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15.02.2009
 

Berlinale-Bilanz

Eine Feier für das Kino

Von Andreas Borcholte

Sind die Zeiten schlecht, geht es dem Kino gut. Die Filme der 59. Berlinale boten junges, engagiertes, phantasievolles, unbequemes Weltkino - der Goldene Bär ging zu Recht nach Peru. Jetzt müssen nur noch die Zuschauer folgen.

Es gab in diesen zehn Tagen voller Bilder eines, das ganz besonders eindrucksvoll war. Es war fast jeden Morgen zu sehen, wenn man gegen halb neun mit hochgeschlagenem Kragen und Kaffeebecher in der Hand zum Berlinale-Palast eilte, um die erste Pressevorführung des Tages zu sehen. Während man sich selbst schon für reichlich tapfer hielt, für ein vielleicht ungenießbares Stück Kino so früh aufgestanden zu sein, standen viele Kinofans und Filmfreunde bereits seit einer Stunde oder länger fröhlich in den eisigen Fallwinden am Potsdamer Platz, um ein Ticket für eine der Vorführungen zu ergattern. Die Berlinale, das zeigte sich auch in diesem Jahr wieder, ist ein Publikumsfestival. 270.000 Tickets, das sind 30.000 mehr als 2008, wurden zur 59. Ausgabe des Festivals verkauft, hieß es am Samstag, das ist ein neuer Rekord.

Anlass zur Sorge gibt es also kaum für Dieter Kosslick und seinen Berlinale-Dampfer, der von Jahr zu Jahr wächst: Mehr Sektionen, mehr Programme, mehr akkreditierte Journalisten, mehr Zuschauer - der große, böse Eisberg namens Wirtschafts- und Finanzkrise war noch nicht in Sicht in diesem Februar.

Selbst auf dem European Film Market, der Verkaufsbörse des Festivals gab es mehr Abschlüsse als erwartet, meldete das Branchenblatt "Blickpunkt: Film". Allerdings gehen sogenannte High Quality Projects, Filme, die mit großen Stars und aufwendiger Ausstattung wuchern können, zurzeit besser als Nischenprojekte.

Auf den Wettbewerb der diesjährigen Berlinale bezogen heißt das: Internationale Co-Produktionen wie Tom Tykwers "The International", der vielfach Oscar-nominierte "Vorleser" oder das Epochendrama "Chéri" von Stephen Frears werden ihren Weg in die Kinos finden. Engagierte Filme von noch unbekannten Regisseuren wie der iranische Beitrag "Darbareye Elly", Maren Ades schmerzhaft konzentriertes Beziehungsdrama "Alle anderen" oder der Siegerfilm "La teta asustada" hingegen haben es schon immer schwer gehabt, einen Verleiher zu finden und werden es folglich in diesem Jahr kaum leichter haben.

Glamour und Filmkunst

Die Entscheidung der Jury, gerade diese Filme vorrangig auszuzeichnen ist daher umso wichtiger. Denn während der cinephile Zuschauer, der auf der Berlinale für den einen oder anderen Beitrag kein Ticket mehr bekommen hat, manchmal bis zu zwei Jahre lang warten muss, bis der Film mit einer Handvoll Kopien ins Kino kommt, können die mit silbernen und goldenen Bären geehrten Regisseure, Schauspieler und Drehbuchautoren dank der erlangten Aufmerksamkeit arbeiten, Finanzierungen sammeln und neue Projekte anschieben. Das Prinzip dieses immer noch politischsten Festivals der A-Liga war es immer, die beiden essentiellen Aspekte des Kinos zusammenzubringen: Den Glamour, den große Stars und opulente Erzählfilme verströmen - und die experimentelle, ambitionierte Filmkunst, die neue Bildsprachen ausprobiert und ungeschminkt vom sozialen Alltag berichtet. Berlin ist es in diesem Jahr erneut gelungen, diese Rechnung aufgehen zu lassen.

Natürlich kann man immer streiten: Ist der goldene Bär für den etwas esoterischen, eher schwer zugänglichen peruanischen Beitrag wirklich gerechtfertigt? Hätte die Jury unter Vorsitz der Schauspielerin Tilda Swinton nicht eigentlich den in seiner Alltagsschilderung iranischer Lebenswirklichkeit radikal offenen "Darbareye Elly" auszeichnen müssen, statt lediglich Regisseur Asghar Farhadi mit einem silbernen Bären zu ehren? Oder hätte nicht auch die wunderbar simpel erzählte Parabel einer möglichen kulturellen Weltverständigung, Rachid Boujarebs "London River", mehr verdient als nur den Darstellerpreis für den 72-jährigen Sotigui Kouyaté? Und warum hat eigentlich "Alle anderen" nur den Großen Preis der Jury bekommen, und warum ging "Sturm", der zweite deutsche Wettbewerbsfilm, gänzlich leer aus?

Berlinale-Preisträger
Kategorie Preisträger
Goldener Bär "La Teta Asustada"
Großer Preis der Jury "Alle Anderen"/"Gigante"
Beste Regie "Alles über Elly
Beste Schauspielerin Birgit Minichmayr
Bester Schauspieler Sotigui Kouyate
Herausragende künstlerische Leistung Gábor Erdélyi/Tamás Székely
Bestes Drehbuch "The Messenger"
Bester Erstlingsfilm "Gigante"
Alfred-Bauer-Preis "Gigante"
Natürlich gibt es keine befriedigenden Antworten auf diese Fragen, es ist aber auch egal. Denn einen aus so vielen passablen und gelungenen Filmen herausragenden Beitrag gab es in diesem Jahr im Wettbewerb nicht, so dass die Jury das einzig Richtige getan hat: Paritätisch und nach - oftmals einstimmingen - Gusto Preise verteilt. Sogar zwei mehr als vorgesehen, denn sowohl beim Alfred Bauer Preis für herausragende künstlerische Leistungen, als auch beim Großen Preis der Jury gab es zwei Preisträger. Davon hat vor allem der argentinische Debütfilm "Gigante" profitiert, der mit insgesamt drei Auszeichnungen eigentlicher Sieger des Festivals ist: Der junge Regisseur Adrián Biniez bekam zusätzlich auch noch den Preis für das beste Erstlingswerk.

Sein Film erzählt die Geschichte eines Sicherheitsbeamten, der sich in eine Mitarbeiterin verliebt, sich aber nicht traut, sie anzusprechen. Mit wachsender Obsession beobachtet er die Angebetete über die Überwachungskameras des Supermarkts, in dem beide arbeiten - und richtet sein ganzes Leben nach dem Alltag der Fremden aus. Es sind solche Miniaturen über das Zusammenleben ganz normaler Menschen, die unauffällig wirken, aber großen Eindruck hinterlassen und tiefe Wahrheiten beinhalten. Ob "Gigante", "La teta asustada", "London River" oder "Alle anderen": Um Filmen wie diesen inmitten des Getöses um Eventmovies und Blockbuster-Sequels Aufmerksamkeit zu verleihen und Zuschauer zuzuführen, gibt es Festivals wie die Berlinale.

Und solange es ein Publikum gibt, dass sich morgens um acht bei Wind und Wetter in eine lange Schlange stellt; nicht um "Harry Potter" oder "Keinohrhasen" zu sehen, sondern um sich kleine, fremde, engagierte Filme in Spanisch, Farsi oder Polnisch anzusehen, kann von Krise keine Rede sein. "Wir haben in den letzten Tagen das Kino gefeiert und wir haben die Stars gefeiert", hat Berlinale-Chef Kosslick, immer ein Freund der einfachen Worte, bei der Abschlussgala gesagt. Das kann man so mal stehenlassen.

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Beide Zuschauer, die sich die Gewinnerfilme außerhalb der Berlinale, natürlich in künstlerisch-kluturell wertvolles Schwarz gewandet, ansehen werden, werden begeistert sein. mehr...

16.02.2009 von yast2000: Wo bitte sind die Filme?

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15.02.2009 von alfons mumm: Was läuft?

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15.02.2009 von philoron: Zweischneidig

Ich bin was die Preise angeht zweigeteilter Meinung. Einerseits finde ich den Ansatz, ein anspruchsvolles Kontrastprogramm zu den Nebelmaschinen-Produktionen aus Hollywood zu bieten, sehr nobel und wurde auch zu recht [...] mehr...

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