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17.05.2009
 

Filmfestival in Cannes

Freie Liebe, fieses Leben

Aus Cannes berichtet Andreas Borcholte

Wer braucht schon große Stars, wenn es gute Filme gibt: Am ersten Festival-Wochenende nahm der Wettbewerb in Cannes mit Ang Lees liebevoller Woodstock-Hommage und Jacques Audiards Gefängnisdrama richtig Fahrt auf.

Jaja, sie kommen ja noch, die Stars: Brad Pitt zum Beispiel wird spätestens am Mittwoch erwartet. Und Willem Dafoe wird am Montag zusammen Regisseur Lars von Trier den schon jetzt skandalumwobenen Schocker "Antichrist" vorstellen.

Ein paar waren aber auch schon da, allen voran die bezaubernden Filmpartnerinnen Sophie Marceau und Monica Bellucci, die in "Ne Te Retourne Pas" - Dreh dich nicht um - von Regisseurin Marina De Van mitspielen. Das Trio, das sich am roten Teppich in roten Roben präsentierte, erlebte bei der Vorführung ihres Werks allerdings ein komplettes Desaster: Das Publikum jaulte vor Entsetzen, und sogar die französische Kritik, die heimische Produktionen gern freundlich behandelt, sprach von einem "unlogischem Flop".

Abends feierte dann Ex-Jury-Chef Ang Lee seine Rückkehr nach Cannes, indem er im Wettbewerb seinen neuen Film "Taking Woodstock" vorstellte, eine liebevoll erzählte Geschichte über die Begleitumstände des legendären Rockfestivals, das im August vor 40 Jahren in Bethel, im US-Bundesstaat New York, den Höhepunkt der Hippie-Bewegung markierte. Lees Film, eine geradezu beschwingte Komödie nach seinen tiefschürfenden Dramen "Brokeback Mountain" und "Lust, Caution", zeichnet nicht das Festival mit seinen musikalischen Höhepunkten nach, sondern beschreibt anhand der Biografie von Elliot Tiber, wie Woodstock nach Bethel kam und wie es das Leben dort nachhaltig beeinflusste.

Tiber versuchte 1969 verzweifelt, das heruntergekommene und unter Gästemangel leidende Hotel "El Monaco" seiner eigensinnigen jüdischen Einwanderereltern wieder in Schwung zu bringen. Als Vorsitzender der örtlichen Gewerbekammer saß er genau an der richtigen Stelle, um den Festival-Veranstalter Michael Lang, der gerade aus dem benachbarten Wallkill herauskomplimentiert worden war, mit einer Event-Erlaubnis zu versorgen. Den lokalen Milchfarmer Max Yasgur überredete er, sein Land für das dreitägige Festival herzugeben, zum dem letztlich mehr als eine halbe Million Menschen aus dem ganzen Land strömten.

"Man muss diesen 500.000 Respekt erweisen", sagte Regisseur Lee bei der Pressekonferenz in Cannes, "denn es waren tatsächlich, wie angekündigt, drei Tage voller Frieden und Musik. Es gab keine Gewalt, und ich glaube nicht, dass so etwas heute noch möglich wäre".

Eine Entdeckung des Festivals: Demetri Martin

Lees Bewunderung für das Event, das er als 14-Jähriger in Taiwan nur über Medienberichte miterlebte, durchwirkt jede Minute des Films, der mit Split-Screen-Einstellungen und körnigen Bildern auch der berühmten Dokumentation von Michael Wadleigh die Ehre erweist. Fast beiläufig und mit viel Sinn für die komischen Momente des Zusammenpralls von entspannten Hippies mit den konservativen Landbewohnern erweist Lee einem geschichtlichen Moment seine Reverenz, in dem das Wort Freiheit keine Floskel war, sondern sich auf alles anwenden ließ: Auf die sexuelle Orientierung, auf das Tragen von Kleidung - oder auf das Veranstalten eines freien Konzerts.

Denn im Marihuana-Rausch, so erzählt es der Film, faselt der - von US-Komiker Demetri Martin schön linkisch-verklemmt verkörperte - Elliot, dass Musik ja schließlich auch frei sein müsse, so wie alles andere auch. Zur leichten Verstimmung des eigentlich auf kommerziellen Erfolg erpichten Festivalchefs hielt er seinen kleinen Freiheitssermon auch noch vor der versammelten Presse, so dass Woodstock nur dank eines Drogenrauschs zum größten Umsonst-und-draußen-Spektakel aller Zeiten wurde. Zumindest dieser Legende zufolge.

Stand-up-Comedian Demetri Martin ist eine weitere Entdeckung des Festivals. Als Elliot Teichberg alias Tiber erlebt er in "Taking Woodstock" seine ganz persönliche Befreiung, indem er nicht nur seinen ersten Acid-Trip, sondern darüber hinaus sein homosexuelles Coming-out hat. Martin, optisch eine Mischung aus jungem Dustin Hoffman und Adam Sandler, spielt seine Rolle der Unschuld vom Lande mit der richtigen Zurückhaltung und sehr angenehmer Lakonie.

Wer braucht also große Stars an der Croisette, wenn er neue Talente wie Demetri Martin, Katie Jarvis ("Fish Tank") oder Tahar Rahim bei ihren ersten Versuchen im Rampenlicht erleben darf? Gut, dass Miss Jarvis nicht nach Cannes reisen konnte, wiegt immer noch schwer, aber wie Martin und der maghrebinische Schauspieler Rahim am Wochenende die Aufmerksamkeit für ihre guten Leistungen auf der Leinwand genossen, war herzerwärmend.

Tahar Rahim überzeugt als Knastkönig

Rahim spielt die Hauptrolle im neuen Film des französischen Filmemachers Jacques Audiard, der in "Un Prophète" die Geschichte eines ungebildeten Straßenjungen erzählt, der im Knast zu einer großen Gangster-Nummer wird. Klingt erst einmal nicht weiter aufregend, denn Gefängnisdramen gibt es zur Genüge, doch Audiard schafft es, vor allem auch dank Tahar Rahim, der in fast jeder Szene zu sehen ist, eine atmosphärische Dichte zu erzeugen, die den Zuschauer immerhin 150 Minuten lang fesselt und neben einem Einzelschicksal auch noch die Korruption französischer Behörden und den Niedergang der klassischen Mafia zugunsten einer global agierenden Muslim-Gangstergemeinde anmahnt.

Der junge Malik, der sich zunächst keiner Konfession zugehörig fühlt und noch nicht einmal lesen und schreiben kann, lernt zu Beginn seiner sechsjährigen Haft schnell, mit wem man sich besser nicht anlegt. Das Gefängnis wird von einer Gruppe korsischer Mobster kontrolliert, deren weißhaariger Boss Luciani (Niels Arestrup) den jungen Araber für einen Mordauftrag anheuert. Im Gegenzug soll der Neu-Insasse den Schutz der Korsen genießen. Malik versucht, sich die von den Korsen vorgegebene Mordmethode beizubringen - irgendwie soll er eine Rasierklinge im Mund verbergen. Was damit endet, dass er fortan nur noch Joghurt essen kann. Es sind solche Details, die eine Wucht entwickeln, wie sie selbst eine schnell geschnittene Knast-Action à la "Prison Break" nicht entwickeln kann.

Audiard lässt sich Zeit für die Entwicklung seiner Hauptfigur, zeigt, wie Malik sich vom lächerlichen Schoßhündchen Lucianis zum selbständigen und brutalen Player mausert, sich Lesen und Wirtschaftsabläufe beibringt - und schließlich alle, Korsen, Italiener und Araber, gegeneinander ausspielt. Wer sich nicht darum kümmert, was in seinen Gefängnissen passiert, muss sich nicht wundern, wenn aus ihnen immer größere Monster hervorkriechen, zu dieser impliziten Botschaft des Films gab es den bisher kräftigsten Applaus und Jubel in der Pressevorführung - Heimspiel hin oder her.

Mit Audiards und Lees Filmen, so unterschiedlich sie sein mögen, hat der Wettbewerb in Cannes richtig Fahrt aufgenommen. Eine richtige Enttäuschung war bisher noch nicht dabei, selbst der im vergangenen Jahr wegen seiner kakophonen und brutal lauten Straßengeräusche in "Serbis" so verhasste Filipino Brillante Mendoza zeigte sich in seinem neuen Film "Kinatay" formal ganz zivilisiert.

Die Story hingegen ist so schonungslos wie vieles in diesem Jahr in Cannes: Gezeigt wird, wie die durch und durch korrupte Polizei in Manila ein junges Mädchen gnadenlos zerhackt und die Einzelteile am Straßenrand verteilt.

Ang Lee hat recht: In Woodstock wäre so etwas nicht passiert.

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