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11.02.2009
 

Berlinale-Tagebuch

Mit dem Hackebeil auf Bärenjagd

Von Wolfgang Höbel

Lustige Handwerksgesellen in Berlin: Der ungarisch-rumänische Beitrag "Katalin Varga" schnitzt ein wuchtiges Racheszenario, der US-Film "Happy Tears" klopft auf die Neurosen-Pauke und das chinesische Werk "Forever Enthralled" feilt meisterhaft an einer Künstlerbiografie.

In Berlin, wo selbst die stolzesten Modemacher der Stadt wie Fleischermeister aussehen, hat man es nicht so mit der Eleganz. Die Menschen auf der Straße nicht, die sich jetzt im Februarschneesturm dick und ungeschlacht einmümmeln und ihre Vorliebe für erstaunlich hässliche Stiefel zur Schau stellen; und auch die Filmkritiker nicht, die zum Beispiel Michelle Pfeiffers formvollendeten Wettbewerbsauftritt in "Cheri" oft geradezu unhöflich abkanzelten.

Dabei war Dienstag wirklich Glamourtag. Wie Stephen Frears' "Cheri" ist auch der chinesische Beitrag "Forever Enthralled" von Chen Kaige ein Fest historischer Eleganz in nüchtern schwelgerischen, wie mit dem Zirkel ausgemessenen Bildern. Bei Frears huldigt man der Schnörkelpracht der Belle Epoque, bei Chen Kaige (der vor anderthalb Jahrzehnten "Lebewohl, meine Konkubine" gedreht hat) dem Welterfolg der Pekingoper in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Der Film erzählt die Geschichte des großen Sängers Mei Lanfang, der in den Dreißigern in New York bejubelt wurde und ein westliches Publikum für die Pekingoper begeisterte; indirekt ist er mit Schuld dran, dass der Theater-Schlaumeier Bertolt Brecht durchs Pekingoper-Gucken zu seiner berüchtigten Verfremdungs-Theorie angeregt wurde.

"Forever Enthralled" ist ein sogenanntes Biopic, eine filmische Biografie. Wir lernen den 1894 geborenen Helden Mei Lanfang als eifrigen Jungen kennen, bestaunen seine ersten künstlerischen Großtaten als begnadetster Frauendarsteller weit und breit, sehen die Begegnung mit seinem Impresario und seiner Ehefrau, erleben die melodramatische Liebesgeschichte mit der schönsten Männerdarstellerin Pekings und seinen Aufbruch gen Amerika. Aber immer, auch wenn vom mutigen Zurückscheuen des Künstlers vor den Lockrufen der japanischen Besatzer die Rede ist, spielt die Pekingopernkunst die Hauptrolle.

Das ist einerseits schön, weil es toll aussieht und sich aberwitzig anhört, aber es ist, bei allem Respekt vor den Höchstleistungen fremder Kulturen, auch irre anstrengend. So erklärt sich, dass aus dem fast zweieinhalbstündigen Film eine Menge Zuschauer flüchteten: wohl kaum vor dem grandiosen Bilderzauber, dafür aber vor der oberschrillen Musik.

Tja, das Berlinale-Publikum ist dann halt doch mehr fürs Zupackende, Grobianische, das bewies der ziemlich lange Schlussapplaus für den ungarisch-rumänischen Wettbewerbsfilm "Katalina Varga" von Peter Strickland. In diesem Werk sieht man kurz vor Schluss einen Mann mit langen schwarzen Haaren und von hagerer Bauerngestalt ein Hackebeil zur Hand nehmen, "wegen der Bären", sagt er und schreitet waldwärts.

"Katalin Varga" erzählt die bäuerlich-archaische Geschichte einer Frau von heute. Sie muss mit ihrem zehnjährigen Sohn schmachvoll ihr Dorf verlassen, weil herausgekommen ist, dass der Junge nicht das Kind ihres Gatten ist. Im Pferdewagen brechen die Mutter und ihr nichts ahnender Sohn auf zu einer Rachetour. Die Heldin Katalin (Hilda Peter) will nämlich die beiden Männer umbringen, die sie einst vergewaltigt und geschwängert haben, als sie per Anhalterin unterwegs war.

Die Hauptrolle in Peter Stricklands Film spielt keine der Personen, sondern die Berglandschaft der Karpaten, in der sie sich bewegen. Finstere Wälder, wogende Getreidefelder, Bäche und Hügel sind hier oft so schroff aneinandermontiert, als hätte auch der Cutter des Films ein Hackebeil benutzt.

Die Wendungen der Handlung sind gleichfalls roh und kantig und überraschend, von der Tonspur dröhnt es bedrohlich wie in einem bösen Märchen. Bei allen Mängeln in der Feinmotorik aber entwickelt der Film eine grimmige Wucht, von der man abgebrüht sagen kann, dass sie osteuropäisch, oder hochtrabend, dass sie biblisch ist. Ein außergewöhnlicher Klotz von Film ist "Katalin Varga" auf jeden Fall.

Leider eher ein wenig hilflos mit dem Holzhammer zurechtgeklopft ist Mitchell Lichtensteins US-Familiendrama "Happy Tears". Der Regisseur Lichtenstein, Sohn des berühmten Malers Roy Lichtenstein, lässt zum Beispiel den Sohn eines berühmten Malers in seinem Film vorkommen, der schwerst gestört, drogengeschädigt und überhaupt arm dran ist und sich mit einer Kreissäge in den Unterarm schneidet. Huh, huh, ist das toplustig! In der Hauptsache zeigt "Happy Tears" zwei überkandidelte Schwestern (Parker Posey und Demi Moore), die sich plötzlich in Pittsburgh um ihren demenzkranken Vater kümmern müssen.

Wir sehen also, wie der Mann in seiner vollgekackten Unterhose zur Badewanne geschleppt und nackig abgeduscht wird, beglotzen die ungleichen Schwestern beim Haschischrauchen oder dürfen mitansehen, wie eine der beiden mit dem muskelbepackten, gerade mal 18-jährigen Nachbarsjungen eine Affäre anfängt.

Alles hübsch drastisch und schwer übersteuert, als wolle man Jonathan Franzens "Korrekturen" mit ein bisschen "American Beauty" und einem Hauch von Woody Allen aufpeppen. Das netteste an diesem brachialkomischen Film ist es, Demi Moore wiederzusehen, in einem Film, in dem ausnahmsweise mal nicht sie die überspannteste, von Ambition zerfressenste Person vor der Kamera ist. Sie ist, ganz im Gegenteil, nahezu das einzige menschliche Wesen in einer Parade von behämmerten Zombies.

Bei der Vorführung im Berlinalepalast, wo man sich an der Eleganz von Stephen Frears und Chen Kaige nicht recht freuen wollte, gab es trotzdem viele Lacher für "Happy Tears". Den Goldenen Bären der Filmfestspiele aber erlegt dann schon eher der Film mit dem Hackebeil.

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