Wenn ein amerikanischer Politiker, der in einem fremden Land Krieg führt, sagt, man müsse versuchen, die "hearts and minds" des anderen Volkes zu erobern, dann heißt das erstens: Flächendeckendes Bombardement aus sicherer Distanz hat nichts gebracht. Zweitens bedeutet dieser seit dem Vietnamkonflikt gebräuchliche Euphemismus für psychologische Kriegführung, dass man nun im Inneren des besetzten Landes so viel Angst und Schrecken verbreiten muss, bis die Bevölkerung sich freiwillig auf die gewünschte Seite schlägt.
Ed Hoffman (Russell Crowe) ist kein Meister im Gewinnen von Herzen, aber er ist sehr gut darin, Politiker-Hirne mit der Notwendigkeit klandestiner Maßnahmen gegen Islamisten zu indoktrinieren. Und weil der CIA-Agent ein archetypischer Anti-Terror-Krieger der Bush-Regierung ist, spricht er in einem breiten Südstaaten-Akzent, ist eklatant übergewichtig, stopft andauernd Snacks in sich hinein, als wolle er nicht nur symbolisch die Welt verschlingen. Seine Operationen im Mittleren Osten steuert er über das Headset seines Handys, während er daheim im Bilderbuch-Ambiente amerikanischer Suburbia seinem kleinen Sohn beim Toilettengang hilft.
Action und Anspruch in der richtigen Balance
Am anderen Ende der Leitung macht sein junger Kollege Roger Ferris (Leonardo DiCaprio) die Drecksarbeit. Während Hoffman in Washington darüber philosophiert, dass sich im Krieg gegen den internationalen Terrorismus jeder die Hände schmutzig machen muss, auch der Westen, wenn er gewinnen will, setzt der im jordanischen Amman stationierte Undercover-Agent jeden Tag sein Leben aufs Spiel, wenn er versucht, mittels abtrünniger Märtyrer al-Qaida zu infiltrieren oder dem Terroristen-Anführer Al-Saleem auf die Schliche zu kommen. Überwacht von modernster GPS- und Mobilfunk-Technologie spielt Ferris den verlängerten Arm Amerikas im Krisengebiet. Er ist alles das, was Hoffman nicht sein kann und will: Vertraut mit den Bräuchen und Sitten der arabischen Welt, flüssig im Jargon, gut vernetzt in der Halbwelt islamistischer Extremistengruppen.
Dieses recht plakative Setting bildet die Basis für einen der interessanteren Polit-Thriller, die in den vergangenen Jahren zum Thema Anti-Terrorkampf und Irak-Krieg aus Hollywood kamen. So ehrenwert das Anliegen der Filmemacher ist, die brisante Tagespolitik zu spannender Kinofiktion zu verarbeiten, so widerspenstig erwies sich die Materie angesichts verunglückter Thriller-Produktionen wie "The Kingdom" und "Rendition" oder kopflastiger Polit-Diskurse wie "Von Löwen und Lämmern". Der britische Regisseur Ridley Scott bringt die Elemente Action und Anspruch mit "Der Mann, der niemals lebte" nun in die richtige Balance.
Denn die Geschichte des Films, die auf einem Roman des "Washington Post"-Redakteurs David Igantius basiert, birgt durchaus dramatisches Potential: Ferris stellt schnell fest, dass er Unterstützung vor Ort braucht. Gegen Hoffmans Rat lässt er sich mit dem jordanischen Geheimdienstchef Hani (Mark Strong) ein, einem eleganten, aber gefährlichen Gentleman-Gangster, der ihm Hilfe und Schutz offeriert - vorausgesetzt, Ferris sagt ihm stets die Wahrheit.
Dieser Pakt, man weiß es als Zuschauer schon im Moment des Handschlags, ist zum Scheitern verurteilt, denn Lügen gehört nun einmal zum Alltag eines Geheimagenten. Zu allem Übel plant Hoffman zu Hause überstürzte Aktionen, in die er seinen Operateur vor Ort nicht einweiht. Nur eine Frage der Zeit also, wann das komplexe Kartenhaus aus Lügen und Täuschungsmanövern in sich zusammenkracht und Ferris, das schwächste Glied in der Kette, unter sich begräbt.
Mehr Schauplätze als bei James Bond
"Body of Lies", ein Konvolut der Lügen, so lautet auch der treffende Originaltitel des Films. Die Botschaft dieser mit reichlich Satellitenbildern, Explosionen und Auto-Verfolgungsjagden aufgerüsteten Agentenstory ist zwiespältig und daher interessant. Denn am Ende steht weder der eiskalte CIA-Stratege Hoffman gut da, der aus der sicheren Entfernung zwar seine Objektivität wahrt, aber im Namen der nationalen Sicherheit Moral und Loyalität opfert, noch sein Handlanger, der sich zu sehr mit den Befindlichkeiten der Region identifiziert und am Ende seine professionelle Distanz - und beinahe sein Leben - verliert.
Doch auch dem Regie-Routinier Scott, der dem Somalia-Gau der Amerikaner eine provokante, sehr coole Ästhetik verlieh ("Black Hawk Down") und schon in "Alien" (1979) von der Angst vor dem Fremden und der Gier nach der perfekten Waffe erzählte, gelingt es nicht, aus dem Polit-Stoff ein überzeugendes Drama zu machen.
Das liegt sicher nicht am technischen Aufwand. Die visuelle Inszenierung des bewährten Scott-Teams, bestehend aus Cinematographer Alexander Witt ("American Gangster"), Schnitt-Spezialist Pietro Scalia ("Black Hawk Down") und Produktionsdesigner Arthur Max ("Gladiator") ist blendend in ihrer Virtuosität. Innerhalb von zwei Stunden werden mehr Schauplätze abgeklappert als in einem durchschnittlichen James-Bond-Abenteuer.
Das soll Atemlosigkeit symbolisieren, und die Unübersichtlichkeit des Terrains. Die geheimnisvolle, und daher aus amerikanischer Sicht primär bedrohliche Welt des Orients wird in grünlich-gelbe, staubig-verwaschene Farben getaucht, die Kamera zuckt handgehalten durch enge und verwinkelte Gassen.
Auf der Strecke bleibt bei aller Rasanz die emotionale Tiefe des Films. Ein politisches Strategiespiel bleibt eine kühle, rechnerische Angelegenheit, auch wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen. So dient eine viel zu oberflächlich inszenierte Liebesaffäre zwischen Ferris und der iranischen Krankenschwester Aisha (Golshifteh Farahani) ganz offensichtlich keinem anderen Zweck, als die zunehmende Verbundenheit des Agenten zu seinem Einsatzort zu symbolisieren. Kaum verliebt, verliert er den Überblick, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Das ist Metaphern-Dramaturgie aus Hollywoods unterster Schublade.
Die "hearts and minds" der Zuschauer kann man mit dieser der Komplexität des Sujets geschuldeten Holzschnitt-Taktik leider nicht erobern, auch wenn sich das hochkarätige Schauspieler-Ensemble an Physis und Leinwandpräsenz gegenseitig übertrumpft: Russell Crowe ist grandios als plumper Technokrat; Leonardo DiCaprio variiert seinen ruppigen Desperado aus "Blood Diamond" - und Mark Strong stiehlt beiden fast die Show mit seiner feinen, schurkisch-charmanten Darstellung des orientalischen Paten.
An der Kinokasse, wo sich das neue Genre des Terror-Thrillers ohnehin schwer tut, floppte "Der Mann, der niemals lebte" trotz dieser Starbesetzung. Innerhalb eines Monats setzte der Film nur knappe 40 Millionen Dollar um. Das ist angesichts eines Produktionsbudgets von 70 Millionen Dollar kein Erfolg, selbst wenn internationale Erlöse und DVD-Auswertungen noch ausstehen.
Amerika scheint seiner Konflikte ebenso müde zu sein wie seiner scheidenden Regierung - und es will offenbar nicht auch noch im Kino an die schmachvollen Aspekte der eigenen Geheimdienst-Aktivitäten im Anti-Terrorkampf erinnert werden. Das Dilemma des neueren Polit-Thrillers, die komplizierten moralischen Fragen aktueller geopolitischer Konflikte in packende Leinwand-Fiktion zu verwandeln, bleibt also bestehen. Trotz dieses bisher ambitioniertesten Versuchs.
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