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24.09.2008
 

Debatte um RAF-Film

Der Baader-Meinhof-Konsum

Die RAF bekämpfte das System, jetzt hat das System gewonnen: Mit Bernd Eichingers Kinodrama "Der Baader-Meinhof-Komplex" wird der deutsche Terrorismus rundum vermarktet. Fehlt nur noch Andreas Baader als Wackel-Figur fürs Auto, meint Christoph Schwennicke.

Es ist bis heute etwas diffus geblieben, was die Mitglieder der RAF vor 30 Jahren eigentlich wollten. Soweit wir Spätgeborenen es verstanden haben: das Schweinesystem stürzen, den kollektiven deutschen Altnazi ausrotten, eine gute oder wenigstens bessere Welt herbeimorden oder beides, den Palästinensern helfen und den Kapitalismus bekämpfen - so was in der Richtung.

Uraufführung von "Der Baader-Meinhof-Komplex" am vergangenen Dienstag in München, Darsteller Bleibtreu, Wokalek: Von Party zu Party
Getty Images

Uraufführung von "Der Baader-Meinhof-Komplex" am vergangenen Dienstag in München, Darsteller Bleibtreu, Wokalek: Von Party zu Party

Zweifelsfrei aber steht fest, was sie bestimmt nicht wollten: Ein Ende als Abziehbild auf schwarzen Zwölfzylindern, die vergangene Woche als VIP-Shuttle-Service zur Premiere des Eichinger-Films durch Berlin glitten und Menschen mit wichtigem und arrogantem Gesichtsausdruck von Party zu Party brachten.

Autos dieser Kategorie haben die selbsternannten Kämpfer der RAF damals in die Luft gejagt und die Insassen gleich mit. Nur: Die alten Modelle, die S-Klassen von Mercedes, die sie durchsiebten, waren schöner als die plumpen Phaetons.

In Bernd Eichingers Film "Der Baader-Meinhof-Komplex" feiert das System seinen endgültigen Triumph über diejenigen, die ihren wahnhaften Kampf als Revolutionsversuch gegen eben jenes System verstanden haben. Das Kino-Konsum-Event hat die RAF verschluckt und verschlungen, rülpst satt und zufrieden und genehmigt sich darauf ein Gläschen Champagner oder ein Näschen Kokain im Szenelokal.

Was wir erleben ist Porno. Schauspieler sitzen mit nachdenklicher Miene in ihren Peep-Show-Kabinen und geben allen Sendern maschinell Interviews im Fünf-Minuten-Takt. Der Zuschauer erfährt bei Super RTL oder RBB, wie zum Beispiel Moritz Bleibtreu die Sache sieht, jetzt mal politisch und so. Es gehe um die Liebe, sagt Bleibtreu, ohne die Liebe zwischen Baader und Ensslin wäre das alles nicht so gekommen. Being Andreas Baader - Bleibtreu muss es wissen. Er spielt ihn ja.

Fest steht, dass der Film die RAF endgültig zur massenmedialen Ware macht und zur maximalen Vermarktung freigibt. Diejenigen, die damals damit angefangen haben, Kaufhäuser anzuzünden, weil dort der böse Kommerz zu Hause war, werden heute von einer gigantischen Konsum-Maschine vermarktet, gegen die sich das Frankfurter Kaufhaus von einst wie ein liebenswerter Tante-Emma-Laden ausnimmt.

Während der Kapitalismus weltweit gerade in die Knie geht, feiert er im deutschen Kino einen großen Sieg. Es muss uns also nicht bange werden, selbst wenn die Kreditanstalt für Wiederaufbau eine halbe Milliarde Euro verdaddelt und die amerikanische Regierung mit Steuergeld alle maroden Banken aufkauft. Das System funktioniert schon noch.

Es wird interessant sein zu sehen, wie sich die insgeheimen, nein, sagen wir besser: RAF-Versteher verhalten, die die Zeiten damals bewusst und anteilnehmend miterlebt haben. Wenn sie ins Kino gehen und in Erinnerungen schwelgen, finanzieren sie das Schweinesystem mit, das ihre radikalsten Kämpfer überwinden wollten und das sich jetzt an ihnen mästet.

Wenn sie so konsequent wären wie beim selbstverständlichen Einkauf von fair gehandeltem Kaffee und regionalem Obst, dann müssten sie draußen bleiben.

Konsumverzicht ist ansonsten das einzige, was hilft. Denn es steht ja mehr zu befürchten: Der Rechtehandel weltweit und der Devotionalienhandel in Deutschland versprechen eine gute Rendite. Vielleicht sollte man Eichinger-Aktien kaufen, oder, wie heißt die Firma, Constantin?

Warum nicht RAF-Memorabilia im großen Stil auf den Markt bringen? Andreas Baader als Wackel-Figur fürs Auto; das Schleyer-Foto mit Pappschild vor der Brust auf T-Shirts; Christian Klars hohlwangiges Gesicht mit diesem flackernden Blick als Karnevalsmaske. Das nur als erstes Brainstorming. Wenn man sich da zusammensetzt und strukturiert nachdenkt, fällt einem sicher noch mehr ein.

Man muss grundsätzlich kein Mitleid haben mit Christian Klar und den anderen Überlebenden der RAF, wirklich nicht. Aber dieses schmachvolle Ende haben sie nicht verdient. Lebenslang hätte gereicht.

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14.10.2008 von jojo im spiegel: was sagt eigentlich Christoph Schwennicke zur Kritik an seinem Artikel?

...das würde mich wirklich einmal interessieren! Eigentlich finde ich die Kritiken des Spiegels an Film und Fernsehen immer sehr unterhaltsam, interessant und zutreffend, aber während der Lektüre dieses Artikels musste ich [...] mehr...

10.10.2008 von regie 510: Nicht ausgelutscht

Ich finde das Thema alles andere als ausgelutscht, im Gegenteil. Immerhin terrorisierten drei Generationen der RAF die BRD über Jahrzehnte, ein meiner Meinung nach sehr wichtiger Abschnitt deutscher Nachkriegsgeschichte, welcher [...] mehr...

10.10.2008 von mime: ausgelutscht?

Gehen Sie doch mal auf die Straße und fragen sie willkürlich nach. Sie werden desillusioniert nach Hause gehen. Endlich mal NICHT nur die 3. Reich bewältigung. Das RAF Kapitel ging in der Schulgeschichte schon unter, weil [...] mehr...

10.10.2008 von Hilfskraft: Baader-Meinhof-Komplex

Interessiert das noch irgend jemanden? Gibt es keine besseren Themen als dieses ausgelutschte "...wir hatten auch mal Terroristen!"? Hilfskraft mehr...

09.10.2008 von regie 510: Any promotion is good promotion

Any promotion is good promotion - das trifft mittlerweile auch auf den Film "Der Baader Meinhof Komplex" zu. Man darf nicht vergessen: Hier handelt es sich um einen Kinofilm, nicht um eine 1:1-Dokumentation, das [...] mehr...

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