• Drucken
  • Senden
  • Feedback
21.10.2008
 

Saramago-Verfilmung

Vor Gott sind alle bleich

Von Birgit Borsutzky

Erblinden, um zu sehen: Der Bestseller "Die Stadt der Blinden" ist eine Parabel über die Flüchtigkeit der Zivilisation. Regisseur Fernando Meirelles fand beeindruckende Bilder für die Leinwand-Fassung der blendend weißen Endzeit-Vision - aber keine eigene Sprache.

Eine Großstadt irgendwann und irgendwo: Die Bewohner, blass, schmutzig, zerlumpt, halten sich an den Händen und durchstreifen verwahrloste Straßen, in denen sie zwischen Müll und geplünderten Supermärkten verwirrt nach Nahrung suchen, während ein Rudel Hunde friedlich von einem Toten frisst. So zeichnet Fernando Meirelles in "Die Stadt der Blinden" den Alltag von Menschen, die nicht mehr sehen, was um sie herum passiert.

José Saramago hat den gleichnamigen Bestseller 1995 veröffentlicht, eine politische Parabel über das Ende der Gesellschaft, in der sich eine Blindheitsepidemie auf der Erde breitmacht und sämtliche sozialen und moralischen Strukturen zum Einsturz bringt; aufrüttelnd, gewaltig und nicht leicht in Bildern zu erzählen. Der Nobelpreisträger hatte sich lange geweigert, die Filmrechte zu verkaufen. Beim kanadischen Drehbuchautor und Schauspieler Don McKellar und Produzent Niv Fichman, die bald Regisseur Meirelles ins Boot holten, wähnte er den Stoff aber in guten Händen und lag damit zunächst richtig: Meirelles ist nach "City of God" (2002) und "Der ewige Gärtner" (2005) wieder ein Film mit starken Bildern gelungen, der bei aller Gewalt des Themas behutsam mit seinen Figuren umgeht.

Die werden beim Sex, beim Einkaufen oder Autofahren von der sonderbaren, weißen Blindheit getroffen und mit fast jedem Bild so aufgehellt, dass sie fleischlos, damit unantastbar wirken in dieser nun feindlichen Welt. Denn der Staat reagiert brutal, als die Epidemie ausbricht: Er interniert die Blinden in einer verlassenen Irrenanstalt. Vom Zimmermädchen bis zum Augenarzt ringen sie dort allesamt um Würde, richten aber bald, sich selbst überlassen, eine riesige Sauerei an.

Allein die Frau des Arztes (Julianne Moore) ist zufällig immun gegen die Blindheit, sagt das außer ihrem Mann (Mark Ruffalo) aber niemandem und muss zuschauen, wie Blinde nackt umhertappen und im Kot verschmierten Flur ausrutschen, sich stoßen oder stolpern. Die Kamera (César Charlone) schaut dabei immer wieder durch Gitter oder Glasscheiben und rückt Gesichter an den Bildrand, als würde Blindheit die Figuren nicht nur voneinander entfernen, sondern auch vor dem Zuschauer schützen.

Nur sieht der ohnehin eher Erscheinungen als Personen. Die Charaktere haben wie im Buch weder Hintergrund noch Namen und verlieren mit der Sehkraft nicht nur Orientierung, sondern oft auch ihre Glaubwürdigkeit. Dass sie verstört und jämmerlich den grausamen Regeln des Staates folgen und sich auch sonst gern durch die weiße Blindheit führen lassen, ist noch nachvollziehbar.

Primatenhafter Pragmatismus

Eine Romanze zwischen der jungen Frau mit der Sonnenbrille (Alice Braga) und dem alten Mann mit der Augenklappe (Danny Glover) hingegen zeigt zwar, dass Blindheit auf eine andere Weise sehend und damit auch Liebe möglich macht. Sie kommt aber ebenso so abrupt wie das Wiedertreffen zwischen dem ersten Blinden und seiner Frau in der Irrenanstalt. Hier wird das Beobachten für eine fast kitschige Inszenierung aufgegeben: Hände suchen sich im Weiß, dazu Stimmen und ein Score, der den Film auch an anderen Stellen genauso zu überladen droht wie die strahlende Blindheit, die bei jeder Gelegenheit blendet, ob im Scheinwerferlicht, auf Fliesen oder in der Milch.

Gefahr lauert indes jenseits der militärisch gesicherten Mauer, die die Anstalt umschließt und hinter der sich die Staatswächter verschanzen. Nur droht das Unheil nicht von Außen: Die Internierten richten sich bald in einer Art Urzustand ein, in dem es ums blanke Überleben geht. Der Anführer von Station 3 (Gael Garcia Bernal) ist brutal in seinem primatenhaften Pragmatismus, wenn er den anderen Stationen sämtliche Nahrung unterschlägt. Als er als Gegenwert für Essen schließlich Frauen für sich und seine Männer verlangt, folgt der Zuschauer der sich anschließenden Ethikdebatte, ohne sich mit dem Bewerten seiner Person aufzuhalten.

Dieser Verzicht auf moralische Schwarzweißmalerei tut dem düsteren Thema der Geschichte genauso gut wie die Tragikomik, die eine plötzliche Blindheit mit sich bringt – und die nur funktioniert, solange sie subtil ist. Etwa wenn der Arzt, vor seinem Erblinden Stützpfeiler der Gesellschaft und danach Versager, bei einem Streit mit seiner Frau ins Leere redet, weil die längst weiter gegangen ist. Wenn die Arztfrau aber mit plakativ emporgestreckten Mittelfinger auf die Schikane eines Wärters reagiert und der dann auch noch sagt, dass die Blinden sich eben schnell anpassen, schwächt das eine Hauptfigur, die nicht plausibel macht, warum es erst eine Vergewaltigung mit Todesfolge braucht, damit sie als einzige Sehende in der Anstalt endlich die Initiative ergreift.

Nicht Julianne Moore hat das zu verantworten, die wie alle Schauspieler in diesem Gedankenexperiment mehr oder weniger überzeugt, sondern eine strikt lineare Handlung, die zu eng an der Vorlage klebenbleibt. Das zwängt mit den Figuren auch den Regisseur in ein Korsett, der dem Buch zwar passende Bilder liefert, aber keine eigene Wahrheit schafft. Statt an der Frau des Arztes als Identifikationsfigur zu feilen, wechselt er immer wieder die Perspektive, als wolle er der Saramagos möglichst nahe kommen, den er dann auch noch aus dem Off über das berichten lässt, was ohnehin zu sehen ist.

Vermutlich hat der Ruhm des Bestsellers die Macher des Films selbst blind gemacht für dramaturgische Visionen, mit denen sie die des Nobelpreisträgers hätten bereichern können. So ist Meirelles neues Werk nur ein Film zum Buch und reicht bei weitem nicht an seine Vorgänger heran.

Ein Hingucker, der provoziert, ist "Stadt der Blinden" trotzdem. Nicht, weil er mit unserer Unfähigkeit spielt, die Menschen so zu sehen, wie sie sind, oder zeigt, auf welch wackligen Beinen die kultivierte Fassade steht. Sondern weil er uns das Destillat einer Gesellschaft serviert, die nicht handelt, wenn es nötig ist. Im Kino schaut man nicht weg. Genau das lässt den Film noch lange nachwirken.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Kino

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP