• Drucken
  • Senden
  • Feedback
30.05.2009
 

Lust auf Lust

Macht uns an!

Von Daniel Sander

Wann ist die Filmwelt eigentlich so spießig geworden? Das Kino braucht dringend wieder mehr Sex.

Sie ist das Flittchen, die Schlampe, das Luder, das es mit jedem treibt. Sie ist blond und billig und zu stark geschminkt. Sie säuft und nimmt Drogen, bis sie sich übergeben muss, und danach steigt sie noch mit dem widerlichen fetten Arbeitskollegen ins Bett. Diese Frau kennt keine Grenzen. Doch, eine: Beim Sex behält sie den BH an.


Es gibt nur zwei Sexszenen in Jody Hills neuem Film "Shopping-Center King" - das ist für heutige Hollywood-Verhältnisse schon viel -, doch die sind so unsexy, dass man sie auch hätte weglassen können. Anna Faris legt den ganzen Film lang einen wunderbar überzogenen Auftritt als verlottertes Mädchen hin, doch der BH macht alles wieder zunichte. Wer soll ihr das glauben?

Das Problem ist, dass der Zuschauer es gar nicht mehr anders gewöhnt ist. In jedem Freibad sieht man heute mehr nackte Oberkörper als auf der Leinwand, man hat es irgendwann so hingenommen. Jede menschliche Aktivität versucht Hollywood möglichst realistisch darzustellen: In den Filmen wird geredet, gekämpft, gegessen, geschlafen und gestorben. Doch Sex? Sex hat schon lange niemand mehr. Eine Flutkatastrophe, die binnen Minuten Millionen Menschen auslöscht wie in "The Day after Tomorrow"? Kein Problem - Altersfreigabe ab 12. Ein Penis? Wenigstens eine nackte Brust? Niemals!

Sexualität wird ausgeblendet, es wird im Film nicht einmal mehr darüber geredet. Das Thema ist den Regisseuren und Produzenten zu gefährlich geworden. Wer viel zeigt, dem droht eine Altersfreigabe ab 18 und damit ein zu kleines Zielpublikum. Vor allem in den USA haben Sittenwächter ein Auge darauf, ob es im Kino auch familiengerecht zugeht - sonst wird zum Boykott aufgerufen. Und das bei stets strenger werdenden Maßstäben: Über eine nackte Brust hätte sich vor 20 Jahren kaum jemand aufgeregt, heute reden dann viele gleich von Pornografie. Eine Stimmung aus Prüderie, Angst und Übervorsicht hat dem Kino die Lust geraubt.

Das muss sich dringend wieder ändern.

Wer im Juni so etwas wie Leidenschaft auf der Leinwand erleben will, dem bleibt nur Bernardo Bertoluccis 37 Jahre alter Klassiker "Der letzte Tango in Paris", der Ende des Monats in ein paar deutschen Kinos wiederaufgeführt wird. Der Film mit Marlon Brando und Maria Schneider war 1972 ein Skandal, wie ihn das Kino seitdem kaum mehr gesehen hat. Ein zufälliges, anonymes Pärchen, das bei jeder Gelegenheit übereinander herfällt, in brutaler und nihilistischer Leidenschaft, und der Zuschauer ist immer hautnah dabei. Der "Stern" entdeckte "aggressive, animalische Sex-Szenen von einer bisher nicht gekannten Unmittelbarkeit und Hemmungslosigkeit". Der Satz "Los, hol die Butter" vor der Analverkehr-Szene wurde zu einem der berühmtesten Filmzitate aller Zeiten. Die damals noch aktiven Zensurbehörden liefen Sturm, die italienische Polizei beschlagnahmte landesweit alle Filmkopien, Bertolucci wurden in Italien die Bürgerrechte aberkannt, fünf Jahre lang durfte er nicht einmal wählen.

Das war es wert, denn trotzdem wurde "Der letzte Tango in Paris" ein unglaublicher Erfolg, der für endlose Schlangen vor den Kinos sorgte und weltweit knapp 100 Millionen Dollar einspielte. Rechnet man die Inflation mit, wären das heute über 250 Millionen, so viel wie ein moderner Blockbuster.

Der Film bewies, dass Kino explizite Sexualität zeigen kann, ohne damit in der Porno-Ecke zu landen. Die legendäre amerikanische Kritikerin Pauline Kael befand, Bertolucci und Brando hätten "das Gesicht einer ganzen Kunstform geändert", und feierte den Film als langersehnten Durchbruch für das Kino an sich.

Und was ist aus der Revolution geworden? Sex mit BH.

So prüde und übervorsichtig wie heute ging es auf der Leinwand zuletzt wohl nur in den fünfziger und frühen sechziger Jahren zu, als Doris Day und Rock Hudson mit Komödien wie "Bettgeflüster" oder "Ein Pyjama für zwei" Maßstäbe der Spießigkeit setzten.

Dabei herrschte am Anfang der Filmgeschichte, von der Stummfilmzeit bis zu den Tonfilmen Mitte der dreißiger Jahre, noch ungezwungene Freizügigkeit auf der Leinwand. 1915 geisterte in der Paramount-Produktion "Hypocrites" der Regisseurin Lois Weber über weite Strecken Margaret Edwards als ganz und gar nackte Wahrheit durch den Film. Regie-Ikone Cecil B. DeMille machte sich einen Spaß daraus, in seinen spektakulären Reißern so viel Sex wie möglich unterzubringen - sei es mit Gloria Swanson als Sklavin im Leopardenfell-Leibchen in einer Traumsequenz in "Male and Female" (1919) oder mit einer wüsten Orgienszene wie in "Die zehn Gebote" (1923). Jean Harlow ("Vor Blondinen wird gewarnt", 1931) oder Mae West ("Ich bin kein Engel", 1933) haben ihre ganzen Karrieren auf dem Image der verruchten Sexbomben aufgebaut, deren durchsichtige Kleidchen und anzügliche Sprüche ("Ist das eine Pistole in Ihrer Tasche, oder...?") bei den Produzenten von heute für Schreckstarre sorgen würden.

Die erotische Durststrecke begann 1934 mit der offiziellen Inkraftsetzung des "Production Code" - eines umfassenden Katalogs strenger moralischer Richtlinien, mit dem sich der Dachverband der amerikanischen Filmproduktionsfirmen vor Boykottaufrufen konservativer Gruppen schützen wollte und zugleich in eine Ära rigider Selbstzensur stürzte. Wer gegen den Code verstieß, wurde vom Verband zu einer empfindlichen Geldstrafe verpflichtet, sein Film durfte in vielen Kinos gar nicht erst anlaufen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Kino

© KulturSPIEGEL 6/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP