbliebenen Kassenmagneten, die in der Lage sind, allein aufgrund ihres Mitwirkens einen Kassenerfolg zu garantieren. Nachdem Tom Cruise sich in Scientology- und Stauffenberg-Probleme verstrickt hat und Tom Hanks allmählich zu alt wird, ist Will Smith vielleicht sogar der einzig verbliebene "Unverwundbare" an den US-Kinokassen.
Will Smith weiß, wie sich Absturz anfühlt
Hollywood kann froh sein, dass der Superhero Nummer eins von moralischen Krisen à la Hancock weitgehend unberührt zu sein scheint. Der ewig gutgelaunte Dampfplauderer Smith gibt als Credo seiner massentauglichen Harmlosigkeit gerne aus, die Leute unterhalten zu wollen, sonst nichts. Das kann man, bleibt man bei der Superheldenallegorie, als Smiths Dienst an der Menschheit verstehen, seinen Kampf für das Gute. Von "Newsweek" wurde er vielleicht auch dank dieser Sonnyboy-Haltung zum "mächtigsten Schauspieler des Planeten" erkoren. Aus einem kleinen Arbeiterhaushalt in Philadelphia hat sich Smith zum Fernseh- und Kinostar sowie zum erfolgreichen Rapper und Musiker hochgearbeitet und muss vermutlich sehr lange überlegen, bis ihm sein letzter Flop einfällt.
Aber es war nicht immer alles eitel Sonnenschein in Smiths Leben, und deshalb besitzt die Anfangsszene von "Hancock" eine ganz besondere Signifikanz, denn sie reicht zurück zu den Anfängen des Phänomens Will Smith. 1990 war der als Fresh Prince zu schnell zu berühmt gewordene Rapper knapp vor dem ganz großen Absturz. Wegen mehrerer Millionen Dollar Steuerschulden stand der damals erst 22-jährige HipHop-Superstar vor dem Bankrott, gescheitert an der eigenen Hybris und naiven Freigiebigkeit. Es hätte nicht viel gefehlt, und statt Superstarstatus hätten Armut, Verbitterung und Vergessenheit auf den jungen Entertainer gewartet - und eine harte Bank auf der Straße statt die weichen Kissen einer Luxusvilla. Smith weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Moral auf dem Tiefpunkt ist, und deshalb liegt viel Herzblut in der Darstellung des Super-Penners Hancock.
Popveteran Quincy Jones war es damals, der dem strauchelnden Star einen rettenden Halm reichte: Eine Sitcom für NBC namens "The Fresh Prince of Bel Air" wurde dem Rapper auf das Plappermaul und die Segelohren geschneidert. Sie war über Nacht ein Quotenrenner.
Bis 1996 spielte Smith das Gossenkind, das seinen reichen Vettern in Beverly Hills zeigt, wie sich Dolce Vita und Street Credibility gewitzt vereinen lassen. Smith wurde zur Identifikationsfigur für eine ganze Generation schwarzer Mittelklassekids, die desillusioniert vor der Wahl standen, ihr restliches Leben im Blue-Collar-Dunstkreis der Ghettos zu fristen - oder sich auf Gedeih und Verderb dem Lebensstil und Wertesystem des weißen Mannes anzupassen und darin die eigene Identität zu verlieren.
Smith, der schon als Kind wegen seiner smarten Schlagfertigkeit "fresh" ("frech") genannt wurde, zeigte einen dritten Weg auf, der noch dazu ohne die im HipHop und der Straßenkultur gängigen Gewaltriten und Kraftausdrücke auskam.
Entscheidung fürs Unpolitische
Schon früh entschied sich Smith, der kurioserweise gerne damit kokettiert, irgendwann einmal Präsident der USA zu werden, für das Unpolitische. "Die Weißen haben keine Angst vor mir, ich bin keine Bedrohung für sie wie diese Gangsta-Rapper mit ihren gewalttätigen Posen und ihren nicht jugendfreien Texten", sagte er einmal und zog für diese angepasste Attitüde den Hass von Spike Lee und anderen Vertretern des engagierten Black Cinemas auf sich.
Wenn Will Smith nun also einen Obdachlosen spielt, der eigentlich ein Superheld ist, dann ist das auch eine Referenz auf den Weg, den seine Karriere hätte nehmen können, wäre nicht Quincy Jones mit seiner TV-Serie und seinem Glauben an das Talent des gestrauchelten Rappers aufgetaucht. In "Hancock" ist es der freiberufliche PR-Berater Ray (Jason Bateman), der das Gute im Superwrack sieht - und ihm eine Lektion in Menschlichkeit erteilt. Er rät dem renitenten Helden, die Gefängnisstrafe anzutreten und Besserung zu geloben, um die Sympathie der Menschen zurückzugewinnen. Nach gehörigem Widerstand willigt Hancock ein.
Und siehe da: Der Mut, sich auf die Norm stutzen zu lassen, sich einem Regelwerk anzupassen, um im Kollektiv eine Rolle zu spielen, wird belohnt. Nachdem der Übermenschliche im Knast und mit viel Slapstick in Coaching-Sitzungen mit Ray gelernt hat, auch menschliche Leistungen anzuerkennen und den Polizisten am Tatort auch mal aufmunternd "Gute Arbeit, Officer" zuzurufen, jubeln ihm die Massen gutherzig zu.
Der Assimiliationsprozess geht sogar so weit, dass Hancocks Lotter-Outfit aus stinkigen Jeans und ranziger Wollmütze einem schmucken Superheldendress weicht. Es ist, als rekapituliere Smith noch einmal seinen eigenen Weg und führe einer neuen Generation schwarzer Jugendlicher erneut vor, wie man als Alien überlebt.
Zurück in die große Helden-Zwickmühle
Wie der Film in der ersten Hälfte mit den Regeln des Genres spielt und das Pathos der Comichelden parodiert, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben, ist im besten Wortsinne phantastisch und sehr rasant. Leider entwickelt sich die schöne Satire nach gut einer Stunde zu einem allzu ernsthaften Dramolett großer Gesten und kolossaler Kampfszenen, in dem der Anfangsgedanke der fast schon göttlichen Einsamkeit des singulären Helden aufgegriffen und allzu groß aufgeblasen wird.
Zu viel sei von der tatsächlich überraschenden Wendung nicht verraten, nur ein Hinweis: Anscheinend ist Hancock, der von Rays Frau Mary (Charlize Theron) mit stetem Misstrauen beäugt wird, gar nicht der einzige Superheld in der Stadt. Am Ende geht es dann wieder in die große Helden-Zwickmühle: Ist das Schrumpfen aufs menschliche Normalmaß, das Einlassen auf Dinge wie Liebe, Zweisamkeit, Familie, gleichbedeutend mit dem Tod? Muss nicht der Held in Einsamkeit verharren, um für jeden Feind angesichts jeder Schwäche unverwundbar zu sein?
Für einen großen Sommer-Blockbuster ist das fast schon ein wenig zu viel Philosophie und Comic-Exegese, um wirklich gut zu funktionieren. Man muss den Produzenten Respekt zollen, diese höchst originelle, dramaturgisch aber reichlich gewagte Story ohne allzu viele Konzessionen auf die Leinwand gelassen zu haben.
Natürlich verlässt sich das Studio dabei voll und ganz auf die Superkräfte Will Smiths, dessen Sog allein diesem wackligen Heldenspektakel ein umsatzstarkes Startwochenende bescheren dürfte. Dass er derlei Kraftakt vollbringen kann, hat er im vergangenen Jahr mit dem auch nicht makellosen Endzeit-Thriller "I Am Legend" bewiesen, den er so gut wie im Alleingang bestritt.
Schafft er es jetzt, dem Publikum diesen ungewöhnlichen Film zu verkaufen, darf er sich getrost zum mächtigsten Mann von Hollywood erklären. Wird "Hancock" ein Flop, landet Smith sicher nicht in der Gosse. Aber er wirkt dann verwundbar, vielleicht wieder ein bisschen menschlicher.
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