Von David Kleingers
"The Horror…the Horror", das waren die letzten Worte des sterbenden Colonel Kurtz in Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now". "Hollywood...Hollywood" möchte man da am Ende von "Tropic Thunder" entgegnen, denn die ebenso gnadenlose wie grandiose Meta-Parodie des Kriegsfilmgenres ist, unter gänzlich anderen Vorzeichen, ebenso radikal wie Coppolas monströse Militär-Phantasmagorie.
Nicht nur gelingt Produzent, Regisseur, Co-Autor und Hauptdarsteller Ben Stiller mit Hilfe etlicher prominenter Waffenbrüder die Karikatur kinoeigener Schlachtgemälde; sein Film ist auch ein masochistischer, nachgerade lustvoll-autoaggressiver Frontalangriff auf das aufgeblähte US-Starsystem – eine wunderbare Selbstkasteiung, die schizophren und doch schlüssig im Triumph der Gescholtenen endet.
Die Munition für seinen Feldzug bekommt Stiller aus dem schier unerschöpflichen Arsenal der Leinwandgemetzel. Neben den revisionistischen Vietnam-Kriegsdramen der achtziger Jahre, allen voran Oliver Stones "Platoon" (1986), liefern unzählige Exploitation-Werke sowie der gesammelte Söldnerdreck aus der Videokiste genügend knallige Klischees für einen Film-im-Film.
Denn "Tropic Thunder" handelt davon, dass im südostasiatischen Dschungel der britische Regisseur Damian Cockburn (Steve Coogan) eben jenen designierten Blockbuster "Tropic Thunder" zu realisieren versucht. Denn die starbesetzte Verfilmung des vermeintlichen Tatsachenromans von Vietnam-Veteran Four Leaf Tayback (Nick Nolte) droht im finanziellen Fiasko zu enden, nicht zuletzt dank der Egoismen des eitlen Schauspielerensembles.
Sorgenlos trotz umherfliegender Extremitäten
Um die schon verhunzte Produktion noch zu retten, expediert Cockburn die selbstverliebten Stars für ein Cinéma-Vérité-Experiment in die echte Wildnis. Die inszenatorische Guerilla-Aktion fordert sogleich ein tatsächliches Opfer als Cockburn auf eine echte Mine tritt. Aber trotz der umherfliegenden Extremitäten des Filmemachers wähnen sich die Akteure immer noch im Sucher versteckter Kameras und chargieren munter weiter mitten in den realgefährlichen Urwald hinein.
Allen voran das Trio Infernale des Big-Budget-Wahns: Der abgewirtschaftete Actionstar Tugg Speedman (Ben Stiller), der australische Charakterdarsteller und Method-Acting-Ikone Kirk Lazarus (Robert Downey jr.) und das kokainabhängige Komödien-Phänomen Jeff Portnoy (Jack Black).
Komplettiert wird die Kompanie durch einen geschäftstüchtigen Rapper mit dem ambitionierten Kampfnamen Alpa Chino (sprich Al Pacino, gespielt von Brandon T. Jackson) und das schüchterne Nachwuchstalent Kevin Sandusky (Jay Baruchel), der als einziger Beteiligter das Drehbuch gelesen hat und somit berechtigte Zweifel am zunehmend dramatischen Verlauf des Survivaltrips hegt.
Zwischen Schusswechseln und Schmierendialogen
Denn im Dschungel kommt es nicht nur zum Konflikt zwischen den manischen Hauptdarstellern, sondern auch zum Showdown mit einer ausgewachsenen Bande von Drogendealern. Nunmehr wahrhaftig "missing in action" müssen die Mimen all ihre fragwürdigen Talente mobilisieren, um zwischen Schusswechseln und Schmierendialogen ihre Karrieren sowie das eigene Leben zu retten.
Hier werden keine Gefangenen gemacht, wenn es um eine Pointe geht: Stillers tragischer Macho etwa scheitert fortwährend an seinen verstiegenen Vorstellungen von großer Schauspielkunst, die in einer bizarren Vermählung von "Rambo" und "Rainman" münden.
Robert Downey jr., sowieso das umjubelte Comeback-Kid dieses Kinojahrs, erweitert indes sein Repertoire um die wohl beste existierende Persiflage narzisstischer Performance-Exzesse der De Niro-Pacino-Crowe-Schule, einer Schauspielkunst also, die sich vor allem daran bemisst, möglichst vollständig in einer Rolle aufzugehen. Dass sich sein Kirk Lazarus einer Pigmentbehandlung unterzieht, seine Haut verdunkeln lässt, um in formvollendeter Hybris einen afroamerikanischen G.I. darzustellen, erscheint angesichts solch anmaßender Vorbilder nur auf den ersten Blick absurd.
Und Jack Black zeigt sich einmal mehr furchtlos, wenn es um die enthemmte Selbstentblößung eines derangierten Individuums geht.
Seitenhiebe gegen die Oscar-Tradition
Die nicht minder verheerte Heimatfront gehört derweil einem Gaststar, dessen Auftritt mittlerweile kein Geheimnis mehr sein dürfte: Unter mehreren Lagen Latex verborgen gibt Tom Cruise den cholerischen Produzenten Les Grossmann, gegen dessen Übergriffe im Vorstandsbüro das Dschungelcamp wie ein Kurort wirkt. Cruise, in der Realwelt selbst strapazierter Eigentümer des Studios United Artists, bietet die Paraderolle als Grossmann eine nicht für möglich gehaltene Gelegenheit, den ihm immer wieder attestierten Größenwahn nicht nur zu potenzieren, sondern zugleich zu exorzieren.
Die rabiaten Charakterisierungen und hemmungslosen Überzeichnungen in "Tropic Thunder" sind in den USA nicht ohne Kritik geblieben: Einige Interessenverbände protestierten gegen Stillers offensive Seitenhiebe gegen die kitschige Hollywood-Tradition (Stichwort Tinseltown), die tränenrührende Darstellung geistig oder körperlich Behinderter mit edlem Gemüt und /oder Wunderbegabung bei Preisverleihungen wie dem Oscar bevorzugt zu prämieren.
Sieht man jedoch "Tropic Thunder", erscheint dieser Vorwurf ebenso verfehlt wie die Mutmaßung, Cruise jeglicher Realität entrücktes Produzentenporträt würde antisemitische Vorurteile befördern. Ganz im Gegenteil: Stillers Fanal des entgrenzten Entertainments ist bei aller Vulgarität die erhellende, befreiende und in letzter Konsequenz aufrichtige Demontage einer Illusionsindustrie, die allzu oft berechtigte, aber ganz und gar profane Interessen hinter pompöser Bedeutungshuberei verbirgt.
Ein Betriebsausflug von Unterhaltungsindustriellen
Das rückt Stillers Film in überraschende Verwandtschaft zu Preston Sturges' selbstreflexivem Komödienklassiker "Sullivans Reisen" (1941): Dort war es der verirrte Drehbuchautor Sullivan, der einem behaupteten gesellschaftskritischen Anspruch hinterjagte, um am Ende seiner Odyssee die versöhnlichen, ja heilenden Qualitäten des eskapistischen Kinovergnügens wieder zu entdecken.
Stillers buchstäblicher Bombenspaß wiederum fordert ungeniert Unterhaltung zu einem Zeitpunkt, da sich nicht wenige amerikanische Produktionen redlich bis überfordert mit dem Irak-Krieg auseinandersetzen.
Dabei ist "Tropic Thunder" keineswegs eine respektlose Absage an ernste Filmkunst, sondern eher die erfrischende Vergegenwärtigung des unwiderstehlichen Reizes, der von begnadetem Blödsinn ausgeht: Keine Reise ins Herz der Finsternis, sondern ein beschwingter Betriebsausflug von Unterhaltungsindustriellen, die über ihre eigenen Unzulänglichkeiten lachen können und so vom Schlachtfeld der Satire einen formidablen Sieg für Hollywood davontragen.
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