Sonntag, 22. November 2009

Kultur



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02.10.2008
 

Oliver-Stone-Film "W."

"Bush kommt wieder"

Daran hat sich Hollywood noch nie gewagt: die Biografie eines amtierenden US-Präsidenten. Oliver Stone hat es mit "W." nun zum ersten Mal getan. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Regie-Berserker, warum bei seinem Bush-Porträt nur eines herauskommen konnte - Satire.

SPIEGEL ONLINE: Herr Stone, was ist Ihr neuer Film "W.": ein Psychogramm von US-Präsident George W. Bush, ein Politthriller, eine Komödie, eine Tragödie?

Stone: In erster Linie eine Satire. Doch schon in der griechischen Antike waren Komödie und Tragödie zwei Seiten derselben Medaille. Was lustig und albern ist, ist oft auch traurig und bedrückend. Und ein Mann, der so extrem ist wie George W. Bush, wirkt manchmal im selben Moment amüsant, Furcht einflößend und Mitleid erregend zugleich. Bush hat jeden von uns und die gesamte Welt kräftig durchgerüttelt. Kaum ein US-Präsident vor ihm hat rund um den Globus so starke Gefühle geweckt.

ZUR PERSON

REUTERS
Der US- Regisseur Oliver Stone, 62, beschäftigt sich gern mit Themen der amerikanischen Zeitgeschichte. Zweimal schon standen ehemalige Präsidenten im Zentrum von Stone- Filmen. Seine Werke werden oft kontrovers diskutiert. Dreimal hat er bereits den Oscar gewonnen. In seiner Politsatire "W.", die Mitte Oktober in den USA Premiere feiert, nimmt sich der Regie- Berserker Oliver Stone das Leben und Schaffen von George W. Bush vor. SPIEGEL ONLINE traf den Regisseur bei den Dreharbeiten in Shreveport, Louisiana.
SPIEGEL ONLINE: Sie meinen Abneigung und Hass?

Stone: Bush ist das personifizierte Negativimage unserer Nation. Er verkörpert das, was die Amerikaner seit Teddy Roosevelt nicht mehr sein wollten: einen Cowboy, der gewaltsam Land nimmt und glaubt, ein Krieg sei gut für den menschlichen Geist, dass er eine Nation stärkt und ihre Bürger eint. Reagan hat sich diese Weltsicht wieder zu Eigen gemacht. Er war in vielerlei Hinsicht Bushs geistiger Vater.

SPIEGEL ONLINE: Von wohl keinem US-Präsidenten gibt es so viele Karikaturen wie von Bush. Ist es noch möglich, ihn als dreidimensionale Filmfigur zu zeigen?

Stone: Wir zeigen Bush überlebensgroß und zugleich als kleinen Mann. Wir zeigen seine menschliche Seite, wie er denkt, isst und atmet. Wenn Sie in Josh Brolins Augen sehen, wie er Bush spielt, dann können Sie einen einfachen Charakter und gute Absichten erkennen - aber auch böse. Doch alles in allem spielt Josh ihn viel netter, als er in Wirklichkeit ist. Wir sind im Zweifel für den Angeklagten. Viele Zuschauer werden Bush in unserem Film mögen, aber hassen, was er tut. Wie in der griechischen Tragödie ist er der Tyrann.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen die Vereinigten Staaten als Tyrannenstaat?

Stone: Bush, Cheney, Wolfowitz und Rumsfeld haben das State Department ins Pentagon verlagert, sie haben zahllose Gesetze gebrochen, sie haben den Kongress als einen lästigen Wurmfortsatz betrachtet. Das war eine echte Kabale. Sieben bis zehn Leute in Bushs Zirkel haben die Politik innerhalb von drei Jahren völlig neu definiert, das Gesetz gebrochen und jeden Bereich der Verwaltung durch und durch politisiert, vom Pentagon bis zur Justiz. Ja, Sie haben einen Tyrannenstaat geschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Anschläge vom 11. September dabei geholfen?

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Stone: Der 11. September diente als Rechtfertigung, die Samthandschuhe auszuziehen und das lange unterdrückte Bedürfnis, die Stärke einer Supermacht zu demonstrieren, endlich wieder auszuleben. Dieses Bedürfnis gab es schon seit dem Zweiten Weltkrieg. Bereits die Gefahr, die von der ehemaligen Sowjetunion ausging, wurde von den US-Militärs und Geheimdiensten maßlos übertrieben, um das Pentagon mehr und mehr auszubauen. Doch dank Bush ist es nun die mächtigste Institution der Vereinigten Staaten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Bushs Familie in Ihrem Film?

Stone: Eine wichtige. Bush ist ein Erbfolger. Er kommt aus einer der reichsten, mächtigsten Familien unseres Landes. Zwar scheiterte er bis zu seinem 40. Lebensjahr in nahezu allem, was er anpackte, verfügte aber über ein weitreichendes Netz von Beziehungen. Sein Aufstieg begann, als sein Vater Präsident wurde. Er eiferte seinem Vater nach und lief vor ihm davon. Er wollte es ihm gleich tun und alles besser machen. Er warf seinem Vater vor, zu viel zu denken und zu zaudern. Er sah ihn als liberalen, entscheidungsschwachen Republikaner.

SPIEGEL ONLINE: Bush legt großen Wert darauf, Texaner zu sein. War das für ihn, wie Jacob Weisberg in der Bush-Biografie "The Bush Tragedy" behauptet, ein Mittel, sich von seinem Vater zu distanzieren, der in New England geboren wurde und ein Ostküsten-Intellektueller war?

Stone: Ja, bisweilen konnte man den Eindruck haben, es sei Bush wichtiger, Texas in seinem Blut zu haben als seinen Vater. Er ist ein Ebenbild seines Vaters - und dessen Gegenbild. Seine texanische Identität ist für ihn ein Stützkorsett, ohne sie könnte er plötzlich wieder zusammenbrechen. Sätze wie diese würde er selbst natürlich "Psycho-Gebabbel" nennen, und das mag er gar nicht. Bush kehrt den Stolz, Texaner zu sein, ähnlich heraus wie einst Lyndon B. Johnson. Doch Texaner neigen dazu, laut, rüde und arrogant zu sein und in den Krieg zu ziehen.

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