SPIEGEL ONLINE: Die Entstehungsgeschichte von "The Fall" hört sich geradezu abenteuerlich an: 11 Jahre Vorbereitung, vier Jahre Dreharbeiten. Dabei sind Sie durch mindestens 18 verschiedene Länder gereist.
Singh: Das erste Mal habe ich sogar schon vor 23 Jahren über das Projekt gesprochen. Und ich habe diverse andere Aufträge, mit denen ich hätte Geld verdienen können, deswegen abgesagt. Für "The Fall" aber wollte mir niemand einen Pfennig Geld geben. Ich habe trotzdem weiter gemacht.
SPIEGEL ONLINE: Sie leiden unter einer bedenklichen Obsession.
Singh: Wissen Sie, meine Freundin hatte mich damals von einem Tag auf den anderen verlassen. Ich war am Boden zerstört. Der einzige Weg, mich aus diesem Loch herauszuarbeiten, war dieser Film. Er hat mir geholfen zu überleben.
SPIEGEL ONLINE: Im Mittelpunkt von "The Fall" stehen ein kleines Mädchen und die Geschichten, die es im Kopf hat. Wie sind Sie darauf gekommen?
Singh: Im indischen Himalayagebiet, wo ich damals zur Schule ging, gab es keine Kinos. Aber wir hatten eine Lehrerin, die uns Geschichten erzählte - die dachte sie sich spontan aus. Ich hing an ihren Lippen. Und die Geschichten habe ich bis heute nicht vergessen.
SPIEGEL ONLINE: Um was ging es da?
Singh: Im Nachhinein hören sie sich geradezu grotesk an. Für uns aber waren sie ganz großes Kino: Die Geschichte von einer Mischung aus James Bond und Robin Hood zum Beispiel, der versuchte das Rätsel des Watergate-Skandals zu lösen. Jede Woche ließ Sie uns mit einem Cliffhanger zurück. Und wir fieberten der kommenden Woche entgegen, um zu hören, wie es weiter geht.
SPIEGEL ONLINE: In einer Zeit, in der selbst Komödien nicht mehr ohne Computertricks auskommen, benutzen Sie keine Special Effects und drehen an Originalschauplätzen. Warum?
Singh: Ich liebe Special Effects - aber das Problem ist, dass sie nur sehr selten funktionieren. Nehmen Sie einen Film wie "Der Herr der Ringe". Damals war das computertechnisch das Maß aller Dinge. Aber schon drei Jahre später sieht der Film lächerlich und billig aus. Selbst die aktuelle Version des Videospiels wirkt wahrscheinlich besser als der Film. Ich wollte eine zeitlose Geschichte erzählen. Ich möchte nicht, dass mein Film in 20 Jahren alt wirkt.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Bruder hat den Film für Sie produziert. Er muss ein sehr geduldiger Mensch sein.
Singh: Das ist er. Und wir ergänzen uns in einer Art Symbiose. Als mir in den USA auf dem College irgendwann das Geld ausging, kam er mir zu Hilfe. Er putzte zwei Jahre lang Toiletten, um mein Studium zu finanzieren. Denn mein Vater hatte uns den Geldhahn abgedreht, weil wir nicht studieren wollten, was er sich vorgestellt hatte. Später habe ich mich dann revanchiert und meinem Bruder das Jurastudium ermöglicht. Er hat zwei Kinder und ich bin sein drittes Kind. Ohne ihn wäre ich verloren.
SPIEGEL ONLINE: Ihre beiden nächsten Projekte werden klassische Hollywoodprojekte sein. Wie bewältigen Sie den Wechsel von Kunst zu Kommerz?
Singh: Ganz ausgezeichnet. Ich bin eine Prostituierte, die ihren Beruf liebt.
SPIEGEL ONLINE: Warum drehen Sie nicht noch schnell einen Bollywood-Film, bevor der Trend vorbei ist?
Singh: Fragen Sie das jeden Inder? Aber ich muss wohl damit leben, in diese Schublade gesteckt zu werden. Als Teenager liebte ich Bollywoodfilme. Aber bereits mit siebzehn Jahren fand ich sie nur noch peinlich. Erst seit ich die westliche Perspektive kenne, habe ich sie wieder als ganz eigenes Genre zu schätzen gelernt. Diese Filme haben ihre eigenen seltsamen Gesetze, die man akzeptieren muss. Und ähnlich wie das chinesische Martial-Arts-Kino haben sie in ihrer Isolation überlebt. Aber für mich ist das nichts.
SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile sind Sie wieder glücklich liiert. Würden Sie, sollten Sie noch einmal unter Liebeskummer leiden, "The Fall 2" drehen?
Singh: Oh, nein. Bitte nicht! Ich bin froh, dass ich diesen Film gemacht habe. Aber ich hoffe auch inständig, dass mich diese schreckliche Sucht nie wieder im Griff hat. Ich möchte nicht rückfällig werden.
Das Interview führte Christian Aust
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH