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31.03.2009
 

3D-Boom im Kino

Schwabbelmonster auf dem Schoß

Von Christian Buß

Mit dem Animations-Spektakel "Monsters vs. Aliens" und dem Horrorschocker "My Bloody Valentine 3D" erlebt die oft totgesagte 3D-Technik ein digitales Comeback. Kinos rüsten sich mit teurer Hardware für den Boom, dabei könnte die Zukunft des Trends im heimischen DVD-Player liegen.

Zurückzuckende Körper und vors Gesicht geworfene Hände: In den nächsten Monaten wird man Kinozuschauer verstärkt ihre natürlichen Abwehrreflexe trainieren sehen. Verantwortlich dafür sind vorerst vor allem zwei Filme, die mit modernster dreidimensionaler Anmutung arbeiten und das Publikum durch gleichsam aus der Leinwand katapultierte Gebeine und Gebäudeteile in die Sitze drücken.

Schon diese Woche startet das animierte Science-Fiction-Abenteuer "Monsters vs. Aliens", für das ein Blondinchen in Fünfziger-Jahre-Manier nach einem Meteoriteneinschlag zur fünf Stockwerke hohen Furie wächst und in San Francisco zusammen mit einer Truppe Schwabbelmonster und Küchenschaben-Mutationen gegen außerirdische Aggressoren antritt. Durch die Anwendung aktuellster digitaler 3D-Technik sorgen in dieser hübsch zitierten B-Movie-Hommage Kollateralschäden wie die einstürzende Golden Gate Bridge und wankende Wolkenkratzer dafür, dass dem Publikum Reißseile und Betonklötze förmlich um die Ohren fliegen.

Minimalistischer gehen die Macher des Horrorfilms "My Bloody Valentine 3D", der im Mai in die deutschen Kinos kommt, mit der digitalen Stereoskopie um. In dieser Variation des altbewährten Slasher-Themas dezimiert ein maskierter Bergmann die Bevölkerung eines Minenstädtchens. Der einsame Star des Films ist hier sozusagen die Spitzhacke. Immer wieder fährt sie auf den Betrachter nieder; gelegentlich hängen Augen oder Innereien dran. Der Schocker, der hierzulande mit einer Altersfreigabe ab 18 Jahren läuft und in dem es für das Genre eher untypisch explizite Sexszenen gibt, hat schon nach dem US-Start mit über 50 Millionen Dollar ein Vielfaches seiner Produktionskosten wieder eingespielt.

"Wir stehen vor einer Revolution des Kinos"

Schwer zu sagen, ob Entertainment-Mogul Jeffrey Katzenberg auch auf Filme wie "My Bloody Valentine" anspielt, wenn er von neuen glorreichen Zeiten für Hollywood schwärmt. Auf jeden Fall gehört der DreamWorks-Animationschef und "Monsters vs. Aliens"-Produzent zu den großen Promotern der neuen 3D-Technik. "Wir stehen vor einer Revolution des Kinos, wie es sie seit Einführung des Farbfilms nicht mehr gegeben hat", erklärt er schon seit zwei Jahren bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit. Zumindest für die Lichtspielindustrie in den USA scheint Katzenberg recht zu behalten: Dort hat sein ambitionierter Animationsfilm zum Start am vergangenen Wochenende fast 60 Millionen Dollar eingespielt. Zuvor liefen in Amerika schon die 3D-Versionen von computergenerierten Spektakeln wie dem Federviehspäßchen "Himmel und Huhn" oder der Schlachterplatte "Die Legende von Beowulf" sehr viel erfolgreicher als ihre zweidimensionalen Gegenstücke.

Mit dem Erfolg von "Monsters vs. Aliens" und "My Bloody Valentine 3D" wird nun erst recht deutlich, dass die digitale Revitalisierung der alten Technik vor allem in zwei sehr gegensätzlichen Publikumssegmenten vorangetrieben wird: Familienspaß und Erwachsenunterhaltung.

Trieb und Spieltrieb waren auch schon die beiden bestimmenden Kräfte, mit der die Verbreitung von 3D-Werken in ihren Anfangstagen befeuert wurde. Als mit dem Siegeszug des Fernsehens in den fünfziger Jahren sich immer weniger Besucher in die US-Kinos verirrten, sorgte die stereoskopische Fotografie für neue Attraktionen: 3D-Effekte machten es 1954 möglich, dass der unheimliche Kiemenmensch in Jack Arnolds Gruselabenteuer "Der Schrecken vom Amazonas" von der Leinwand zu steigen schien oder sich im gleichen Jahr der Mörder in Alfred Hitchcocks "Bei Anruf Mord" bedrohlich dem Publikum nähern konnte.

Doch nachdem sich der erste Novelty-Effekt abgenutzt hatte und sich die damals noch sehr viel aufwendigere, analoge 3D-Projektionstechnik auf breiter Ebene nicht mehr rechnete, wurde der dreidimensionale Kitzel in die Nische verband: Im Kino der Angst und im Kino des Voyeurismus feierte er ein Schattendasein - wenn auch ein sehr einträgliches.

Nischenexistenz im Horror- und Porno-Genre

Für Horrorproduktionen wie den frühen psychedelischen Kultfilm "Die teuflische Maske" von 1961 bot die Technik immer noch genauso wunderbare Möglichkeiten wie für Hardcore-Pornos vom Schlage "The Starlets", bei dessen Sichtung dem Publikum 1976 erigierte Penisse entgegenragten. Ganz clevere Akteure kombinierten einfach Horror und Porno, so wie Andy Warhol 1973 für seine "Frankenstein"-Variation. Auf diese Weise konnte mit der umständlichen 3D-Apparatur immer noch Geld gemacht werden.

Als 1982 "Und wieder ist Freitag, der 13." in 3D anlief, bescherte die damals schon leicht verbesserte stereoskopische Technik dem dritten Teil der Horror-Saga sogar doppelt so viele Zuschauer wie dem 2D-Vorgänger. Zur erfolgreichsten 3D-Produktion aller Zeiten (die Geldentwertung mitgerechnet) avancierte allerdings "The Stewardesses", ein Softporno aus dem Jahr 1969. 27 Millionen Dollar spielte dieses Epos ein, das heute in Fachkreisen "die 'Titanic' der Tittenfilme" genannt wird - in Anspielung auf James Camerons Superlativ-Blockbuster.

Cameron kommt übrigens nun der Auftrag zu, die neue 3D-Technik zu neuen narrativen Weihen zu führen. Gerade bereitet er für ein geschätztes Rekord-Budget von 200 Millionen Dollar das Science-Fiction-Epos "Avatar" vor, das Ende 2009 anläuft. Es wird in Neuseeland gedreht und handelt von der Besiedlung eines fremden Planeten; das Thema Kolonialismus soll dem Vernehmen nach einen wichtigen Subtext liefern.

Ein Zeichen dafür, dass der Nischentrash 3D längst wieder für den gehobenen Mainstream taugt - und endlich sogar für die Hochkultur. Denn auch das ehrenwerte Kunstfilmfestival Cannes setzt dieses Jahr auf die dritte Dimension und wird vom computergenerierten 3D-Spektakel "Up!" aus dem Hause Pixar eröffnet. Wie das Konkurrenzstudio DreamWorks schickt man bei Pixar ebenfalls gleich eine ganze Reihe stereoskopischer Familienfilme an den Start, etwa die Sequels zu "Toy Story" oder "Cars".

Dass die digitale 3D-Kinoauswertung in den USA funktioniert, haben vergangenes Jahr schon erfolgreiche Konzertfilme wie "U2 3D" oder "Hannah Montana/Miley Cyrus: Best of Both Worlds Tour" gezeigt, die dort mit geringer Kopienzahl ein großes Publikum erreicht haben. Ob die Produktionen nun zukünftig in den konkurrierenden Formaten Tru3D, Real D oder Dolby 3D Digital Cinema gedreht sind, ist erstmal ziemlich egal, sie alle werden digital auf die Leinwand gebracht - wodurch die leidigen analogen Doppelprojektionen überflüssig werden, die früher leicht zu verschwommenen Bildern und Kopfschmerzen geführt haben.

Gespanntes Warten auf die Nacktfilm-Industrie

Der optimale 3D-Genuss ist in Deutschland allerdings nicht überall zu haben, "Monsters vs. Aliens" und "My Bloody Valentine 3D" werden in einigen Städten nur in der "Flachbild"-Version zu sehen sein. Der Erfolg dieser dreidimensionalen Vorreiter wird dann darüber entscheiden, wie viele Kinos hierzulande aufrüsten werden. Die digitale Ausstattung eines einzigen Saales kostet immerhin 50.000 Euro. Eine Anschaffung, die sich als sinnvoll erweisen könnte. Schafft man so doch ein exklusives Seherlebnis, das den Schwund an Box-Office-Publikum durch Internet-Piraterie und DVD-Handel auffangen könnte. Wie schon an der medialen Bruchstelle in den Fünfzigern, als das Fernsehen zum Massenmedium wurde, ist 3D ja auch heute vor allem eine Art Kompensationsgeschäft.

Allerdings droht bei erfolgreicher 3D-Aufrüstung der Lichtspielhäuser gleich auch wieder neue Gefahr von der Home-Entertainment-Front. Ausgerechnet der Wirtschaftszweig, der die Geschichte des stereoskopischen Films so redlich mit vorangetrieben hat, könnte dafür verantwortlich sein, dass man bald auch zu Hause DVDs dreidimensional genießen kann: Denn auch die Pornoindustrie ist nach eigenem Bekunden dank der Gratiskultur im Internet in der Krise und sucht nach neuen Einnahmemöglichkeiten.

Soeben hat der unverwüstliche "Hustler"-Herausgeber Larry Flynt deshalb vom US-Präsidenten nach Autobauervorbild ein Subventionspaket von fünf Milliarden Dollar für seine Branche eingefordert. Etwas weniger publicityträchtigere Kollegen Flynts hingegen arbeiten schon fleißig mit Hard- und Software-Herstellern an neuen Anreizen für bezahlfreudige Pornokonsumenten. Sehr wahrscheinlich, dass sie bald 3D-Techniken für den Hausgebrauch entwickelt haben werden.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Nacktfilmproduzenten die technische Entwicklung in diesem Bereich bestimmen. Vom VHS-Video bis zur BluRay-Disc, stets war es die Porno-Industrie, die das entscheidende Zünglein an der Waage war. Nachteil für die großen Hollywoodstudios: Wenn sich die dreidimensionale DVD-Technik auf breiter Ebene durchsetzt, bleiben möglicherweise wieder die teuer nachgerüsteten Kinos leer.

Doch abgesehen davon wird sich der 3D-Kinofilm nach ersten Begeisterungsstürmen für die aufregende erweiterte Bildwahrnehmung sowieso nur wirklich dann durchsetzen, falls man für die neue räumliche auch eine neue narrative Tiefe findet. So schön nämlich "Monsters vs. Aliens" alte Monsterfilme zitiert und so einfallsreich in "My Bloody Valentine" die Spitzhacke zum Einsatz gebracht wird: Auf Dauer wirkt die Dramaturgie ewig entgegengestreckter und entgegengeschleuderter Gegenstände und Gliedmaßen ziemlich eintönig.

Um es mal antipornografisch zu formulieren: Die 3D-Kunst wird nur überleben, wenn sie sich vom phallischen Diktat befreit.

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28.04.2009 von DerLustToni: Genau! Das ist der Trick!

Sorry, für die Unterbrechung, mußte jedoch (nach 2 Jahren) mal wieder den Abfluß in unserer Küche säubern. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,621656,00.html Im Hauptquartier der römischen Götter: Jupi-Titus Kaesezar [...] mehr...

28.04.2009 von redirect:

a müsste ich widersprechen. Die ersten Erfahrungen aus den USA haben gezeigt, dass die Leute auch nach inzwischen fast einem dutzend Filmen den Effekt nach wie vor akzeptieren und die Innovation in dieser Sache ist noch lange [...] mehr...

28.04.2009 von Rockker:

Erstmal, es ist kein Boom, weil er noch gar nicht angefangen hat. mir ist bekannt, daß erst nur UCI-Kinos in HH bald mit 3D-Vorstellungen anfangen sollen und zwar erstmal nur ein Film, dieser 3D-zeichentrick-Film, weiß nicht wie [...] mehr...

26.04.2009 von xtorbati: beindruckende Technik

Andy Warhol hat Dracular und Frankenstein in 3D verfilmt. Das ist mit der heutigen 3D Technik nicht zu vergleichen. Da flog mal ein Vogel von links unter nach rechts oben... Aber ohne Brille funktioniert es auch heute nicht. [...] mehr...

10.04.2009 von TheWalrus:

Solange ich mir keine doofe Brille anziehen muss, kann ein Film gerne 3D oder nicht sein. Der wird dadurch auch nicht besser oder schlechter. Hoffentlich jedoch wird 3D nur dann angewendet werden, wenn es ästhetisch Sinn macht, [...] mehr...

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