Mit dieser intimen Szene setzt Van Sant den Ton für den gesamten Film. Es ist ein buntes, lebhaftes, manchmal hektisches, oft spannendes Werk im Stil des Politkinos der Siebziger, das keinen Hehl aus seinen Sympathien macht: Milk mag am Ende sterben, doch sein Wirken als Bürgerrechtler, sein erfolgreicher Kampf für die Akzeptanz von Schwulen in der Öffentlichkeit, reicht weit über seinen Tod hinaus. Der Film zeigt mit dokumentarischer Akribie und beherzt inszenierter Fiktion, wie Milk zum Messias werden konnte.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei Hauptdarsteller Sean Penn, der, kosmetisch zum Milk-Double verwandelt, die vielleicht beste Leistung in seiner Karriere abliefert. Der Über-Macho Penn, zumeist in kantigen, düsteren Rollen zu sehen, veränderte und lockerte seine komplette Körpersprache, um den lebensbejahenden Milk zu spielen - und trifft gleich doppelt ins Ziel: Der laut Black "beste Schauspieler, den es zurzeit gibt", lässt nicht nur das vibrierende, rastlose Charisma des Politikers aufleben, er setzt allein durch seine Rollenwahl ein wichtiges Zeichen: Wenn ein Männlichkeitssymbol wie Sean Penn einen Schwulen spielt, dann hat sich wirklich etwas getan an der Front der Geschlechterfragen.
Bald nach ihrem Kennenlernen ziehen Harvey und Scott zusammen nach San Francisco, dem Hort der Hippies und Liberalen, und siedeln sich mit einem kleinen Fotoladen in der Castro Street an, einer Gegend, die von der homosexuellen Szene frequentiert wird. Es ist die offensichtliche Schikane schwuler Geschäftsleute durch die lokale Verwaltung, die Milk dazu bringt, für die Sache der Homosexuellen einzutreten. Er entdeckt sein Talent, die Massen zu mobilisieren und wird zum Sprachrohr der Schwulen.
Schnell ersetzen schmucker Kurzhaarschnitt und eleganter Anzug die Hippie-Kluft der Haight-Ashbury-Szene; Milks Aufstieg scheint unaufhaltsam. Allerdings spart der Film auch nicht aus, wie sehr das Privatleben des aufstrebenden Polit-Missionars leidet. Die langjährige Beziehung zu Scott zerbricht, später endet auch die Affäre mit dem extrovertierten Jack (Diego Luna), als sich der labile junge Mann aus Einsamkeit erhängt.
Doch so sehr das Private zusammenbricht, desto erfolgreicher verläuft Milks Karriere: Die von konservativen Kräften ins Feld geführte Gesetzesvorlage, die es schwulen Lehrern in Kalifornien verbieten soll, Kinder zu unterrichten, kann Stadtrat Milk dank Unterstützung einer breiten Volksbewegung und dem liberal eingestellten Bürgermeister von San Francisco abschmettern.
Seine Nemesis findet er in seinem konservativen Politiker-Kollegen Dan White (Josh Brolin), der zunächst die Nähe des charmanten, mitreißenden Milk sucht, dann aber in Panik verfällt, als er feststellt, dass der Stadtrat plötzlich von Schwulen, Lesben und Schwarzen dominiert wird. Als er von seinem Amt suspendiert wird, läuft er im Rathaus Amok und erschießt zuerst Bürgermeister George Moscone, dann Harvey Milk.
Der Film suggeriert subtil, dass White mit seinen eigenen unterdrückten Neigungen zur Homosexualität nicht klarkommt und ausrastet, statt sich einzugestehen, schwul zu sein. Die Aufrechterhaltung der bürgerlichen Fassade ist alles, was für ihn zählt; der radikal liberale Milk wird zum Inbegriff all dessen, was gleichzeitig begehrens- und verdammenswert ist. Milk und White symbolisieren bei Gus Van Sant die beiden Pole der amerikanischen Gesellschaft: Hin- und hergerissen zwischen Freiheitsdrang und Moralzwang.
White kommt übrigens, diese bittere Pointe spart der Film aus, mit nur fünf Jahren Gefängnis davon: Die Verteidigung macht geltend, dass ihn seine ungesunde Fast-Food-Ernährung zur Wahnsinnstat getrieben habe.
Seit diesen dunklen Zeiten ist die Schwulenbewegung weit gekommen, das wissen auch Gus Van Sant und Dustin Lance Black. Und doch staunen beide darüber, wie aktuell ihr Porträt des schwulen Vorkämpfers gerade jetzt wieder ist. "Und zwar auf mehreren Ebenen", erklärt der Drehbuchautor, den Barack Obamas Betonung des Wortes Hoffnung im Wahlkampf zu der Theorie geführt hat, dass der damalige Präsidentschaftskandidat sich von einer berühmt gewordenen Rede Milks inspiriert haben lassen könnte. "Die Ähnlichkeiten mit Harveys Welt und unserer fielen uns eigentlich erst auf, als wir schon im Schneideraum waren. Plötzlich gab es in Kalifornien die Proposition 8 gegen die Schwulenehe, und Sarah Palin erinnerte frappierend an Anita Bryant, die konservative Sängerin, die zu Harveys Zeiten Kampagnen gegen Schwule anführte."
Und so steht "Milk", ein Film über einen Mann aus einer Minderheit, der die Massen bewegte, plötzlich im Mittelpunkt des Zeitgeists. Bis jetzt habe sich der Präsident noch nicht für die Abwehr der Gesetzesvorlage 8 vor dem Supreme Court stark gemacht, aus religiösen Gründen, wie der politisch aktive Black weiß. "Aber er hat gesagt, dass er mit seiner Haltung falsch liegen kann. Also gibt es noch Hoffnung", sagt er, und wird trotz Premierenfeier-Kater plötzlich ganz lebendig.
Gus Van Sant hingegen lächelt immer noch, aber nicht mehr ganz so schüchtern wie zu Beginn des Gesprächs. Für den Filmemacher, der sich bisher nie offen politisch geäußert hat, ist "Milk" nicht nur einer seiner besten Filme, sondern auch ein mutiges Statement.
Ob er sich künftig nicht doch noch als Aktivist betätigen will? Van Sant deutet auf seinen jungen Kompagnon: "Zumindest hat Dustin mich neulich schon dazu überredet, an einem Protestmarsch teilzunehmen", murmelt er. Black lacht: "Und es hat Dir gefallen!". "Ja", sagt Van Sant, "wer weiß, vielleicht bin ich ja auf den Geschmack gekommen."
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