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02.10.2008
 

Oliver-Stone-Film "W."

"Bush kommt wieder"

2. Teil: Cowboy-Charme, dem keiner widerstehen kann

SPIEGEL ONLINE: Welche Eigenschaft von Bush bewundern Sie am meisten?

Stone: Er ist ein gewiefter Politiker und ein cleverer Geschäftsmann, der sich selbst blendend verkaufen kann. Ich habe ihn ja mal kennengelernt, ich glaube nicht, dass ich Lust hätte, mit ihm rumzuhängen. Doch er hat ein sehr einnehmendes Wesen, wenn er durch die Tür kommt, gehört der Raum ihm. Er drängt sich nicht auf, wirkt nicht bedrohlich, aber er hinterlässt bleibenden Eindruck. Er lächelt, scherzt, gibt einem die Hand. Seinem Cowboy-Charme ist schwer zu widerstehen. Er hat Menschenkenntnis, er liest keine Bücher, er liest in Gesichtern, in den Augen seines Gegenübers. Ich bewundere seine Entschlossenheit, und ich verachte es, wenn sie zur Verbohrtheit wird.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Film "Nixon" von 1995 zeigen Sie einen von Selbstzweifeln geplagten Präsidenten. Stellt Bush das Gegenteil von Nixon dar?

Stone: Nixon hatte moralische Werte, die für ihn als Politiker von Nachteil waren. Er litt unter seinem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber Kennedy. Aber er hatte ein Gewissen. Er wusste, dass er nach der Watergate-Affäre zurücktreten musste. Zu einem solchen Schritt wäre Bush nie in der Lage gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Kennt er wirklich keine Reue?

Stone: Nein, er wünscht sich nur, manches besser gemacht zu haben, diesen Satz bei einer Rede, jene Geste. Doch er ist nicht in der Lage, sich einem Widerspruch zu stellen und ihn auszuhalten - das macht sein Kopf nicht mit. Er ist eingemauert in seinem Bewusstsein, berufen zu sein. Ich wünschte, er wäre nach Vietnam gegangen. Die Erfahrung, herumgeschubst zu werden, hätte ihm sicher gut getan und seine Überheblichkeit vielleicht gedämpft.

SPIEGEL ONLINE: Gänzlich unbeschwert war sein Leben aber auch nicht.

Stone: Natürlich ist es hart, der Sohn eines Bush zu sein, der Erstgeborene, der unter extrem hohem Erwartungsdruck und immer unter Beobachtung steht. Vielleicht schlug er deshalb zunächst aus der Art, wurde zum schwarzen Schaf der Familie. Ich würde ihm niemals vorwerfen, dass er gesoffen und Drogen genommen hat, ich bin ganz gewiss kein Moralist.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie ihm seine religiöse Bekehrung ab?

Stone: Ja, seine radikale Hinwendung zum Christentum ist meiner Ansicht nach aufrichtig, Treue ist für ihn ein über jeden Zweifel erhabener Wert.

SPIEGEL ONLINE: Sie drehen "W." nahezu vollständig hier in Shreveport. Zeigen Sie Bush nie im Ausland?

Stone: Nein, der Film spielt ausschließlich in den USA. Sie sind ja auch alle hergekommen, Tony Blair, Jacques Chirac oder Wladimir Putin. Gerhard Schröder kommt nur ein paar Mal im Dialog vor, obwohl er eine interessante Figur abgegeben hätte. Ich mochte es sehr, wie er Position bezog. Die Art, wie Nicolas Sarkozy sich an Bush ranschmeißt, ist mir zuwider. Ich danke Gott für Männer wie Chirac, Schröder und Putin.

SPIEGEL ONLINE: Wenige Kilometer von hier entfernt befindet sich die Barksdale Air Force Base, auf der Bush seine erste Rede nach dem 11. September 2001 gehalten hat. Haben Sie dort gedreht?

Stone: Nein, bei keinem meiner Filme hatte ich eine Drehgenehmigung vom Pentagon. Doch vor einigen Wochen haben wir in der Nähe vom Shreveport auf einem Golfplatz gedreht. Plötzlich stiegen drei große weiße Jets von der Air Force Base in Barksdale auf, ohne jegliche Kennzeichnung. Als ich die Basis eine Woche später besuchte, wollte ich wissen, was es mit den Flugzeugen auf sich habe. "Das ist streng geheim", hieß es nur. "Nein, es ist noch viel geheimer als streng geheim." Sie nennen es "den Plan" oder so ähnlich.

SPIEGEL ONLINE: War es schwer, "W." zu finanzieren?

Stone: Jedes Studio hat "W." abgelehnt. Wir haben die Finanzierung des Films mühselig mit einer amerikanischen, einer deutschen, einer australischen und zwei chinesischen Firmen auf die Beine gestellt - bei den letzten Berliner Filmfestspielen. Wir haben 30 Millionen Dollar, für diesen Film ist das low budget. Mehr als 46 Drehtage sind nicht drin. Da gab es kaum Spielraum, die Luft hat gerade zum Atmen gereicht. Ich muss den Film bereits schneiden, während ich ihn drehe. Das ist ein echter Husarenritt.

SPIEGEL ONLINE: Wird es der schnellste Film Ihrer Karriere?

Stone: Wahrscheinlich, aber was tut man nicht alles für George W. Bush!

SPIEGEL ONLINE: "W." kommt am 17. Oktober in den USA ins Kino. Wollen Sie mit dem Film noch in den Wahlkampf eingreifen?

Stone: Ach, wissen Sie, ich habe drei Filme über den Vietnamkrieg gemacht, und nichts hat sich geändert. In den Neunzigern setzte sich mehr und mehr wieder die Mentalität durch, dass wir Amerikaner uns alles erlauben dürfen. Wir zogen wieder in den Krieg. Für mich und viele Veteranen ist das eine ganz bittere Erfahrung. Die Macht des Kinos ist äußerst begrenzt.

SPIEGEL ONLINE: Im Januar wird Bush das Weiße Haus räumen. Kommt "W." nicht doch ein wenig spät?

Stone: Nein, Bush wird uns noch ein 30, 40 Jahre lang beschäftigen. Er ist nicht bloß eine Person, er ist ein way of life. Bush hat die Welt für immer verändert. Wir werden noch sehr lange im Irak sein. "Mode", hat Oscar Wilde einmal gesagt, "ist etwas so Hässliches, dass es alle sechs Monate geändert werden muss." In diesem Sinne sage ich: "Welcome back, Mr. Bush!" Der kommt wieder.

Das Interview führte Lars-Olav Beier


Eine ausführliche Reportage über einen Besuch bei den Dreharbeiten von "W" lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL.

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insgesamt 5 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
03.10.2008 von scream queen: Kabale und Hiebe

Das schöne Wörtchen "cabal" bedeutet zwar mitunter und in seltenen Fällen auch "Kabale", in Zusammenhang des Interviews aber wohl eher so etwas wie "Geheimbund". "Babble" heißt nicht [...] mehr...

03.10.2008 von derweise: Nach Trailer gut

Nach dem Trailer finde ich den Film gut:_ http://www.filmstarts.de/kritiken/96690-W./trailer/1698.html mehr...

02.10.2008 von Akiphix: Wer sonst außer Stone?

Während andere US-amerikanischen Regisseure es vorziehen dunkle Ritter und Peitschen schwingende Pseudo-Helden in die Kinos zu bringen, kann nur Oliver Stone sich einer Person wie George W. Bush adequat annehmen. Nachdem er schon [...] mehr...

02.10.2008 von mörk: ...

Im Hinblick auf die anstehende Wahl ist es wichtig, Bush satirisch als eine jämmerliche Witzfigur darzustellen. Ich warte aber noch auf den Film der schonungslosen Tatsachen, in denen Bush als der verantwortungslose, [...] mehr...

02.10.2008 von delponte: Ewige

liberale Selbstherrlichkeit, Stone sollte besser bei seinen Huldigungen für Castro bleiben, und Verschwörungstheorien gegen Kennedy aushecken, damit ist er ausgelastet. mehr...

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Zur Person

REUTERS
Der US-Regisseur Oliver Stone, 62, beschäftigt sich gern mit Themen der amerikanischen Zeitgeschichte. Zweimal schon standen ehemalige Präsidenten im Zentrum von Stone-Filmen. Seine Werke werden oft kontrovers diskutiert. Dreimal hat er bereits den Oscar gewonnen. In seiner Politsatire "W.", die Mitte Oktober in den USA Premiere feiert, nimmt sich der Regie-Berserker Oliver Stone das Leben und Schaffen von George W. Bush vor. SPIEGEL ONLINE traf den Regisseur bei den Dreharbeiten in Shreveport, Louisiana.

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