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18.09.2008
 

Eichingers "Baader-Meinhof-Komplex"

Die Terror-Illustrierte

Von Andreas Borcholte

2. Teil: Abklappern historischer Haltestellen

Uli Edel, der einst mit Eichinger "Christiane F." drehte, wollte, das sagte er der Nachrichtenagentur Reuters, einen Geschichtsfilm für seine beiden Söhne machen, beide Anfang 20, beide in den USA aufgewachsen, beide unbedarft gegenüber dem Thema RAF: "Normalerweise dreht man nicht für ein bestimmtes Publikum, aber diesmal war es anders. Ich wollte ihnen alles sagen und zeigen, was ich weiß und herausgefunden habe, so dass sie sich ein Urteil bilden können über das, was in dieser Zeit passiert ist und was ich als Zeitzeuge miterlebt habe."

Zu Beginn des Films löst Edel diese Aufgabe mit Bravour. Erst als Ulrike Meinhof sich in Stammheim umbringt, isoliert von Öffentlichkeit und Kampfgenossen, und damit auch der Film seine einzige Protagonistin verliert, beschränkt sich die Erzählung des "Baader-Meinhof-Komplexes" nur noch darauf, historische Haltestellen hastig abzuklappern, mit teils drastischen Szenen zu bebildern, aber ohne großen Effekt hinter sich zu lassen.

Gerade der junge Zuschauer, der Austs Buch nicht kennt und zu jung war, um die Zeit zu erleben, wird hier viele Dinge, die nur angedeutet werden, nicht mehr nachvollziehen können. Mal ganz abgesehen von dem in schneller Folge auf- und abtauchenden Personal, das Edel durch seinen Film hetzt. Ohne Geschichtsbuch auf dem Schoß verliert man da schon mal den Überblick.

Umso mehr muss der Film sich kraft seiner eigenen Erzählung tragen. Doch mit der Entscheidung, nur zu zeigen, aber nicht zu deuten, haben sich Eichinger und Edel viel verbaut. Als beispielsweise im letzten Drittel die zweite und dritte Generation der RAF das Ruder übernimmt, ist Brigitte Mohnhaupt (angemessen kühl: Nadja Uhl) die Anführerin. Eine Beziehung zu ihr baut man jedoch nicht auf, zu wenig Einführung und Charakterisierung wird ihrer Figur zugestanden. Teils wohl, weil man schlicht nicht mehr weiß, teils aber auch, weil die Interpretation, die Psychologisierung der Terroristen bewusst vermieden wird.

Frank Schirrmacher lobte den "Baader-Meinhof-Komplex" in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" dafür, dass er endlich mit dem "pathetischen Muff von dreißig Jahren", mit dem "Gefühlsterrorismus" linksromantischer Filmemacher und Ex-Sympathisanten aufräume, die seiner Meinung nach bis heute der Faszination RAF erliegen.

Das richtet sich gegen Regisseure wie Volker Schlöndorff ("Die verlorene Ehre der Katharina Blum"), diskursive, kollektive Filmcollagen wie "Deutschland im Herbst", die um 1977 herum entstanden. Aber auch gegen jüngere Filmemacher wie Christian Petzold, der sich 2001 in "Die innere Sicherheit" mit dem Seelenleben von Ex-Terroristen auseinandersetzte.

Tatsächlich gibt es im Genre des deutschen RAF-Dramas mehr Schatten, mehr Befindlichkeiten und Duseleien als Licht. Doch allein die Bereitschaft, sich hineinzudenken in diese zwielichtigen Charaktere, die Deutschland mit wirrer Ideologie und brutalen Taten terrorisierten, allein der Versuch, einen Sinn zu erkennen, eine Geschichte anzubieten, verdient Respekt.

Von Auseinandersetzung ist bei Edel und Eichinger nicht viel zu sehen. Im Gegenteil: Gerade in der Inszenierung Andreas Baaders lassen sie sich selbst hinreißen vom coolen Schillern des Terroristenmachos, der pistolenknallend mit dem Porsche durch die bundesrepublikanische Nacht rauschte. Als er dem jungen Peter-Jürgen Boock in einer Szene lässig seine Rocker-Lederjacke als Geschenk zuwirft, während der mit der nackten Gudrun Ensslin (katzenhaft: Johanna Wokalek) in der Wanne liegt, bedient der Film die Popstar-Klischees der RAF fast ebenso dumpf wie einst Christopher Roth in seinem missglückten Zeitgeistporträt "Baader". Und dabei ist Moritz Bleibtreu noch nicht einmal so schlecht besetzt, wie man befürchten musste.

Wie schon beim "Untergang" scheut sich das Eichinger-Team auch hier, eine Haltung zu vertreten. Beim Bunkerdrama drückte sich Regisseur Oliver Hirschbiegel darum herum, den Freitod des Führers zu zeigen, beim "Baader-Meinhof-Komplex" fehlt am Ende schlicht die moralische Einordnung, ein Urteil über den deutschen Herbst und seine Akteure.

Uli Edel stellt Staatsgewalt und Terroristengewalt gleichwertig nebeneinander und verteilt Sympathiepunkte nach beiden Seiten. Also haben irgendwie alle Recht? Die RAF mit ihrem außer Rand und Band geratenen Protest - und der Staat mit seinen hilflosen Repressalien?

Einem Film, der mit solchem Getöse in die deutschen Kinos stürmt und angeblich die Deutungshoheit über die RAF erobern will, hätte etwas weniger Wille zur Ästhetik, dafür aber mehr künstlerischer Wagemut gutgetan.

So wird das deutsche Terrortrauma letztgültig ahistorisiert: Befreit vom pädagogischen Impetus des Geschichtskinos ist die RAF nun frei für die Eingemeindung in den deutschen Entertainment-Mainstream. Nach dem Film zum Buch und dem Buch zum Film zum Buch warten wir gespannt auf die große Baader-Meinhof-Spielshow auf ProSieben.

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08.11.2010 von chirin: Raf-Terroristen - reine Kriminelle oder auch fehlgeleitete Ideealisten?

Ich stimme Ihnen vollumfänglich zu! Es sind reine Kriminelle! Dazu zählen ich auch die Leute, die heute bei jeder Demonstration - ob nun zu Recht oder zu Unrecht - gewalttätig gegen die Polizisten und/oder Sachen werden. Damit [...] mehr...

08.11.2010 von GinaBe:

Den Film habe ich nur ausschnittsweise gesehen, was mich davon überzeugt hat, wie einseitig er gedreht wurde. Die Frage nach den Idealismen der BANDE (!) erscheint mir daher wichtiger denn je, gestellt sein zu dürfen, besonders [...] mehr...

07.11.2010 von rabenkrähe:

..... Eben nicht. Viel wichtiger, als die schwachsinnigen Taten, war der Weg dorthin. Die RAF spiegelte nur ein Gewaltpotential, das in der Gesellschaft, und zwar vom Kopf her, allgegenwärtig war. Sie sind der Ausdruck des [...] mehr...

07.11.2010 von MrCrabs:

Ich denke, besonders der 2.Juni 1967 hat dazu beigetragen, dass alles so gekommen ist. Denn damals wusste man noch nicht, dass Kurras für die Stasi gearbeitet hat und dementsprechend, dass die Polizei das alles so geplant hatte, [...] mehr...

02.10.2008 von irmimel:

Vielleicht ist es sinnvoll einmal die Reaktionsweise von Staaten auf Minderheiten zu überprüfen. (ich sage ganz bewusst Staaten, da ich glaube, dass fast jedes staatlich verfasste System ähnlich reagiert) Eben jene Minderheiten, [...] mehr...

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