Aus San Diego berichtet Nina Rehfeld
"Wolverine" und "Terminator 4", "Watchmen" und "Star Trek" – die großen Hollywood-Studios haben auf der Comic-Con in San Diego erneut deutliche Präsenz gezeigt. Die einstige Fan-Messe ist längst zu einem Forum der amerikanischen Mainstream-Filmindustrie avanciert. Hier zeigen die großen Studios Häppchen aus den Blockbustern des nächsten Sommers, um die Stimmung zu testen und die Mundpropaganda zu befeuern.
Denn nicht zuletzt dank der Comic-Con hat sich die Begeisterung für Comics und Superhelden, die einst den Geeks und Nerds, den Sonderlingen und Außenseitern vorbehalten war, zu einem milliardenschweren Geschäft entwickelt. Allein die bisherigen drei Comic-Verfilmungen des Sommers – "Iron Man", "Hellboy 2" und "The Dark Knight" – haben bislang rund 600 Millionen Dollar eingebracht und das Boxoffice triumphal aus der Krise des vergangenen Jahres geführt. Das Comic-Universum ist den Studios zur Goldmine geworden.
Dabei stand auf der Messe, auf der sich seit 39 Jahren Comiczeichner, Fantasyautoren und Science-Fiction-Schriftsteller mit den Fans austauschen, in diesem Jahr schon eine Flaute zu befürchten: Marvel, das Flaggschiff der Comicszene, das die "X-Men", Spider-Man", "Iron Man", und "The Fantastic Four" ersann, hatte diesmal mit "Wolverine" nur einen Film im Programm.
Gezeichnet von Coolness und Komplexität
Wie sich zeigte, war die Sorge grundlos. Zwei spannende Comicverfilmungen von außerhalb des Marvel-Universums dominierten die Veranstaltung: Frank Millers Verfilmung von Will Eisners Serienklassiker "The Spirit" und Zack Snyders Adaption von Alan Moores "Watchmen", die zum Highlight der diesjährigen Messe wurde. Und das, obwohl die ersten Ausschnitte beider Projekte weniger durch bloßen Schaueffekt als durch inhaltliche Tiefe, weniger durch Spezialeffekte als durch visuelle Kunstfertigkeit bestachen.
Moores Comic aus den achtziger Jahren, vom Nachrichtenmagazin "Time" auf seine Liste der 100 besten Romane aller Zeiten geführt, scheint nach einem 20-jährigen Zerreißkampf in Hollywood doch noch zu filmischen Ehren zu kommen. Zunächst wollte Terry Gilliam das Drama um eine Handvoll zynischer Ex-Superhelden, die den Mord an einem Kollegen untersuchen, verfilmen und scheiterte. Das Projekt wechselte zu Paramount, sollte zunächst von Darren Aronofsky ("The Fountain"), dann von Paul Greengrass ("Bourne"-Trilogie) inszeniert werden und platzte schließlich angesichts zu hoher Kosten.
Für Warner Bros. verfilmt nun Snyder die Vorlage, das teils Whodunit, teils Superheldensaga und teils Kalter-Krieg-Tragödie ist. Stilistisch bewegt man sich eng an der grafischen Vorlage von Zeichner Dave Gibbons entlang, in epischen Bildern, die sich auf die Pin-up-Ästhetik der Fünfziger ebenso beziehen wie auf die klassischen Helden-Comics.
"Dies ist eine Comic-Verfilmung für Erwachsene, kein hirnloser Sommer-Spaß", sagte Snyder selbstbewusst bei der Vorstellung der Ausschnitte. Visueller Höhepunkt der von ihm gezeigten Clips war ein romantischer Kuss vor einem in der Ferne aufsteigenden Atompilz.
Geistreicher "Spirit"
Snyder selbst hatte mit seiner Adaption von Frank Millers Kriegsdrama "300" eine Lanze für eine komplexere und ästhetisch regelrecht waghalsige Art der Comicverfilmung gebrochen. Doch die Ehre, Comicverfilmungen zu revolutionieren, gebührt Frank Miller selbst für die filmische Adaption seines eigenen Romans "Sin City", der er gemeinsam mit Robert Rodriguez 2005 realisierte.
Jetzt hat sich Miller eines Werkes von Comic-Ikone Will Eisner angenommen: Mit "The Spirit" verfilmt er den Eisner-Klassiker um einen von den Toten auferstandenen Cop mit einem Faible für schöne und gefährliche Frauen. 1940 als wöchentliche Zeitungsbeilage erschienen, machte Eisners Story die Kunstform Comic einem erwachsenen Publikum zugänglich.
"Ich habe mit Eisner eine 25 Jahre währende Debatte darüber geführt, was im Comic geht und was nicht", sagte Miller über seinen 2005 verstorbenen Freund und Mentor. Diese komme nun im Film zum Ausdruck. Millers Filmausschnitte waren noch stärker der Comic-Ästhetik verpflichtet als Snyders, optisch erinnerten viele Ausschnitte an "Sin City".
Kunst des Kloschüsselkampfes
Doch Miller blieb auch dem Slapstick treu, der sich durch Eisners Werke zieht . Ein Clip zeigte eine Schlammschlacht zwischen "The Spirit" (Gabriel Macht) und seinem Widersacher Octopus (Samuel Jackson, der damit dem ursprünglich nur mit einem Paar Handschuhen dargestellten Bösewicht erstmals Körper und Gesicht verleiht), in der zwischen realistischen Kampfszenen gigantische Werkzeuge und Kloschüsseln zum Einsatz kommen.
Im vergangenen Jahr war Jon Favreaus euphorische "Iron Man"-Veranstaltung das Schlüssel-Ereignis der Comic-Con. Diesmal versuchte sich US-Regisseur McG ("Drei Engel für Charlie") bei der Vorstellung von "Terminator 4" an einer ähnlichen Einpeitschung der Massen.
Doch das Messepublikum ist kein einfaches. "Wer zur Comic-Con geht, muss cool sein", sagte "Terminator"-Produzent James Middleton. Gegen den Hype um die "Watchmen" und "The Spirit" verblassten denn auch sowohl McGs "Terminator 4" als auch die anderen mit großem Paukenschlag vorgestellten neuen Hollywoodfilme – darunter "X-Men: Origins", der die Geschichte von Wolverine erzählt, Benicio Del Toros Retro-Werwolf-Thriller "Wolf Man", Mark Wahlbergs Videospiel-Verfilmung "Max Payne", die Adaption des Vampir-Erfolgsromans "Twilight" und die animierte Version von "Star Wars", "The Clone Wars".
Keine Frage, dass die erstmals 1970 mit 300 Besuchern im Keller eines San Diegoer Hotels abgehaltene Messe, die inzwischen 125.000 Besucher in San Diegos Convention Center zieht, zunehmend unter der Knute des Kommerzes steht. Dass aber in diesem Jahr ausgerechnet die Verfilmungen zweier Comics, die außer den echten Fans zuvor vielleicht einer Handvoll Besucher geläufig waren, die Herzen eroberten, ist eine Genugtuung - für Geeks und Nerds weltweit.
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