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18.05.2009
 

Von-Trier-Premiere in Cannes

Wenn zwei sich häuten

Aus Cannes berichtet Andreas Borcholte

Ohne skandalöse Sex-Szenen geht's ja eh nicht beim Filmfestival von Cannes - aber dieses Mal kommt auch noch viel Blut dazu. Der Däne Lars von Trier sorgt für einen Schockeffekt mit seinem neuen Film "Antichrist" - einer alptraumhaften Reise in das finstere Herz einer Ehe.

Das kommt also dabei heraus, wenn Lars von Trier beim Filmemachen richtig mies drauf ist. In einem Interview mit dem dänischen Filminstitut erklärte der Regisseur, sein neuer Film sei so etwas wie ein Druckventil gewesen. Ihm sei es so schlecht gegangen, dass er einfach etwas habe machen müssen, sonst hätte er monatelang im Bett gelegen und die Wand angestarrt.

Nun möchte man vielleicht gar nicht so genau wissen, welche Dämonen von Trier umtreiben, wenn er in schlechtem Zustand ist, aber wahrscheinlich tauchen viele der Motive, die ihn piesacken, unwillkürlich in "Antichrist" wieder auf. Bilder, die er in seiner Jugend zuletzt in sich bewegt habe, seien verarbeitet worden, erzählt der 53-Jährige, der in Cannes ein Stammgast ist - und dank seiner radikalen Art Filme zu machen, immer für ein bisschen Aufregung gut.

So wurde "Antichrist" bereits als der Schocker des Festivals angekündigt, und entsprechend blutrünstig waren denn auch die zahlreich anwesenden Journalisten am Sonntagabend bei der ersten Pressevorführung. Am Ende, das sei verraten, war es selbst den Hartgesottensten zu viel: Als der Film kurz vor Schluss noch einmal in einen Epilog einschwenkt, stöhnte so mancher gequält auf - vermutlich nicht, weil er den Film so schlecht fand, sondern weil Lars von Trier es mit blutigem Horrorfilm-Material und ungeschminkten Sex-Szenen schafft, den Zuschauer emotional zu berühren. Und das ist schon mal anstrengend.

Erzählt wird die Geschichte eines Ehepaars (Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg), dass durch einen tragischen Unfall sein Kind verliert. Der Kleine befreit sich aus seinem Laufgitter, als die Eltern - im selben Raum - ekstatischen Sex haben - und fällt aus dem Fenster der Etagenwohnung. Um den Schmerz zu heilen, unternehmen die beiden eine therapeutische Reise in ihr Sommerhaus "Eden", eine Hütte inmitten ausgedehnter Wälder, wo die Mutter mit dem Kleinen ihre schönste Zeit hatte. Der Mann ist Psychoanalytiker und beginnt, scheinbar unberührt vom Tod des Sohnes, seine Frau mit Fragen zu quälen.

"Ich habe meine Erfahrungen mit kognitiver Therapie", sagt Lars von Trier in dem Interview, das auch im Presseheft zum Film abgedruckt ist, "es scheint darum zu gehen, dich, wenn du Angst hast, eine Klippe herunterzufallen, dich genau über diese Klippe springen zu lassen, um die Angst davor zu besiegen. Offensichtlich ist es eine sehr erfolgreiche Form der Therapie, aber natürlich hängt es immer ganz davon ab, wie hoch die Klippe ist."

Seine männlichen Protagonisten nennt Trier auch gern mal Idioten, die von nichts eine Ahnung haben und nichts mitkriegen. Kaum verwunderlich also, dass die Situation in der einsamen Waldhütte eskaliert. Die therapeutischen Sitzungen bringen Böses und Wahnsinn in der Frau zum Vorschein, und was zur Heilung dienen sollte, wird zum alptraumhaften Exorzismus, der übel endet. Während Eicheln wie tote Samenkapseln auf das Dach des Hauses prasseln, setzt sich drinnen eine zerstörerische Spirale aus Sex und Gewalt in Gang, an deren Ende es einen Blut ejakulierenden Penis, eigenhändig beschnittene Schamlippen sowie eine ganz und gar wörtlich zu nehmende Interpretation der Redewendung "Klotz am Bein" gibt.

Motive von der Natur als Kirche Satans tauchen hier auf, und die Frau, die sich in ihren Studien mit Hexenverbrennungen beschäftigt hat, hält sich selbst für grundsätzlich verdorben und verantwortlich für den Tod ihres eigenen Kindes. Selten war das Misstrauen gegenüber Frauen, bei Lars von Trier ein immer wiederkehrendes Thema, ausgeprägter, zuletzt vielleicht in "Breaking The Waves". Und selten war auch die Verzweiflung am scheinbar unmöglichen Miteinander von Mann und Frau größer.

Von Triers neuer Film ist ein extrem schwerverdauliches, aber grandioses und sehr bildgewaltiges Meisterwerk (Kamera von "Slumdog Millionär"-Cinematograf Anthony Dod Mantle), das gute Chancen auf die Goldene Palme haben sollte, selbst wenn sich der Applaus der Journalisten die Waage mit den Buhrufen hielt. Aber auch das ist Teil des ausbalancierten Balletts aus Zu- und Abneigung, das in Cannes zum alljährlichen Ritual gehört.

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19.05.2009 von kwbgjh2:

Wenn Sie das glauben, also glauben der Nihilismus eines von Trier sei neu, dann, ja dann können Sie noch nie etwas von Ingmar Bergmann gehört haben oder gar seinen absolut verstörenden Film "Szenen einer Ehe" gesehen [...] mehr...

18.05.2009 von purawida: was wollen wir sehen und fühlen...

lars von triers depressionen sind der ausdruck einer völlig irrwitzig gewordenen umwelt, nihilistischer tendenzen der filmindustrie, verweigerung der auseinandersetzung mit dem sein. er erkennt wohl die tragik eines [...] mehr...

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