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05.02.2009
 

Finanzthriller "The International"

Lauter Leichen auf dem Konto

Von Lars-Olav Beier

Diese "Bad Bank" verdient ihren Namen: Tom Tykwer zeigt zum Beginn der Berlinale "The International", einen Verschwörungsthriller über ein kriminelles Geldhaus. Das bettelt nicht um Hilfe bei Regierungen - sondern unterjocht stattdessen ganze Staaten.

Ein Mann wartet in der Zentrale einer Luxemburger Bank. Hinter ihm eröffnen riesige Scheiben einen Ausblick auf einen Bürokomplex. Der Mann blickt hoch und beobachtet, wie ein paar Banker in teuren Anzügen über ihm auf einem Steg gehen, der halb transparent ist. Ihre Schuhe zeichnen sich deutlich ab. Sie bewegen sich zu einem gläsernen Aufzug hin und betreten ihn.

Der Mann sieht, wie die Banker an ihm vorbei in die Tiefe gleiten und aus seinem Blickfeld verschwinden. Durchsichtiger könnte das Gebäude, in dem die Finanzleute in Tom Tykwers neuem Film "The International" arbeiten, kaum sein. Doch was sie darin treiben, ist völlig undurchschaubar.

Der Aufzug, in dem die Banker in Tykwers Film nach unten fahren, ist allerdings kein Fahrstuhl zum Bankrott. Der packende Thriller, der an diesem Donnerstag im gläsernen Berlinale-Palast am Marlene-Dietrich-Platz die 59. Filmfestspiele eröffnete, handelt von einer "Bad Bank", die keine Staatshilfe braucht, sondern ihrerseits Staaten kontrolliert; und für die menschliches Leben keinen Wert besitzt, weil es nicht an der Börse notiert ist.

Wenn Festivalchef Dieter Kosslick, 60, also nun behauptet, die Finanzkrise habe aus "The International" "fast einen Dokumentarfilm" gemacht, ist das natürlich Dampfgeplaudere. In Tykwers Film bricht die Bank nicht zusammen wie ein Glashaus, auch wenn sie so aussieht. Sie muss, und das ist das wirklich Aufregende, nach allen Regeln der Thrillerkunst auseinander genommen werden – analytisch und physisch.

"The International" sei kein Film über die aktuelle Bankenkrise, sagte Tykwer denn auch auf einer Pressekonferenz, umgeben von seinen Schauspielern Clive Owen, Ulrich Thomsen und Armin Mueller-Stahl sowie dem Produzenten Charles Roven.

Er wolle mit seinem Film auch nicht die Banken an sich attackieren, sagte Tykwer mit der Souveränität und guten Laune eines Regisseurs, der keinen Zweifel daran hegt, einen guten Film abgeliefert zu haben. Vielmehr greife er die kriminellen Auswüchse eines Systems auf, an denen er nach jahrelangen Recherchen zu dem Projekt und zahlreichen Gesprächen mit Bankern keine Zweifel mehr hege. Fast alles, was er in seinem Film zeige, sei in der Wirklichkeit denkbar – oder schon passiert.

In "The International" spielt Clive Owen den Interpol-Agenten Louis Salinger, der zusammen mit der New Yorker Staatsanwältin Eleanor Whitman (Naomi Watts) die Machenschaften einer – fiktiven – Luxemburger Bank und dessen Top-Manager Skarssen (Ulrich Thomsen) untersucht. Die zwei Ermittler finden heraus, dass die Bank ein mächtiger Player im internationalen Waffenhandel ist – und dabei über Leichen geht.

Schon gleich in der ersten Sequenz muss Salinger tatenlos mit ansehen, wie ein Kollege von ihm nach einem geheimen Treffen mit einem Informanten tot zusammenbricht; kurz darauf kommt auch der Informant bei einem Autounfall ums Leben.

Es beginnt eine Hetzjagd um die halbe Welt, die von Berlin über Luxemburg und Mailand nach New York fährt und dann in Istanbul endet. Was vor den Glasfassaden des Berliner Hauptbahnhofs mit einem Mord unter freiem Himmel beginnt, der nie ganz aufgeklärt werden kann, endet in den Katakomben von Istanbul, in denen Licht ins Dunkel gebracht wird.

Gegen die Bournifizierung

Aus der Hightech-Moderne bewegt sich Tykwer in seinem Film zurück in eine archaische Welt. In der Vergangenheit liegt der Weg in die Zukunft – das gilt ohne Zweifel auch für Tykwers Verhältnis zum Genre. Für ihn haben die großen Paranoia-Thriller der siebziger Jahre von "Zeuge einer Verschwörung" (1974) bis zu "Der Marathon-Mann" und "Die Unbestechlichen" (beide 1976) Maßstäbe gesetzt. Sie haben Tykwer bei "The International" inspiriert, an ihnen will er sich messen lassen.

Das freilich behaupten zurzeit so einige Regisseure. Auch Marc Forster versprach, mit seinem Bond-Film "Ein Quantum Trost" an die Siebziger-Jahre-Thriller anzuknüpfen. Doch dann zerhäckselte er den konzentrierten Stil des Paranoia-Kinos jener Zeit in stakkatohaften Schnittorgien – beeinflusst vom hysterischen Stil der immens erfolgreichen Filme um den CIA-Killer Jason Bourne. Tatsächlich tun sich die Zuschauer im Bond-Film schwer zu erkennen, wer gut und wer böse ist; aber nur deshalb, weil sie zeitweise nicht mehr wissen, wo oben und unten ist.

Gegen diese Bournifizierung des Kinos kämpft Tykwer an. "The International" liegt deutlich unter der Richtgeschwindigkeit zeitgenössischer Thriller – und kommt deshalb am Ende viel weiter. Der Schrittmacher des Films war nicht der Schneidetisch, sondern das Drehbuch von Eric Warren Singer, das die Handlung stetig vorantreibt.

Es ist höchst spannend zu verfolgen, wie Salinger und Whitman nach einem Attentat auf einen Politiker zunächst den Einschusswinkel ermitteln, auf den Standpunkt des Schützen schließen, eine Spur entdecken, die er dort hinterlassen hat, und schließlich herausfinden, wo er sich aufhält. Der Film sprintet nur ab und zu; er hat die ständige Anspannung und den langen Atem eines Marathonlaufs.

Film ohne Firlefanz

Dafür wirft er jeden überflüssigen Ballast ab. Wie Robert Redford und Dustin Hoffman als Watergate-Reporter in "Die Unbestechlichen" sind auch Salinger und Whitman so sehr mit der Lösung ihres Falles beschäftigt, dass der Film ihnen kein Privatleben gönnt. Einmal sieht man Whitman in ihrem New Yorker Apartment. Sie hängt am Telefon, ihr Mann tritt in den Raum und trägt das gemeinsame Kind, das auf dem Sofa eingeschlafen ist, ins Bett.

Alles, was Menschen normalerweise zum Leben brauchen, Essen, Trinken, Schlafen, Sex haben – kommt in dem Film so gut wie nicht vor. In einer schönen ironischen Wendung gelingt den Ermittlern, die gerade einen toten Punkt erreicht haben, ein entscheidender Durchbruch, weil sich einer von ihnen Kaffee holen geht.

"The International" hat etwas Entschlacktes. Das gilt auch für Tykwers Inszenierung, die sich in seinen früheren Filmen gelegentlich zu verselbständigen drohte. Sein manchmal sehr angestrengter Gestaltungswille ließ etwa das Finale seiner Patrick-Süsskind-Adaption "Das Parfum" fasst ins Lächerliche umkippen. "The International" dagegen ist ein Film ohne Firlefanz.

Tykwer und sein Kameramann Frank Griebe erkunden die Räume, die sie ihren Zuschauern zeigen, meist in Tableaus und mit ruhigen Kamerabewegungen. Wenn sie Salinger in einer Totale als winziges Männchen vor der gewaltigen Glasfassade der Bank zeigen, dann erzählt das Bild im Kern die ganze Geschichte des Films.

In "Die Unbestechlichen" blickt der Regisseur Alan J. Pakula in einer Szene in der Washingtoner Library of Congress aus einer 90-Grad-Aufsicht auf seine beiden Helden herab, die gerade Tausende von Ausleihzetteln durchforsten. Immer höher schwebt die Kamera, bis man die beiden kaum noch erkennen kann und der Zuschauer spürt, wie sie in ihren Recherchen unterzugehen drohen.

Auch bei Tykwer erhebt sich die Kamera immer wieder in oft schwindelerregende Höhen, aber nicht in einer großspurigen artistischen Geste. Sondern weil wie bei Pakula nur aus Gottes Sicht erkennbar wird, wie groß die Aufgabe ist, vor der die Helden stehen.

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Sie uebersehen einen kleinen aber wesentlichen Untershcied. Moralisch oder unmoralisch, da haben sie mit ihrer Analyse natuerlich recht, aber das waere eine alberne Frage. Der Unterschied liegt woanders. Ob meine Lebensform, [...] mehr...

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06.02.2009 von the_bright: Mehr Wahrheit als man glauben mag

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06.02.2009 von eigen: Die Herren der Welt

Klingt interessant. Werde ich mir ansehen. Wahrscheinlich ein fataler Fehler dieses ganze bizarre Bankensystem um jeden Preis aufrecht erhalten zu wollen. mehr...

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