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02.10.2008
 

Kino-Satire "Heimatkunde"

Jäger der verlogenen Einheit

Von Reinhard Mohr

Nackte Ossis, angezogene Wessis und Ökos auf der Schweinewiese: Nach 18 Jahren Einheit wagte sich Martin Sonneborn für seine Kino-Dokumentation "Heimatkunde" ins einstige Berliner Grenzland. Der Satire-Feldforscher traf DDR-Gläubige und Gottesfürchtige - nur die Einheit fand er nicht.

Es ist ein gesegnetes Fleckchen Erde. Die Landschaften sind schön, seine Menschen typisch, die Luft ist rein und das Bier gut. Kein Wunder, dass sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Autoren intensiv mit Deutschland beschäftigt haben. Statt wie gewohnt nach Italien, Neuseeland oder an die Copacabana zu flüchten, haben sie das Land zwischen Alpen und Nordsee bereist, sich in metaphysische Sphären des postgermanischen Daseins gestürzt, das gemeine Volk erkundet und dabei den einst geschmähten Begriff "Heimat" nicht gescheut.

Im Gegenteil: Mit dem Blick des Ethnologen und Botanikers sammelte man exotische Eindrücke nah bei den Menschen, dort, wo sie leben, sich vermehren und den Balkon bepflanzen.

Pünktlich zum achtzehnten Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 präsentiert nun Martin Sonneborn, von 2000 bis 2005 Chefredakteur der satirischen Zeitschrift "Titanic", jetzt SPAM-Chef bei SPIEGEL ONLINE, seine ganz persönliche "Heimatkunde" als ersten abendfüllenden, 94-minütigen Kinofilm. Es ist der minutiöse Bericht einer kompletten Umrundung Berlins zu Fuß, immer wieder hart an der ehemaligen Mauergrenze zwischen Westberlin und Brandenburg entlang - Feld-, Wald- und Wiesenforschung im wahrsten Sinne des Wortes.

Dieser Mann will es wissen

250 Kilometer hat Sonneborn, zugleich amtierender Parteivorsitzender der Partei "Die Partei", in 29-tägiger Wanderung zurückgelegt, nur mit Jeans und Hemd bekleidet, den leichten Rucksack achtlos über die Schulter geworfen. Aus der Vogelperspektive sehen wir zunächst Auen und Felder vorübergleiten, Autobahnen und diffuse menschliche Siedlungsgebiete. Dann schwenkt die Kamera auf das Antlitz eines durch und durch ernsten Zeitgenossen. Der Zuschauer spürt: Dieser Mann will es wissen. Yes he can!

Als wahrscheinlich erster Mensch des Planeten durchschwimmt Sonneborn, Jahrgang 1965, zu Beginn die Havel in Höhe der Glienicker Brücke von West nach Ost – der Fluchtweg verlief sonst immer in umgekehrter Richtung. Vorsichtigen, aber auch entschlossenen Schritts durchmisst der schlanke Spätromantiker Sonneborn anschließend die Macchia des Ostens, das buschige Gestrüpp des ehemaligen Niemandslands zwischen NATO und Warschauer Pakt, West- und Osteuropa, Kapitalismus und Kommunismus.

Original-Nudisten Brandenburger Art

Als erstes stößt er auf eine gott- und weltverlassene Eisenbahnbrücke über den Teltowkanal mit morschen Bohlen und gähnenden Abgründen. Dort, wo man allenfalls einen zerrupften Ost-Reiher auf der Suche nach Nahrung erwarten würde, entdeckt Feldforscher Sonneborn sein erstes lebendes Objekt: einen nackten Ossi, einen Original-Nudisten Brandenburger Art. Soll dies das "neue Leben im Grenzland" sein? Ist also doch nicht alles vom Westen platt gemacht worden?

Es ist viel einfacher. Und viel schöner: "Ick hab’ zu Hause keene Ruhe!", gibt der gänzlich unbekleidete und offenbar Lärm geplagte Mann auf Nachfrage zu Protokoll. Er habe zwar einen kleinen Garten, sei dort aber nicht ungestört. Gewiss, aber gleich nackt?

"Nackt ist gesünder!" Warum, das weiß er selber nicht.

Dieses Selber-nicht-wissen-und-allenfalls-Mutmaßen zieht sich wie ein roter Faden durch den Film, dessen schnörkellose Lakonie besticht. In seiner klassisch spröden Schlichtheit, in seiner nüchternen Reduktion auf pure Beobachtung und flagrante Zufallsbegegnungen ist er das Gegenteil des "Baader-Meinhof-Komplexes". Statt Eichingers hektisch-aktivistischem BoomBängBoom klingt es bei Sonneborn wie Lalelu, nur der Mann im Mond schaut zu.

Kleingartenkolonie, Kai Pflaume und Oliver Geissen

Kein Ossi nirgends, schon gar kein nackter – so lautet die Botschaft an der nächsten Station, in der aus dem Boden gestampften Reihenhaussiedlung von Großbeeren. Hier ist der wohlhabende und angezogene Wessi unter seinesgleichen, und die Ost-Westgrenze verläuft am Gartenzaun. Ganz anders in Stahnsdorf, wo sich der unermüdliche Forschergeist die neue City-Möblierung zwischen antifaschistischem Mahnmal und Hunde-WC gleich vom Bürgermeister erklären lässt - einem Bayern, den es nach Brandenburg verschlagen hat. Aber schon warten überwucherte Ruinenlandschaften bei Schönefeld auf den lebensweisen Wanderer, immer weiter und weiter geht der Weg, während der globale Turbokapitalismus so weit weg scheint wie Urkommunismus und Matriarchat.

Plötzlich taucht eine jener Kleingartenkolonien auf, die Deutschland prägen wie sonst nur Kai Pflaume und Oliver Geissen. Sonneborn kennt keine falsche Scheu und testet sogleich den Pool eines älteren Ossi-Pärchens mitten in der Einflugschneise von Berlin-Schönefeld. So planscht immerhin zusammen, was sonst nicht zusammen gehört.

Auch die politische Bildung kommt nicht zu kurz. "Der Osten ist besser", geben zwei minderjährige Mädels bauchnabelfrei und mitten auf der Straße zu Protokoll. Warum? "Weeß ick nich." Die Eltern erzählen jedenfalls, dass die DDR "gut" war. Die Kinder glauben es, wahrscheinlich so, wie sie an Tokio Hotel glauben.

Apotheose der Pilgerreise

Stille Bizarrerien dieser Art entfalten sich auch beim gemeinsamen Spielen mit der Modelleisenbahn in der Plattenbausiedlung und bei späten Ost-Bekenntnissen fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall: "Bis heute bin ick keen Freund von der Bundesrepublik!"

Wie ein Kommentar zu diesem negativen Freundschaftsbeweis nimmt sich die nächste Station des furchtlosen Entdeckers aus, eine ehemalige Schweine-LPG, also landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft bei Karow, in der nun fortschrittliche Menschen leben.

Wo in der DDR noch tausende Schweine Tag für Tag das sozialistische Plansoll erfüllen mussten, haben es sich nun alternativ fühlende Zeitgenossen im Bauwagen gemütlich gemacht. Doch Sonneborn muss weiter, immer weiter. Er passiert Tankstellen und Imbissbuden, hört von "westlicher Hochnäsigkeit" und "nur schönen Erinnerungen an die DDR", trifft einen palästinensischen Asylbewerber, der seit elf Jahren keinen Weg aus den bürokratischen Fallstricken des Ausländerrechts findet, und einen Pflanzenflüsterer, der im Spandauer Forst haust, unendlich weit weg von Berlin-Mitte.

In der Döberitzer Heide schließlich ereignet sich so etwas wie die Apotheose der ganzen Pilgerreise. Ein einsamer Gottessucher steht da plötzlich in der Lichtung, unsicher, verspannt und verschlossen.

Die Irren sind unter uns

Auf Knien fragt er seinen Gott, ob er dem Herrn Sonneborn verraten dürfe, wer er, Gott, sei. Die Verbindung nach oben ist offenkundig gut, und die Erlaubnis kommt zügig: "Jeshua" heiße er, soviel dürfe er verraten. ER, dieser, sein Gott, habe sich ihm offenbart, als er eines Tages der Sinnlosigkeit seines irdischen Lebens als Entwicklungshelfer gewahr geworden sei.

"Amen", entfährt es Sonneborn, sichtlich betroffen. Per Handschlag will er sich verabschieden, allein der Gottesflüsterer verweigert sich: "Sonst habe ich den Handschlag mit Ihrer Ungläubigkeit."

Ein schwerer Schlag. Ungläubig und einsam bleibt der ewig suchende Wanderer zurück. Denn sein Ziel ist der Weg, sein Weg das Ziel.

Die Irren aber, die Gläubigen ihrer eigenen Beschränktheit, sind unter uns.

"Ein scheißpoetischer Film" soll Kim Jong Il das Werk genannt haben. Das glauben wir nicht.

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insgesamt 9 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
15.10.2008 von kaeptnql: Mäuerchen aus Sarkasmus

Den Film zu sehen, überrascht: Kein Aufmarsch einheitsgeschädigter Freaks, sondern durchweg offene, sympatische, machmal etwas kauzige Mitbewohner des Großraums Berlin! Einzigen Anlass zum Fremdschämen gibt Herr Sonneborn selbst. [...] mehr...

03.10.2008 von squirtle: Das ist doch mal Satire vom feinsten...

Ich lach mich tot. Reinhard Mohr singt ein Loblied auf Martin Sonneborn. Nachdem der ihn jahrelang in der Titanic durch den Kakao gezogen hat, ist er jetzt selbst Objekt von Herrn Mohrs schwülstigen Betrachtungen, und dann auch [...] mehr...

02.10.2008 von DJ Doena: Berlin

1996 war meine erste Wahl (ich bin Dez 1995 18 geworden). Ich hab damals auch gegen die Landesvereinigung gestimmt und ich wohnte in Berlin (Ost). Berlin war damals faktisch pleite (Ist das heute anders) und für viele Ossis [...] mehr...

02.10.2008 von recklette: Satire?

Soll das jetzt die Satire zur Satire sein oder sind sie einfach nur ein bemitleidenswerter Mensch mit grotesken Ansichten? Ich hoffe stark auf ersteres... mehr...

02.10.2008 von madmathew: Autsch!

Eine Satire? Von Herrn Sonneborn? Über den Osten? Das klingt doch schon wieder nach schlimmen körperlichen Schmerzen für den in seiner Rundumsicht nicht ähnlich bedauernswert eingeschränkten Betrachter. mehr...

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