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05.08.2008
 

Künstler-Film "Factory Girl”

Aschenputtel auf Heroin

Von Christian Buß

Armes reiches Mädchen trifft bösen gierigen Kunstguru: Im Kinofilm "Factory Girl" wird der Absturz einer Warhol-Muse als eindimensionale Seifenoper inszeniert. Auch It-Girl Sienna Miller, die It-Girl Edie Sedgwick spielt, kann dieses Rührstück aus dem Kunstuntergrund nicht retten.

Hat Andy Warhol Blut am Mund? Nein, es ist nur der Lippenstift, der ihm da bei einem Fernsehinterview im Dezember 1971 suggestiv im Gesicht verläuft. Einen Monat zuvor schied sein einstiger Superstar Edie Sedgwick nach einer Überdosis Barbiturate, einem Schlafmittel, aus dem Leben; der Künstler aber gibt sich ungerührt. Mit dieser grausamen Szene endet "Factory Girl", eine superbunt bebilderte Lebenslaufverfilmung des Supermodels und Drogenopfers Edie Sedgwick, das Mitte der sechziger Jahre durch ihre pure Präsenz Warhols frühe Filmexperimente veredelt hat.

"Drella" wurde Warhol oft genannt, und die Kombination aus den Worten "Dracula" und "Cinderella" beschreibt ganz gut die Macht, die ihm von Freunden und Feinden gleichermaßen zugeschrieben wurde und die in diesem kolportagehaften Kinofilm, der pünktlich zu Warhols 80. Geburtstag am 6. August anläuft, nun dämonisch überhöht wird: Wie er die Persönlichkeit seiner Mitmenschen für seine Zwecke auszusaugen verstand – wie er dabei aber auch Mädchen aus der Provinz in Prinzessinnen verwandelte. "Poor Little Rich Girl" hieß der kleine Film, mit dem er Edie Sedgwick 1965 zum Superstar des New Yorker Kunstuntergrunds erhob.

In "Factory Girl" begegnen sich die beiden zum ersten Mal auf einer Vernissage. Der Kunstguru ist begeistert, das Kunstgroupie fragt, was sie zu tun habe, um in einem seiner Filme mitzuspielen. Warhol (Guy Pearce) salbungsvoll: "Seien sie einfach sie selbst." Sedgwick (Sienna Miller) kichernd: "Welches Selbst von mir denn?" Ein hübscher Dialog, der ganz gut die Schizophrenie jener Jahre beschreibt, als der amerikanische Mittelstand im großen Stil mit Elektroschocktherapien gegen jegliche Abweichungen von der sexualmoralischen Norm bei seinen Kindern vorging – und dadurch nur umso aufsässigere und unberechenbarere Delinquenten produzierte. Lou Reed, ebenfalls ein Warhol-Gewächs und ebenfalls elektroschockbehandelt, hat ein paar schöne Lieder darüber gesungen.

Zusammengekommen sind sie damals alle in Warhols Factory, seinen Ateliers und Studios. Dieser mythenumwobene Abenteuerspielplatz in Manhattan wirkt im Film nun wie ein Auffangbecken für all die durchgeknallten Vorstadtkids. Schöne, verletzte, sedierte Gestalten tummeln sich da, spritzen Heroin und rammeln zwischen den Farbtöpfen. Warhol ist der einzige, der keine Drogen nimmt und keinen Sex hat, dafür aber den Zeremonienmeister spielt und seinen neuen Star Edie durch S/M-Szenarios und bizarre Figurenkonstellationen dirigiert. So macht "Drella" seine Edie zum Star – dem er allerdings später alle Früchte des Erfolgs vorenthält. Als Warhol im Film mit Ingrid Superstar längst ein weitere Popart-Platinbombe an den Start gebracht hat, gibt er Segdwick nicht mal ein paar Dollar für den nächsten Schuss Heroin.

Gut und Böse sind hier also übersichtlich aufgestellt. "Factory Girl" ist weniger Künstlerpsychogramm als eine Seifenoper aus dem New Yorker Underground. Denn wenn Sedgwick die Rolle des Aschenputtels zukommt, muss Warhol eben die böse Stiefmutter sein. Passenderweise gibt Regisseur George Hickenlooper ("Die Akte Romeo”) den Popart-Propheten eine gehörige narzisstische Kränkung mit auf den Weg: Einmal sieht man ihn, wie er in seinem Schlafgemach unzufrieden vor dem Spiegel steht. Nein, schön ist er wirklich nicht.

Aber wenigstens weiß Warhol als Selbstvermarkter seine bescheidenes Aussehen in Währung umzusetzen: Vor der Pressemeute, die ihn und Sedgwick bei der Paris-Visite in Empfang nimmt, erklärt er: "Edie ist zu schön, um Künstlerin zu sein. Künstler müssen hässlich sein." Und so lautet die Warholsche Währungspolitik, so wie sie Regisseur Hickenlooper sieht: Die Schönen liefern den Stoff, den die Hässlichen in Kreativität umsetzen. Warhol wird mithin zum gnadenlosen Ausbeuter des Schönen und des Reinen stilisiert.

Unerträgliche Factory-Sidekicks

Ja, gibt es denn keinen Prinzen, der das Hascherl Edie vor der Stiefmutter Warhol retten könnte? Doch doch: Auf einem Motorrad kommt ein berühmter Folksänger angedüst, der aussieht wie Bob Dylan, im Film aber nicht so genannt werden darf, weil die Affäre zwischen ihm und Sedgwick nicht belegt ist. "Star Wars"-Star Hayden Christensen spielt den Dichter und Grummler als durchtrainierten Naturburschen, der die liebreizende Edie vor knisterndem Kaminfeuer dazu überreden will, endlich dem degenerierten New Yorker Künstlerpack den Rücken zu kehren und selbst Bilder zu malen.

Die Figurenzeichnung in "Factory" ist also erschütternd eindimensional. Die Idee, ausgerechnet das – tatsächlich oft unterschätzte – Londoner It-Girl Sienna Miller das einstige New Yorker It-Girl Edie Sedgwick verkörpern zu lassen, klingt zwar erstmal gut. Aber letztendlich spielt Ex-Model Miller das Aschenputtel auf Heroin dann doch nur so, als ob sie für eine Junkie-Chic-Fotoproduktion posieren würde.

Geradezu unerträglich wird es bei den vielen historisch verbürgten Factory-Sidekicks: Der überirdisch schöne Tänzer Gerard Malanga etwa verkommt hier zum eitlen schwulen Hüpfer, und die unnahbare teutonische Velvet-Underground-Chanteuse Nico wird von einem aufgeregten jungen Ding so dargestellt, als hätte Heidi Klum einem ihrer Topmodels gesagt, sie solle jetzt mal ganz arrogant gucken.

"Factory Girl" ist so was wie ein Anti-Warhol-Rührstück. Und das nicht nur deshalb, weil der Popart-Meister hier charakterlich so schlecht wegkommt, sondern weil seine Ideen auf den Kopf gestellt werden: So wie Warhol in seinen Filmminiaturen mit Edie Sedgwick die Oberfläche der amerikanischen Warenwelt abtastete, um eine neue Ikonografie zu schaffen, tut Regisseur Hickenlooper, als würde in die seelische Abgründe hinabtauchen. Doch tragisch: Das einzige, was er von da hoch holt, sind Plastikfiguren und Plastikgefühle.

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