Von Dirk Kurbjuweit
Bruno Ganz hätte sie nicht weggeschickt, wahrscheinlich nicht. Es war die große Frage der Linken in den siebziger Jahren: Würde man Terroristen der RAF bei sich übernachten lassen? Bruno Ganz hätte wohl Okay gesagt, kommt rein, ihr könnt bleiben.
Als gut 30 Jahre später in Deutschland ein Film über die RAF gedreht wird, will er unbedingt dabei sein, die Geschichte hat was mit seinem Leben zu tun. Er kriegt eine Rolle, natürlich, er ist Bruno Ganz, einer der besten Schauspieler deutscher Sprache. Am 25. September kommt dieser Film in die Kinos. Er basiert auf dem Buch "Der Baader-Meinhof-Komplex" von Stefan Aust und heißt auch so. Produzent und Drehbuchautor ist Bernd Eichinger, Regisseur Uli Edel.
Moritz Bleibtreu spielt den Terroristen Andreas Baader, Johanna Wokalek spielt Gudrun Ensslin, Martina Gedeck spielt Ulrike Meinhof, Nadja Uhl spielt Brigitte Mohnhaupt. Und Bruno Ganz spielt Horst Herold, damals Präsident des Bundeskriminalamts, Jäger der Terroristen. Um einen Terroristen spielen zu können, sei er ja zu alt, sagt Ganz.
Er sitzt am Flughafen Hannover, er kommt von einer Lesung und wartet auf einen Flieger nach Zürich, wo er lebt. Bruno Ganz ist Schweizer.
Von 1970 bis 1975 gehörte er zum Ensemble der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer, ein legendäres Theater, geleitet von Peter Stein. Es galt die Mitbestimmung, man wollte fortschrittlich sein, revolutionär sein. Ganz erinnert sich an all die linken Splittergruppen, die an der Schaubühne aktiv waren.
"Das ist ekelhaft"
Auch Ganz war links. "Ich wollte dem Volk dienen", sagt er. "Ich war bereit, meine bürgerliche Existenz weitgehend in Frage zu stellen oder sogar aufzugeben zugunsten einer anderen Gesellschaft." Es war nicht sein Land, aber es ging ihm um Gerechtigkeit insgesamt. Kein Krieg in Vietnam, keine Ausbeutung der armen Völker. Er nahm an Demonstrationen teil, aber mehr Gewalt als ein paar fliegende Steine kam nicht in Frage für ihn.
Den Terroristen hätte er gleichwohl nicht die Tür gewiesen, vor allem nicht Ulrike Meinhof, die vor dem Abtauchen in den Untergrund eine bürgerliche Journalistin war. Meinhof ist für Ganz "die Frau mit der größten Redlichkeit in der RAF". Aber als die terroristische "Bewegung 2. Juni" 1975 einen Verräter im Berliner Grunewald ermordet hatte, änderte sich Ganz' Blick auf den Terrorismus.
"Danach war endgültig Schluss mit meinen Sympathien." Die späteren Morde an Generalbundesanwalt Siegfried Buback oder Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer sieht er mit Unverständnis, mit Ablehnung. Schon die Sprache regt ihn auf. "Dieser unerträgliche Jargon, das ist ekelhaft", sagt Bruno Ganz.
"Your attention please", schnarrt es aus den Lautsprechern des Flughafens von Hannover. Bruno Ganz trägt einen Nadelstreifenanzug, ein T-Shirt, einen Schnauzbart. Hitler ist er ähnlicher als Herold. Adolf Hitler hat er in Bernd Eichingers Film "Der Untergang" gespielt. "Das einzige, worauf ich stolz bin, ist, dass ich die Juden stets mit offenem Visier bekämpft habe", sagt Bruno Ganz mit Hitlers Stimme auf dem Flughafen Hannover. Ein Passant guckt irritiert.
Rasterfahndung in Ordnung
Im Moment liest Ganz "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell, ein Buch über einen SS-Schergen, ein dickes, schweres Buch. Ganz macht vor, wie man es im Bett lesen kann. Die Ellbogen müssen aufgestützt, die Unterarme steil aufgerichtet sein. Er liest viel über den Holocaust, es lässt ihn nicht los.
"Horst Herold ist mir sympathisch", sagt er. Herold hat früh mit Computern gearbeitet, er hat die Rasterfahndung eingeführt, ein Verfahren, bei dem ein Raster von Merkmalen über die Bevölkerung gelegt wird, bis diejenigen übrigbleiben, die viele Merkmale eines Terroristen haben. Das Verfahren war umstritten, nicht bei Bruno Ganz. Er fand es in Ordnung.
Wer Horst Herold begegnet ist, weiß, dass er ein lebhafter Mann ist, ein großer Schauspieler seiner selbst, ein Eigendrama. Bruno Ganz hat zwei Filmbänder gesehen, auf denen Herold ausnahmsweise ruhig ist. So spielt er ihn, ruhig, bedächtig. Er hat erst versucht, mit Polstern in den Backen zu spielen, damit er ihm äußerlich ähnlicher ist, aber damit konnte er schlecht sprechen.
So wirkt Bruno Ganz in dem Film "Der Baader-Meinhof-Komplex" nicht wie der echte Horst Herold, aber weil er ein großer Schauspieler ist, sieht man ihm trotzdem gerne zu. Das Schicksal des echten Horst Herold berührt ihn. Weil Herold ein gefährdeter Mann war, baute er sich ein Haus auf dem Gelände einer Polizeikaserne. Als er kein gefährdeter Mann mehr war, kaufte ihm niemand das Haus ab. Wer will schon auf dem Gelände einer Polizeikaserne leben? Herold musste bleiben, als letzter Gefangener der RAF.
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Ich stimme Ihnen vollumfänglich zu! Es sind reine Kriminelle! Dazu zählen ich auch die Leute, die heute bei jeder Demonstration - ob nun zu Recht oder zu Unrecht - gewalttätig gegen die Polizisten und/oder Sachen werden. Damit [...] mehr...
Den Film habe ich nur ausschnittsweise gesehen, was mich davon überzeugt hat, wie einseitig er gedreht wurde. Die Frage nach den Idealismen der BANDE (!) erscheint mir daher wichtiger denn je, gestellt sein zu dürfen, besonders [...] mehr...
..... Eben nicht. Viel wichtiger, als die schwachsinnigen Taten, war der Weg dorthin. Die RAF spiegelte nur ein Gewaltpotential, das in der Gesellschaft, und zwar vom Kopf her, allgegenwärtig war. Sie sind der Ausdruck des [...] mehr...
Ich denke, besonders der 2.Juni 1967 hat dazu beigetragen, dass alles so gekommen ist. Denn damals wusste man noch nicht, dass Kurras für die Stasi gearbeitet hat und dementsprechend, dass die Polizei das alles so geplant hatte, [...] mehr...
Vielleicht ist es sinnvoll einmal die Reaktionsweise von Staaten auf Minderheiten zu überprüfen. (ich sage ganz bewusst Staaten, da ich glaube, dass fast jedes staatlich verfasste System ähnlich reagiert) Eben jene Minderheiten, [...] mehr...
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