Von Christoph Cadenbach
Eine Zugfahrt ist wie ein Leben im Zeitraffer: Es geht voran (meistens zumindest), jeder gefahrene Meter, jeder erreichte Ort, jede Begegnung ist im nächsten Moment schon Geschichte, die Erinnerungen daran verblassen schnell.
Auch Jessie (Emily Mortimer), früher eine Über-die-Stränge-Schlägerin, heute mit dem Bibelgruppen-Spießer Roy (Woody Harrelson) liiert, versucht ihre Geschichte hinter sich zu lassen wie eine Station am Wegesrand. Blöd für sie, dass die Vergangenheit sie dann doch einholt, ausgerechnet auf der über 9000 Kilometer langen Eisenbahnstrecke zwischen Peking und Moskau.
Trinken mit wodkaseligen Russen
Eine Zugfahrt ist eben auch wie ein Blind-Date: Man weiß nie, wen man trifft. Wahrscheinlich hat gerade deshalb das Soziotop Bahn Regisseure von Alfred Hitchcock ("Der Fremde im Zug") bis Wes Anderson ("Darjeeling Limited") fasziniert. Weil die Protagonisten - eingepfercht in eine rollende Box und auf engstem Raum mit fremden Menschen konfrontiert - ihre persönlichen Ambivalenzen und Probleme nur für kurze Zeit für sich behalten können.
Auch in "Transsiberian", dem neuen Thriller von Brad Anderson, hat der Zug diese Funktion. Jessie und Roy, die in China bei einer Hilfsorganisation für notleidende Kinder ausgeholfen haben und nun ihren verlängerten Heimweg in die USA antreten, teilen sich ihr Schlafabteil mit der schweigsamen Abby (Kate Mara) und ihrem Freund Carlos (Eduardo Noriega).
Anfangs ist die Laune noch euphorisch. Roy, der so offenherzig ist, wie ein guter Christ zu sein hat, ist froh, in der Fremde Freunde gefunden zu haben und betrinkt sich mit Carlos und wodkaseligen Russen. Jessie ist zurückhaltender und sucht das Gespräch von Frau zu Frau: Ihrer Mitreisenden Abby offenbart sie ihre wilde Vergangenheit voller Drogen- und Alkoholexzesse. Wahrscheinlich erinnert sie Carlos, der sein südländisches Temperament nur schwer zügeln kann und Jessie ständig Avancen macht, an diese aufregende Zeit.
Dann kommt es, wie es kommen muss: Roy geht bei einem Zwischenstopp verloren, Jessie, Abby und Carlos warten beim nächsten Halt auf ihn - und Carlos' sexuelle Angebote werden deutlicher.
Schließlich schlägt er Jessie vor, die Zeit bis zur Weiterfahrt mit einem Ausflug zu einer alten, verlassenen Kirche totzuschlagen. Und ausgerechnet an diesem heiligen Ort vergisst Jessie ihre Moral für einen Moment.
Die Situation eskaliert, der Schnee färbt sich rot. Jessie kehrt ohne Carlos zum Bahnhof zurück und verlässt mit dem nächsten Zug die Stadt. Doch die Eskapade mit dem zwielichtigen Carlos, der sich als Drogenschmuggler entpuppen wird, holt sie ebenso unerbittlich wieder ein wie zuvor ihre Vergangenheit.
Platzhalter für ein feindliches Land
Plötzlich hat das Soziotop Bahn so gar nichts aufreizend Exotisches mehr. Die Stimmung schlägt ins Klaustrophobische um: Drogenhunde schnüffeln herum, grimmige Polizisten knurren, kauzige Schaffner meckern.
In diesem zweiten Teil des Films - der beim Sundance Festival seine Premiere feierte und im Frühjahr auf der Berlinale lief - gelingt dem von Kritikern hochgeschätzten Independent-Filmemacher Anderson ("Session 9", "Der Maschinist") das, was man während der ersten Hälfte, in der es der Adrenalinpegel nur knapp über den Gefrierpunkt schafft, vermisst: Spannung aufzubauen, die Protagonisten durch die engen Abteilkorridore zu jagen und sie die Unwägbarkeiten ihres Abenteuer-Urlaubstrips spüren zu lassen.
Doch auch die verspätet einsetzende Spannung täuscht nicht darüber hinweg, dass in diesem seltsam unausgegorenen Thriller viele Chancen leichtfertig sausen gelassen wurden. Da wäre zum einen der Schauplatz: Anderson schickt sein amerikanisches Pärchen auf eine Reise mit der legendären Transsibirischen Eisenbahn, ein Trip, den der Regisseur zu Studentenzeiten selbst schon einmal unternommen hat. In "Transsiberian" dienen die ideologisch und politisch aufgeladenen Länder China und Russland allerdings nur als Platzhalter für eine diffus fremdartige, feindliche Umgebung.
Zum anderen bleiben die meisten Figuren recht eindimensional. Bis auf den Drogenfahnder Grinko (Ben Kingsley), der sich nicht zwischen Polizistenehre und Bestechungsgeld entscheiden kann, bleiben sämtliche Russen Staffage. Am schlimmsten hat es dabei den deutschen Hollywoodexport Thomas Kretschmann erwischt, der einen Mafioso spielt, ganze drei Sätze russisch sprechen darf - und ansonsten böse guckt.
Nicht einmal seinen Hauptrollen konnte Anderson vibrierendes Leben einhauchen. Außer der von Angst und Selbstzweifeln zerfressenen Jessie bleiben die vier tragenden Figuren selbst für eine Thriller-Handlung viel zu flach. Verschenkt ist vor allem der Einsatz Woody Harrelsons ("Larry Flynt"), der durchgängig den naiven Kirchgänger spielen muss.
So verlässt man "Transsiberian" nach lauter schneegrellen Bildern und hat ihn so schnell wieder vergessen, als sei der Film nur eine kleine Haltestelle von vielen auf einer langen Zugfahrt.
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