Aus Cannes berichtet Lars-Olav Beier
Ein Behälter, der einige Liter Wasser fasst, ist kein Becher, sondern ein Eimer. Ein Gebäude, das mehrere Stockwerke hat, ist keine Hütte, sondern ein Haus. Ist eine Bilderfolge, die über zweieinhalb Stunden lang über die Leinwand zieht, noch ein Film? Ist sie mehr als das? Oder sogar weniger? Diese Frage konnte man sich in diesem Jahr gegen Ende des Festivals stellen, als die Werke im Wettbewerb immer länger wurden.
Quentin Tarantino brauchte fast 160 Minuten für "Inglourious Basterds", Xavier Giannoli 150 für "À l'origine" Michael Haneke 144 für "Das weiße Band", Gaspar Noé schließlich geschlagene 165 für "Enter the Void". François Truffaut hat einmal gesagt, ein Regisseur, der sein Publikum unterhalte, sei wie ein Liebhaber, der sich mehr um das Vergnügen seiner Partnerin kümmere als um sein eigenes. In diesem Sinne können wir, das geliebte Publikum, die Regisseure beruhigen: Länge zählt nicht.
Doch der Druck, einen Film auf diesem Festival zu präsentieren, ist so groß, dass immer mehr Regisseure hier nur work in progress abliefern. Man kann das natürlich für einer Form der Demokratisierung halten. Schließlich werden die Festivaliers so zum Testpublikum, das über das endgültige Produkt mitbestimmt. Nach der Vorführung von "Inglourious Basterds" etwa überboten sich die Kritiker geradezu mit Kürzungsvorschlägen, noch nie tummelten sich so viele selbsternannte Cutter auf der Croisette.
Andererseits ist es nicht die Aufgabe der Kritik, die Arbeit der Künstler zu machen. Wer eine Automesse besucht, erwartet ja auch, dort fahrtüchtige Modelle präsentiert zu bekommen. Wenn der Motor eines Wagens stottert, wäre es doch sehr seltsam vom Hersteller, wenn er die Fachbesucher dafür einspannen würde, bei der Lösung des Problems mitzuhelfen. Nein, wir erwarten in Cannes wirklich mehr als Filme, die kaum von der Stelle kommen, oft nicht die Kurve kriegen und zahllose Figuren wie Treibstoff für ihre Geschichten verbrauchen.
Am Anfang des Festivals schrieben wir: "Noch nie rückten die Regisseure ihren Figuren so dicht auf die Seele." Am Ende müssen wir sagen: Völlig richtig, aber selten zuvor drangen sie auch tiefer ins Fleisch. Da bohrte Charlotte Gainsbourg in Lars von Triers Horrorfilm "Antichrist" ihrem von Willem Dafoe verkörpertem Mann ein Loch ins Bein; da schob Brad Pitt einer von Diane Krueger gespielten Nazi-Diva in "Inglourious Basterds" exakt an der gleichen Stelle genüsslich den Zeigefinger in einen Wundkanal.
Dass der Mensch des Menschen Fleischwolf ist, zeigte der Philippine Brillante Mendoza, in Fachkreisen auch der "Phillie-Brillie", genannt, in seinem neuen Werk "Kinatay". Darin wird eine Frau getötet, zu Hackepeter verarbeitet und im Kilogramm verkauft. Wie köstlich Blut ist, machte der Südkoreaner Park Chan-wook in "Thirst" deutlich: Da saugen Vampire in einem Krankenhaus komatösen Patienten über Kanülen den Lebenssaft aus den Adern, als würden sie Softdrinks mit Strohhalmen nuckeln.
Während die Lust am Fleisch gefeiert wurde, wurde die Fleischeslust gegeißelt wie noch nie. Bei der kleinsten Erregung schlägt der Vampir in "Thirst" auf seinen Penis ein, aus Angst, die Kontrolle über sich zu verlieren. In "Antichrist" haut Gainsbourg als außer Rand und Band geratene Ehefrau ihrem Mann mit einem Holzscheit so hart auf das erigierte Geschlechtsteil, dass es Blut ejakuliert. Auch außerhalb des Wettbewerbs, etwa im Filmmarkt, gab es allerlei Pinselquälereien zu sehen: Im australischen Film "The Horseman" versucht ein Mann, den Tod seiner Tochter aufzuklären, indem er ihren Peinigern mit einer Luftpumpe und Angelhaken ans Gemächt geht.
So was zu sehen macht keine Freude, schon gar nicht in der sexualisierten Atmosphäre von Cannes. Weil die Dichte schöner Frauen, die gerne zeigen, was sie haben, während des Festivals nirgendwo auf der Welt größer als hier, scheint die Croisette in der männlichen Wahrnehmung schon bald nur noch aus sekundären Geschlechtsmerkmalen zu bestehen. Mit anderen Worten: Man denkt den ganzen Tag an Sex. Weil Frauen auch andere Dinge denken und es einige lästige Sachzwänge (Filmvorführungen, Pressekonferenzen etc.) gibt, herrscht auf der ständig überfüllten Croisette schon bald ein gewaltiger Triebstau.
Die Triebabfuhr findet im Kino statt: Die Helden dürfen tun, was uns selbst verwehrt bleibt, das ist reiner erotischer Eskapismus. In den Filmen, die in Cannes laufen, gibt es deshalb so überdurchschnittlich viele Sexszenen, damit es hier auf den Straßen nicht zu Ausschreitungen kommt. Und nun dies: Genitalattacken, wohin man sah. Bei Lars von Trier beschneidet sich sogar die Heldin - eigenhändig, mit einer Schere, in Großaufnahme! Im Kinosaal herrschte eine gefährlich geladene Stimmung unausgelebter Begierden, doch da kamen gerade noch rechtzeitig die Regisseure Marco Bellochio (mit "Vincere") und Gaspar Noé und retteten das Festival mit zahllosen, ausgedehnten Rammelszenen.
2009 war ein mittelmäßiger Cannes-Jahrgang, der stark begann, aber zum Ende hin schwer nachließ. Zu den besten Filmen, die auch als Favoriten für die Goldene Palme gelten, zählen Jane Campions Liebesdrama "Bright Star" und Jacques Audiards Gefängnisfilm "Un Prophète". Auch Michael Hanekes Porträt einer repressiven deutschen Kleinstadt vor dem Ersten Weltkrieg wird hoch gehandelt. Katie Jarvis, die von der Straße weg verpflichtete Hauptsdarstellerin des Teeangerdramas "Fish Tank", könnte als Schauspielerin ausgezeichnet werden. Vielleicht hat Christoph Waltz in der Rolle eines Nazi-Offziers in "Inglourious Basterds" als bester männliche Hauptdarsteller Chancen. Ein Sonderpreis sollte auf jeden Fall an Charlotte Gainsbourg gehen: Der Verwundetenorden für die aufopferungsvollste Darstellung im Dienste eines depressiven Autorenfilmers.
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Richtig. Nur, was sie (mit Absicht?) vergessen zu erwähnen ist, dass die grosse Mehrheit der Menschen aus jämmerlichen, dummen, sich selbst unterdrückenden Feiglingen voller Ressentiments besteht. Die Konsequenz heisst in [...] mehr...
"Sexualismus ohne Liebe ist Schwachsinn."(A.Schopenhauer) mehr...
Interessant wie sich manche definieren! Ala: "Ich gelüste, also bin ich." Sie können wohl nur für sich selbst sprechen. Es soll Leute geben die sagen: "Ich Liebe, also bin ich" und meinen damit eine nicht [...] mehr...
... der besiegt sie nicht, der pervertiert sie! Abgesehen davon - was sollte man da besiegen wollen? Die Fleischeslust ist so wie die Sinneslust, die emotionale Lust und die intelektuelle Lust Teil unseres Menschseins! Sonst [...] mehr...
permanent selbst öffentlichkeitswirksam feieren muss. Und in der die Preisvergabe an ein Werk schon wegen der Werbewirksamkeit an einen Film mehrfach erfolgt, weil es sonst keinen Weltrekord an Oskars oder Bären oder sonstiges [...] mehr...
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