Von Daniel Sander
Erst 1967 diktierte der liberale Zeitgeist das Ende des Codes. Die Welt war im Umbruch, der Ruf nach Gleichberechtigung und freier Liebe wurde laut. Hollywood konnte sich nicht mehr verschließen. Der Filmverband beschloss ein freiwilliges Bewertungssystem, das noch heute gilt und sich auch in Deutschland (FSK ab 6, ab 12, ab 16 et cetera) durchgesetzt hat.
Sexualität war im Mainstream-Kino damit wieder möglich, was die zeitgenössischen Regisseure wie Bertolucci gern ausgenutzt haben. Ob mit künstlerischem Ansatz wie Peter Bogdanovich im Jugend-ohne-Hoffnung-Drama "Die letzte Vorstellung" (1971) mit einer nackten Cybill Shepherd - oder mit etwas tiefer angesiedelten Motiven wie Jonathan Demme mit seinem Erstling "Das Zuchthaus der verlorenen Mädchen" von 1974. In Deutschland trat unterdessen "Der Schulmädchenreport" seinen unseligen Siegeszug an, die weichgezeichnete "Emmanuelle"-Reihe wurde auf der ganzen Welt zu einer der erfolgreichsten Filmserien überhaupt. 1979 schockierte der italienische Regisseur Tinto Brass den Planeten mit seinem starbesetzen Schmuddelepos "Caligula", das es an Kontroversen fast mit Bertoluccis "Tango" aufnehmen konnte, wenn auch nicht an Qualität.
Seit den achtziger Jahren geht es nun wieder bergab mit der Erotik auf der Leinwand. Die Produzenten glaubten erkannt zu haben, dass sich das schnelle Geld am besten mit großen Event-Filmen verdienen ließe, die konsequent auf Jugendliche ausgerichtet sind. Denen darf man aber keine nackten Tatsachen zumuten. Würdige Skandalfilme mit Anspruch, wie Philip Kaufmans "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" (1988) - bis heute einer der sexuell offensivsten amerikanischen Filme -, wurden selten. Immerhin: Bis in die neunziger Jahre hinein gehörten Sexszenen in den verbliebenen Nicht-Kinderfilmen einfach dazu, und auch für viele der Filmstars war es kein Problem, sich vor der Kamera auszuziehen - ob Kim Basinger ("9 1/2 Wochen", 1986), Glenn Close ("Eine verhängnisvolle Affäre", 1987), Laura Dern ("Wild at Heart", 1990), oder Sharon Stone in "Basic Instinct" (1992).
Auch die Männer waren damals nicht so scheu: Mel Gibson präsentierte in der Action-Komödie "Lethal Weapon" (1987) der Welt so selbstverständlich seinen Hintern wie Arnold Schwarzenegger in den ersten beiden "Terminator"-Teilen; Richard Geres Hinterteil ist mit "Ein Mann für gewisse Stunden" (1980) zum Teil der Popkultur geworden. Wer bei der DVD von "Atemlos" (1983), einem verunglückten Remake von Godards "Außer Atem", an der richtigen Stelle auf Pause drückt, kann sich auch heute noch über den Anblick von Geres Penis freuen.
Heute dagegen hält jeder Künstleragent seine Schützlinge von Nacktszenen ab, aus Furcht, dass sie danach nicht mehr als familientauglich gelten. Sarah Jessica Parker zum Beispiel spielt in "Sex and the City" zwar eine Sex-Kolumnistin mit abwechslungsreichem Liebesleben, zeigte sich aber weder in der TV-Serie noch im Film von 2008 jemals von vorn ohne Oberteil. Sogar Richard Gere ist mittlerweile zum filmischen Zölibat verdammt. Gab es in "Pretty Woman" 1990 noch eine schüchterne Liebesszene und angedeuteten Oralverkehr, zeigt Gere nun selbst in einer erklärten Romanze wie der Nicholas-Sparks-Verfilmung "Das Lächeln der Sterne" keine Haut mehr. Er darf seiner Filmpartnerin Diane Lane höchstens mal lange in die Augen schauen, wenn die Leidenschaft gipfeln soll. Es ist ein Trauerspiel.
Stars ziehen sich heute allenfalls zur Erhöhung der Oscar-Chancen aus. Am besten, wenn man neben den Sexszenen noch eine Geschichte über den Holocaust zu bieten hat, wie bei Kate Winslet in "Der Vorleser" in diesem Jahr. Wenn schon nackt, dann nur als Nazi.
Auch bei Horrorfilmen ist viel erlaubt, die sind eh erst frei ab 18. Bei allen anderen Filmen tun die Produzenten alles für eine PG13-Altersfreigabe - vergleichbar mit FSK 12 in Deutschland -, in der Hoffnung, so ein breiteres Publikum zu erreichen. Je harmloser, desto besser. Man müsse die Teenager ansprechen, heißt es immer, die Erwachsenen gingen doch eh nicht mehr ins Kino. Na, warum wohl?
Dass es jüngst in ein paar raueren amerikanischen Komödien aus dem Umfeld des Regisseurs Judd Apatow Mode geworden ist, männliche Genitalien zu zeigen, bietet auch keinen Anlass zur Hoffnung. Ein Penis wird nur gezeigt, wenn darüber gelacht werden soll, niemals in einem sexuellen Kontext. In "Nie wieder Sex mit der Ex" muss sich Jason Segel splitternackt anhören, wie seine Freundin mit ihm Schluss macht. In "Shopping-Center King" gibt es Beischlaf zwar nur mit BH, dafür aber einen übergewichtigen Exhibitionisten, der sich am Ende der Kamera in totaler Blöße präsentieren darf, nur um eine spaßige Verfolgungsjagd einzuleiten. Eine echte, erotisch aufgeladene männliche Frontal-Nacktszene, wie sie Kevin Bacon 1998 noch in "Wild Things" riskiert hat? Heute undenkbar.
Zurzeit wagen nur ein paar Kunstfilmer wie John Cameron Mitchell ("Shortbus", 2006) oder gerade wieder Lars von Trier mit "Antichrist" noch einen ähnlich expliziten Umgang mit Sexualität wie Bertolucci im "Letzten Tango", sonst ist da kaum jemand.
Dabei herrscht doch gerade wieder ein Klima des Aufbruchs und des Freigeistes, wie es schon Ende der sechziger Jahre das Kino offener gemacht hat. Komplizierteren Themen wie Religion und Politik nähern sich die Regisseure wieder an, seit der Einfluss der konservativen Wachsamkeitstruppen gesunken ist - warum widmen sie sich nicht auch wieder der Sexualität?
Man kann ja ganz vorsichtig wieder anfangen, die Sinnlichkeit ins Kino zurückzubringen. Vielleicht mal eine Liebesszene ohne BH, vielleicht mal wieder ein nackter Männerhintern. Kleine Schritte in Richtung Höhepunkt. Schließlich fehlte schon in "Der letzte Tango in Paris" bei aller Verrufenheit ein wichtiges erotisches Detail: Marlon Brandos Penis ist kein einziges Mal zu sehen.
Er hätte ja eigentlich kein Problem damit gehabt, gab Brando später zu Protokoll.
Leider sei ihm sein bestes Stück am Set aber auf die Größe einer Erdnuss zusammengeschrumpft.
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