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11.09.2008
 

Dokumentation "Dance for All"

Schritt für Schritt aus der Hölle

Von Daniel Sander

Wer in die Townships rund um Kapstadt hineingeboren wird, kommt da so leicht nicht wieder heraus. Der deutsche Dokumentarfilm "Dance for All" zeigt leichtfüßig einen Weg: Ballett.

Man habe habe ihm dringend abgeraten, schwarzen Kindern Ballett beibringen zu wollen, sagt Philip Boyd, früher selbst einmal ein großer Tänzer am Ballett von Kapstadt, ein Weißer natürlich, wie alle in Südafrika zu Zeiten der Apartheid. Denn Schwarze, habe man ihm gesagt, seien für klassischen Tanz ungeeignet. Die hätten doch viel zu große Füße und zu breite Hintern.


Boyd und seine Frau Phyllis Spira, Südafrikas einzige "Primaballerina Assoluta", mochten das so nicht akzeptieren und gründeten vor 17 Jahren das Projekt "Dance for All" und zogen damit in die Townships rund um Kapstadt.

Wenn man die Jugendlichen dort zum Tanzen bringe, so ihre Überzeugung, dann bekäme deren Alltag einen Sinn jenseits von Gewalt, Krankheit und Armut, und das wäre der erste wichtige Schritt heraus aus der täglichen Hölle.

Wie man Jugendliche aus dem sozialen Abseits mittels Musik und Tanz wieder in die gesellschaftliche Mitte zu ziehen versucht, zeigte schon der immens erfolgreiche Dokumentarfilm "Rhythm is it!" vor einigen Jahren.

Die Lebenswelt in den Slums Südafrikas ist allerdings um einiges rauer als in den Problembezirken Berlins. Für die hoffnungsvollen Tänzer, die von den beiden deutschen Regisseurinnen Viviane Blumenschein und Elena Bromund in "Dance for All" mit viel Feingefühl porträtiert werden, ist das Ballett oft nicht nur Beschäftigungstherapie, sondern tatsächliche Karriereoption, ein echter Ausweg.

Der junge Nqaba zum Beispiel hält sich für einen ziemlich harten Typen, vaterlos aufgewachsen wie die meisten, hat schon einige seiner Freunde sterben sehen; ihn wirft so leicht nichts aus der Bahn.

Doch wenn er tanzt, ist er plötzlich ein anderer; schwebt über die Bühne, als wäre Ballett für ihn das viel natürlichere Mittel der Fortbewegung. Der Film begleitet ihn nach San Francisco, wo er ein sechswöchiges Tanzstipendium bekommen hat. Und wieder zurück in die Heimat, wo er selbst zum Lehrer bei "Dance for All" wird.

Oder die verträumte Zandile, die schon 12 Jahre alt war, als sie mit dem Tanzen angefangen hat, und deswegen härter als alle anderen an sich schuftet, um den Rückstand aufzuholen; sie wünscht sich so sehr, es wie Nqaba einmal ins Ausland zu schaffen. Oder Theo, der Jahre in England getanzt hat und bei seiner Rückkehr wie ein Star gefeiert wird, weil Philip Boyd und die im März dieses Jahres verstorbene Phyllis Spira einfach immer an ihn geglaubt haben.

"Dance for All" ist trotzdem keine bloße Aneinanderreihung von rührseligen Du-kannst-es-schaffen-Geschichten. Nicht jeder wird dem Elend entkommen, nur weil er mit dem Tanzen angefangen hat, das ist auch den beiden Regisseurinnen klar. Sie dokumentieren die Erfolge, aber auch die Grenzen, an die die Jugendlichen stoßen.

Vor allem aber – und das ist das Schönste an diesem wunderbaren kleinen Film – zeigen sie das große Glück in den Gesichtern von Nqaba, Zandile oder Theo, wenn sie tanzen dürfen. So sieht Hoffnung aus.

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