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19.05.2009
 

Tragikomödie "Sunshine Cleaning"

Eine Frau putzt sich mit Blut heraus

Von Birgit Glombitza

Amoklauf, Selbstmord, tödlicher Ehestreit: In der heiter-perfiden Komödie "Sunshine Cleaning" entfernt eine wackere Putzsoldatin die unappetitlichen Reste menschlicher Katastrophen - und versucht so, Ordnung in ihr chaotisches Leben zu bringen.

Oscar soll aufhören, anderen an den Kniekehlen zu lecken. Der Schuldirektor, der Oscars Mutter zu sich zitiert, sagt nicht laut Begriffe wie Perversion oder abartiges Verhalten. Er spricht nur von einer mit Gottes Hilfe korrigierbaren Disziplinlosigkeit, von pädagogischer Verwahrlosung und ähnlich verklausulierten Unverschämtheiten, die der Katalog der political correctness für solche Fälle hergibt; selbst wenn dieser Schulleiter hinter den verrutschten Zärtlichkeiten des Jungen (gespielt von Jason Spevack) wohl nichts anderes erkennen mag als eben genau das: ekelerregende Perversion.

Rose (Amy Adams), Oscars Mutter, ist keine dumme Frau. Sie erkennt sofort, zu wem sie zu halten hat, und nimmt ihr Kind aus der stocksteifen Einrichtung. Geld für eine liberalere Privatschule muss her, wo sich dann hoffentlich niemand mehr an Oscars Marotten stört.

Höchste Zeit also, sein Glück zu versuchen, in diesem Land, das allen alles verspricht. Rose fasst sich ein Herz, atmet durch und gründet ein Unternehmen, das auf ebenso makabere wie logische Weise zur Kehrseite aller Träume vom Glück passt: Eine Reinigungsfirma, die sich auf das Putzen, Aufräumen und Desinfizieren von unappetitlichen Tatorten aller möglichen Verbrechen spezialisieren will.

Und weil es kaum eine euphemistischere Sprache als das US-amerikanische Englisch gibt, in der man Leichen "bodies" nennt, und in der man eine Katastrophennachricht mit den Worten "We have a situation here!" überbringt, liegt es auch nahe, ein Putzunternehmen wie das von Rose "Sunshine Cleaning" zu taufen.

Rose Lorkowski, stolze Gründerin der Start-up-Firma, strahlt nun um die Wette über ihre Erfindung mit der kugelrunden Sonne auf ihrem Firmenschild. Und das nicht, weil sie allzu hochfahrende Träume hat von einem glänzenderen Leben im staubigen Albuquerque, New Mexico. Sondern, weil sie eine unerschrockene Pragmatikerin ist, die sich stets nur auf sich selbst verlassen konnte.

Ihre Mutter vergaß Rose und ihre Schwester irgendwann im Suff und starb dann durch eigene Hand. Vater Joe (Alan Arkin) ist ein herzensguter, aber unzuverlässiger Kerl, der auch mit 70 Jahren den Absprung zum Erwachsenwerden noch nicht geschafft hat. Roses verschollener Ex scheidet als Entlastung für die alleinerziehende, dreifach belastete Mutter ebenfalls aus. Auf die Versprechungen ihres verheirateten Geliebten, der gar nicht daran denkt seine Ehe zu beenden, kann sie nichts geben. Und ob ihre pampige Schwester Norah (Emily Blunt) für den Ernst des Lebens in Roses Unternehmen geschaffen ist, muss sie erst noch beweisen.

In "Sunshine Cleaning", der dem Titel nach an den Überraschungserfolg "Little Miss Sunshine" erinnert und vom selben Produktionsteam stammt, hängt das glückliche Auskommen des einen auf heiter-perfide Weise mit dem grauenvollen Scheitern des anderen zusammen.

Denn was Rose und Norah da wegzufeudeln haben, sind die traurigsten Überreste menschlichen Lebens, die man sich denken kann. Dazu Blut, Hirn und andere Körperteile. Nach Amokläufen eines Familienvaters, nach Suiziden oder einem allerletzten Ehestreit.

Doch egal, welcher Schmodder sich hinter der nächsten Wohnungstür verbirgt. Am Ende strahlt der Film mit seinen heroischen Schwestern wie das Sonnenschein-Logo. Er leuchtet ihnen förmlich den Weg zur Selbstüberwindung - und ihren Darstellerinnen Amy Adams und Emily Blunt den nach Hollywood.

Denn wenn man diesem Independent-Film von Regisseurin Cristine Jeffs etwas vorwerfen will, ist es neben seiner Harmlosigkeit vielleicht die Durchschaubarkeit, mit der er seine Protagonistinnen an den Herausforderungen wachsen lässt und sie für eine potentielle Karriere ausrichtet.

Am besten funktioniert "Sunshine Cleaning" dann, wenn er das eigene Staunen über die ungewöhnlichen Arbeitsplätze einmal vergisst. Wenn er nicht im Unrat stochert, sondern in der monströsen Einsamkeit hinter all dieser Verwahrlosung und sich traut, vom grotesken Detail zum großen Ganzen zu schwenken; zum Traum vom individuellen Wohlstand und dem Glücksversprechen eines Landes für alle - und dem stumpfen Wahnsinn dahinter.

Denn geht die Sache mit dem "pursuit of happiness" nach hinten los, kommen halt die Schwestern mit ihren Putzmittelkanistern, Schutzanzügen und Handschuhen. Das ist eigentlich natürlich zum Verrücktwerden. Doch die tapferen Putzsoldatinnen Rose und Norah haben sich entschieden, nicht in Schulden und Nervenzusammenbrüchen unterzugehen, sondern mit dem eigenen Leben und der Aussicht auf bessere Zeiten davonzukommen - vorerst.

Bevor sie dann womöglich anderen einen Haufen Dreck hinterlassen.

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