Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
04.09.2008
 

Action-Spektakel "Wanted"

Angelina im Ballett des Todes

Von Daniel Sander

Wer Sinn oder Verstand schätzt, ist hier falsch. In "Wanted" lässt sich ein Jammerlappen von Angelina Jolie zum Profi-Killer ausbilden. Der zutiefst kaltherzige Film verzichtet auf jede Spur von Logik oder Mitleid - und lässt seine Opfer in perfekt inszenierten Todestänzen sterben.

Wesley Gibson (James McAvoy) ist in den Augen dieses Films nicht bloß ein Verlierer, er ist ein Nichts. Täglich schleppt er sich zu seinem Buchhalterjob in das von Neonlicht geflutete Großraumbüro, nur um sich von diesem Berg einer Chefin anpöbeln zu lassen. Seine Freundin betrügt ihn mit seinem besten Freund. Er weiß das, ist aber zu träge, um etwas dagegen zu tun. Er kann die zwei eh nicht besonders leiden, aber sich selbst hasst er noch mehr. Gegen seine regelmäßigen Angstattacken helfen Pillen, in steigender Dosis.


Doch dann, eines abends in der Apotheke: Eine Frau spricht ihn an. Sieht aus wie Angelina Jolie, nennt sich Fox. Sagt ihm, er gehöre zu einem uralten Geheimbund von Profi-Killern, wie sein Vater, den er nie kennengelernt hat, der aber leider gerade umgebracht worden sei. Jetzt müsse eben Wesley der Gilde beitreten und Rache nehmen, den Vatermörder zur Strecke bringen. Der übrigens auch gerade in der Apotheke steht.

An dieser Stelle, noch ziemlich am Anfang, holt "Wanted" einmal tief Luft. Und dann geht es los und hört bis zum Ende nicht mehr auf. Schießerei in der Apotheke. Anschließende Verfolgungsjagd, Angelina fährt. Die Kamera folgt den Kugeln, wie sie in Zeitlupe um Ecken fliegen und jede Kurve nehmen, wechselt die Perspektive, von unten, von oben, von der Seite, bis das Auge nicht mehr mitkommt.

Es knallt, explodiert, brennt überall und ständig in diesem Film. Aber nicht einfach so, wie es das in jedem gewöhnlichen Blockbuster so tut, die Actionsequenzen in "Wanted" sind streng und kunstvoll durchchoreografiert.

VIDEOS ZUM FILM

Im O- Ton
Angelina Jolie zu "Wanted"

Trailer und Filmausschnitte
  • Filmtrailer: "Wanted"
  • Filmausschnitt: "Sein Mörder steht hinter Dir"
  • Filmausschnitt: "Du bist verrückt!"
  • Filmausschnitt: "Tut mir leid"
Gestorben wird viel und blutig, aber immer in perfekter Ästhetik. Logik und die Gesetze der Physik gibt es hier nicht, Hauptsache, es sieht gut aus, wenn mal wieder jemandem eine Kugel durch die Stirn gejagt wird. Ein kühles, zynisches Ballett des Todes.

Regisseur Timur Bekmanbetov ("Wächter des Tages"), Regie-Sensation aus Kasachstan, will in seinem Hollywood-Debüt unbedingt Filmbilder schaffen, die man so noch nie gesehen hat.

Das schafft er. Dafür verzichtet er auf jede Spur von Wärme oder Mitleid. Bei einem brillant gefilmten Zugunglück kommen Hunderte von Unschuldigen ums Leben, und der Film versucht nicht mal, so zu tun, als wäre es schade um sie.

Viele werden das widerlich finden. Man kann auch viel Ideologie aus diesem Film herauslesen, wenn man will. Manche halten "Wanted" in seiner pathoslüsternen Feier der unbedingten Überlegenheit gar für faschistoid.

Das Frauenbild ist mindestens fragwürdig – es tauchen nur drei weibliche Wesen auf: die fette und tyrannische Chefin, die untreue und nervende Freundin und natürlich die wunderschöne Amazone Angelina, die der schwächliche Held super findet, aber eben nur weil sie nichts mehr von einer realen Frau hat.

Doch noch bevor man in "Wanted" irgendeine Botschaft identifizieren kann, wirft der Film seine ganze moralische Grundlage einfach um. Gut und Böse? Ist eh alles relativ und eigentlich egal.

Diese Haltung kann man wieder subversiv oder anarchisch finden, am besten ist aber, man lehnt sich einfach zurück und genießt das alles als unpolitische Reizüberflutung. Denn "Wanted", der wie so ziemlich alle Großprojekte aus Hollywood heutzutage auf einer Comicvorlage basiert, ist tief in seinem eiskalten Herz eben nichts weiter als ein Cartoon und will auch nichts anderes sein.

Anders als der neue "Batman"-Film, der sich so sehr um Seriosität müht, versucht "Wanted" nicht, als gesellschaftlicher Kommentar ernst genommen zu werden.

Stattdessen zelebriert er selbstbewusst seine Lächerlichkeit: Die Profi-Killer-Gilde soll ein uralter Geheimbund von Webern sein, der bis heute fest glaubt, dass ihm ein magischer Webstuhl mit Hilfe von kleinen Macken im Stoff mitteilt, welcher Bösewicht präventiv aus dem Weg geräumt werden muss. Gildenchef Morgan Freeman muss die Webfehler nur in einen binären Code umwandeln, daraus einen Namen basteln, und schon kann guten Gewissens gemordet werden.

Wenn man dabei selbst ein bisschen zu viel Blut verliert oder sich alle Knochen gebrochen hat, hilft ein spezielles Wachsbad, und schon ist man wieder fit.

"Wanted" ist nicht mehr als eine hysterische, obszön unterhaltsame Schwächlingsphantasie; wie aus einem quasi kastrierten Jammerlappen doch noch ein ganz harter Typ wird.

David Fincher hat aus dieser Grundlage einst in "Fight Club" einen Film für die Ewigkeit gemacht. "Wanted" ist eher ein Film für den einen Abend. Aber einen richtig guten immerhin.

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH













Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern