"Ich weiß, es ist unfair", sagt sie mit breitem Grinsen, als sie von der PR-Dame in den Interviewraum geführt wird. Rosario Dawson trägt eine lange, wunderschöne Abendrobe, Make-up und Haare sind schon für den abendlichen Auftritt auf dem roten Teppich gerichtet. Sie strahlt, sie sieht umwerfend gut aus - und weiß, dass sie einem männlichen Interviewpartner damit ganz schön zusetzen könnte, wenn sie weniger selbstironisch mit ihren Reizen umginge.
Dawson ist in Berlin, um der Deutschlandpremiere von "Sieben Leben" beizuwohnen, einer zuweilen arg tränenschweren Geschichte um Schuld, Sühne und Liebe, in der sie an der Seite von Will Smith eine herzkranke Frau namens Emily Posa spielt, die durch Smiths Charakter die Chance auf ein neues Leben erhält. Der Film ist nicht wirklich gut, und Rosario Dawson findet das wahrscheinlich auch, würde es aber natürlich nie zugeben. Sie ist im Filmgeschäft, seit sie 15 Jahre alt ist und weiß, wann sie Promotion machen muss.
Aber sie weiß auch, warum sie die Rolle "unbedingt haben wollte": Nicht nur sei Will Smith, "der größte Filmstar, den es zurzeit gibt", was allein schon rechtfertige, sich Arme und Beine für die Rolle auszureißen. Dawson wollte auch die Chance ergreifen, in einer großen Hollywood-Produktion zu zeigen, was sie kann. Sie ist jetzt 29 Jahre alt, und langsam sollte es losgehen mit der ganz großen Karriere.
Dafür wäre ein Oscar schön, aber den gibt es nur, wenn man große Gesten und Gefühle in einem möglichst rührenden Drama auf die Leinwand bringt. Rosario Dawson gilt zwar als großes Talent und hat sich in den vergangenen Jahren mit unterschiedlichsten Rollen auf die ersten Plätze der zweiten Reihe Hollywoods vorgekämpft. Aber in die A-Liga, etwa zu Halle Berry, ist sie noch nicht vorgedrungen.
Das Selbstbewusstsein, das Rosario Dawson ausstrahlt, wirkt manchmal etwas furchteinflößend. Für die zarte, anschmiegsame Frau an der Seite eines Hollywood-Helden eignet sich die energische Person nicht, die auch im Interview keine Atempause lässt und im sympathischen Stakkato ihre Antworten gibt. Sympathisch deshalb, weil Dawson plaudert und nicht abspult, sie ist ein Profi, aber noch nicht ganz durchdrungen von der Asepsis, in die sich manche ihrer erfolgreichen Kollegen hüllen.
Furchteinflößen, ja, das macht ihr schon Spaß, sagen ihre Augen, und dann erzählt sie eine ihrer Lieblingsanekdoten, über den Fan auf der Comic-Messe Comic-Con, der schüchtern auf sie zukam und fragte, wie es denn sein könne, dass sie in "Sin City" so eine männermordende Amazone spielen könne. Sie wirke doch schließlich ganz nett. "Es nennt sich Schauspielerei, habe ich zu ihm gesagt", lacht Dawson, die gerne zugibt, ihre Schlagfertigkeit "auf der Straße" gelernt zu haben.
Aufgewachsen ist Rosario Dawson nämlich in New Yorks Lower Eastside, wo ihre Eltern, ein Künstlerehepaar ein abbruchreifes Haus besetzten und eine Art Kommune gründeten. In dieser freigeistigen Atmosphäre ohne Heizung und fließend Wasser, zwischen Intellektuellen wie ihrem Onkel, dem Comic-Künstler Gus Vasquez, wuchs Rosario auf und lernte früh den Umgang mit Armut und Krankheit. Als sie sieben Jahre alt war, pflegte sie ihren an Aids erkrankten Onkel Frank und teilte ihr Essen mit ihm.
Ein paar Jahre später wurde sie auf den Treppenstufen vor ihrem Haus für den Film entdeckt. Der Fotograf Larry Clark und der Autor und Regisseur Harmony Korine suchten Laiendarsteller für ihr Projekt "Kids" und streiften durch die Nachbarschaft. "Ganz so ein Zufall, wie es heute oft dargestellt wird, war es nicht", gibt Rosario Dawson zu: "Mein Vater hatte aus dem Fenster geschaut und gesehen, dass ein Casting für einen Werbespot im Gange war. Also schickte er mich runter auf die Treppe. Am Ende landete ich dann allerdings nicht in der Werbung, sondern gleich beim Film."
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