Von David Kleingers
Filme mit phantastischer Thematik nehmen gern für sich in Anspruch, ihr Publikum verzaubern zu wollen. Meist verkaufen sie jedoch nur Kitsch als Magie, was den Zuschauer entweder vor lauter falscher Süßlichkeit innerlich verkleben oder aber zynisch werden lässt.
In beiden Fällen bietet ein Besuch von "Coraline" das perfekte Gegenmittel, denn die Kinoadaption von Neil Gaimans Bestseller löst alle Versprechen ein: Indem er klassische Stop-Motion-Animation und neue 3-D-Bildtechnik in Formvollendung vereinigt, hat Regisseur Henry Selick das hintersinnige Kinderbuch in ein erwachsenes Leinwandmärchen übersetzt.
Von Zauberei zu sprechen klingt da fast zu profan angesichts eines Films, der trotz überbordender Zeiglust nie effektheischend wirkt, und bei aller Spielfreude eine sinnliche wie dramatische Tiefe erreicht, die dem Zuschauer schlicht den Atem raubt.
Bei seiner Titelheldin herrscht dagegen anfangs das große Gähnen: Die elfjährige Coraline Jones ist mit ihren Eltern aus Michigan in einen entlegenen, chronisch verregneten Winkel Oregons umgezogen, und fern von ihren alten Freunden kann das Mädchen mit den leuchtendblauen Haaren vor lauter Langeweile kaum an sich halten.
Mutter und Vater haben im Arbeits- und Alltagstress weder Augen noch Ohren für die aufgeweckte Tochter, die notgedrungen allein auf Entdeckungstour durch die ungeliebte neue Heimat geht. So lernt sie schnell die anderen Mieter in dem morschen Riesenhaus kennen: Neben den im Altersruhestand verschrumpelten britischen Varieté-Künstlerinnen Miss Spink und Miss Forcible wohnt dort noch der verschrobene Mr. Bobinsky, ein russischer Rübenfan und vormaliger Zirkusstar.
Aber von dessen unbeholfenen Avancen zeigt sich das schlagfertige Mädchen nur genervt - und wenn jemand sie versehentlich Caroline statt Coraline nennt, hat derjenige eh schlechte Karten.
Schon scheint es, als ob die ekligen Silberfische in der Dusche noch das Aufregendste in Coralines Leben bleiben. Doch dann entdeckt sie eine verborgene Tür im Haus, und als Coraline eines Nachts den dahinterliegenden Tunnel durchquert, landet sie in einer alternativen Realität: Hier ist das Haus plötzlich heimelig eingerichtet, und statt im matschigem Grau zu versinken, schillert der Garten in satten Farben.
Aber die größte Überraschung bieten die Bewohner dieser Parallelwelt, allen voran die viel besser aufgelegte Version von Coralines Mutter. Die stellt sich auch gleich fröhlich als die "andere Mutter" vor, serviert Kuchen, Hot Dogs und Pizza, ist für jeden Spaß zu haben und schenkt Coraline ihre ganze Aufmerksamkeit.
Auch der verständige "andere Vater" sowie die ebenfalls runderneuerten Hausbewohner sorgen dafür, dass Coraline sich in einem kunterbunten Kinderparadies mit Zuckerguss obendrauf wähnt. Etwas irritierend findet sie allein den Umstand, dass die freundlichen Doppelgänger allesamt Knöpfe statt Augen im Gesicht haben.
Paradies mit Pferdefuß
Doch über dieses unheimliche Detail im Schlaraffenland sieht Coraline zunächst hinweg, was sich als fataler Fehler erweist. Denn nach einem weiteren nächtlichen Ausflug in dieses verspielte Tal der Puppen will die andere Mutter sie nicht mehr in ihre Wirklichkeit zurückkehren lassen. Und was gerade noch farbenfroh, wohlklingend und liebevoll wirkte, erscheint auf einmal grell, schrill und abgründig.
Auch in der Verfilmung hängt vom Geschick der kleinen Detektivin nicht nur ihr eigenes Schicksal, sondern auch das der echten, gar nicht mehr so unattraktiven Welt ab. Und zum Glück gibt es sprechende Katzen und nervige Nachbarjungen - wobei die Figur des Wybie nicht Gaimans Vorlage entspringt -, die den Horror überstehen helfen.
Denn gruselig ist dieser psychologisch dichte Crossover aus American Gothic und präpubertärem Selbstfindungstrip ohne Frage. Statt eine simple Moral durchzudrücken - das Leben ist kein Wunschkonzert, Erwachsene sind auch nur Menschen und trau keinem Fremden mit Knopfaugen - lässt der Film viel Raum für unausgesprochene Träume und Ängste. Die Erfahrung von Tod und unwiederbringlichem Verlust existieren in Coralines Welt ebenso wie ein Gefühl völliger Verlorenheit, das Henry Selick durch seine ruhigen, bisweilen melancholischen Erzählduktus eindringlich vermittelt.
Dass er dennoch das Lebensbejahende in tiefster Finsternis entdecken kann, hat der Regisseur schon im beschwingten Schauermärchen "Nightmare Before Christmas" bewiesen. Hier triumphieren Gestaltungswille und Vorstellungskraft der begnadeten Puppenspieler und Kulissenbauer um Selick jedoch noch eindrucksvoller, auch weil die emotionale Fallhöhe von Gaimans Kunstmärchen so viel höher ist.
Dazu passt, das "Coraline" mithin der erste der neuen stereoskopischen 3-D-Filme ist, der die spektakuläre Technik mit Souveränität und Selbstverständlichkeit einsetzt. Ob eine virtuos entfesselte Kamera durch die Szenerie streift oder eine horrende Begegnung mit der anderen Mutter unvermittelt in einen surrealen Vertigo-Moment mündet, man möchte stundenlang an Coralines Seite diese Welt entdecken.
Doch wie die Heldin darf man nicht vergessen, irgendwann zurückzukehren. Das ist die eine Erkenntnis dieser großartigen Kinoerfahrung. Die andere lehrt, dass Kunst manchmal doch ein Kinderspiel ist.
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