Von Daniel Sander
Man muss sich keine Illusionen machen: In den 104 Minuten des heute anlaufenden Films "With Gilbert & George" geben die beiden Künstler, die seit über vierzig Jahren immer gemeinsam auftreten, zwar bereitwillig und ausführlich Auskunft über ihren Anspruch, ihre Motivation und auch ihre Biografie. Enträtseln lassen sie sich aber nicht. Wie auch? Ihr erster großer Erfolg war einst die Idee, sich als "Living Sculptures" zu verkaufen - lebendige Skulpturen, deren artifiziellen, synchronisierten Alltag sie zur Kunst erklärten. Im Grunde ziehen sie das bis heute so durch.
Der 1943 in Südtirol geborene Gilbert Proesch und der Brite George Passmore, Jahrgang 1942, geben immer noch dieses steife, überenglische Pärchen in aufeinander abgestimmten Maßanzügen, die stilbewussten Dandys mit perfekten Manieren. Sie beenden gezielt die Sätze des anderen, haben jeden Satz genau geplant, als sagten sie Gedichte auf. Sie machen Kunst, sie sind Kunst.
"Kunst für alle" zu machen, nicht nur für ein gehobenes, gebildetes Galerienpublikum - das war immer ihre Leitidee. Stets betonen sie das in Julian Coles Film: wie wichtig es ihnen ist, die normalen Menschen zu erreichen - ohne selbst allzu viel Menschliches durchscheinen zu lassen. Sie sind so künstlich, dass es fast schon wieder echt wirkt. Dass sie auch im wirklichen Leben ein Paar sind, setzten sie ihrem Publikum gegenüber voraus, auch wenn es von der Presse gelegentlich angezweifelt wird. Das wirkliche Leben gehört laut Gilbert & George ohnehin immer zur Kunst dazu.
Filmemacher Julian Cole hat vor über 20 Jahren mal für Gilbert & George Modell gestanden, er ist ein Freund der beiden, eine kritische Auseinandersetzung ist nicht sein Ziel. Alte Kontroversen wie der Rassismus-Vorwurf um "Paki", das Bild eines Londoner Pakistani, werden nur kurz gestreift, damit sich die beiden wortreich verteidigen können. Die zahlreichen Kunstkritiker, die Gilbert & George als Scharlatane, künstlerische Leichtgewichte oder sogar als Faschisten niedergeschrieben haben, werden beiseite gewischt als gleichgeschaltete Linksliberale ohne Sinn für populäre Kunst. Zu Wort kommen neben den Künstlern nur alte Freunde und glühende Verehrer.
Was soll's: Dies ist eben ein Film von einem Fan für Fans, eine Liebeserklärung.
Umfassend führt Cole durch das imposante Werk der beiden; die Anfänge als lebende Skulpturen, die frühen Straßenkinderfotos aus dem Londoner East End, die bunten und religionskritischen Fotomontagen oder die berühmte Bilderserie "Naked Shit Picture", für die sie sich selbst ausgezogen und Abbildungen ihrer eigenen Exkremente verwendet haben.
Stolz berichten die beiden von ihren Erfolgen, den großen Ausstellungen in Moskau, Peking, London oder bei der Biennale in Venedig. Formal folgt Cole dabei den üblichen Wegen klassischer Künstlerporträts: ein erklärender Kommentar aus dem Off, Kommentare der Hauptprotagonisten vor wechselnden Kulissen, ein paar Expertenstimmen und natürlich eine unglaubliche Masse an Kunstwerken, die es geschafft haben, bis in die Mitte der Gesellschaft vorzudringen, obwohl sie von zwei Außenseitern geschaffen wurden.
Man muss sich vor dieser Lebensleistung verbeugen. Dieser Film tut es, ganz unverhohlen. Recht so.
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