Von Daniel Sander
Sind lange Spielfilme im YouTube-Zeitalter überhaupt noch zeitgemäß? Wenn sogar Comic-Verfilmungen auf zweieinhalb Stunden Laufzeit kommen, wie vor kurzem Zack Snyders unerwartet unerfolgreiches "Watchmen"-Epos, dann läuft jedenfalls etwas falsch. In den Kinos geht oft nichts mehr unter 100 Minuten, und man fragt sich manchmal, warum das so sein muss, wenn man die Hälfte davon vor lauter Langeweile sowieso verschläft.
Bei den 55. Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen kann man sich ab heute wieder davon überzeugen, dass es auch anders geht, kürzer vor allen Dingen, und mit Sicherheit nicht schlechter. Nicht erst in den letzten Jahren hat sich das Festival im Ruhrgebiet zu einem der größten und wichtigsten Kurzfilmforen der Welt entwickelt, und jedes Jahr wieder soll hier bewiesen werden, dass es um eine genauso ernst zu nehmende Kunst- und Unterhaltungsform geht wie beim Mainstream-Langkino, das man überall zu sehen bekommt.
In fünf Wettbewerben (International, Deutschland, NRW, Jugendfilme und Musikvideos) gibt es in der Oberhausener Lichtburg 134 Filme aus 36 Ländern zu sehen - und zwar nicht nur von begabten Nachwuchsregisseuren, die für einen längeren Film noch keine Finanzierung hinbekommen. Auch gestandene Künstler sind vertreten wie Apichatpong Weerasethakul ("Tropical Malady") aus Thailand und der Chinese Jia Zhang-Ke, der für "Still Life" 2006 den Goldenen Löwen in Venedig gewann. Angelockt hat die beiden womöglich auch der diesjährige Themenschwerpunkt "Unreal Asia", der sich laut Veranstalter mit dem "postkolonialen Erbe Südostasiens" auseinander zu setzen versucht, was natürlich alles und nichts heißen kann, aber immerhin ganz schön klingt.
Interessant könnte das erstmals im Programm vertretene "Open Screening" werden, bei dem Regisseure, die für die fünf Wettbewerbe abgelehnt wurden (es gab mehr als 5700 Einreichungen), doch noch ihre Werke präsentieren können - sofern sie bereit sind, ihre Werke persönlich vorzustellen und sich rechtzeitig angemeldet haben. 30 Filme werden gezeigt, und für jeden Regisseur, der nicht auftaucht, steht sofort ein Nachrücker bereit.
Ein nicht ganz so glückliches Signal mag sein, dass für den Internationalen Wettbewerb auch fünf Filme ausgewählt wurden, die über 30 Minuten lang sind, was den Begriff "Kurzfilm" an seine Grenzen bringt. Wer wirklich etwas zu erzählen hat, kann das auch schneller tun. Neulich erst ist - bei YouTube natürlich - eine einminütige Fassung von Quentin Tarantinos "Kill Bill"-Filmen aufgetaucht, gemacht von ein paar britischen Filmstudenten.
Vier Stunden reduziert auf eine Minute. Und alles war drin.
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