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16.08.2009
 

Nazi-Jäger-Film "Inglourious Basterds"

Mr. Tarantinos Kriegserklärung

2. Teil: Pulp Fiction gegen Verkitschen

Tarantinos Erzählung, gerade in ihrer scheinbar kindlichen Krudität, kommt zu einer Zeit, da in Mitteleuropa eine ganz andere Erzählung die Oberhand zu gewinnen droht, ein schleichender, postumer Sieg der Hitlers und Mussolinis. In ihr wird am Tag des gescheiterten Attentats ein feierliches "Gelöbnis" der jungen Soldaten vollzogen, dessen Ritual dem der Nazis teuflisch ähnelt; in ihr werden längst Pilgerfahrten zu den Wirkstätten des "Führers" organisiert.

Jenseits der bekennenden Neonazis, an denen wahrhaft kein Mangel besteht, pflegt diese Kultur dies beides: das "heilige Erschauern" vor den Zeichen und Riten der Nazis und die "menschliche Nähe" zu ihren Repräsentanten. In dieser Erzählung wird der Faschismus zur ein wenig außer Kontrolle geratenen, notwendigen Abwehrbewegung gegen den Bolschewismus umgedeutet.

Historische Wirklichkeit ist nichts anderes als ein Pool für Erzählungen, über deren Verbindlichkeit von verschiedener Seite gewacht wird (oder auch nicht). Die Faktenlage ist nur einer von vielen Faktoren, die die allgemeine Erzählung bestimmen. Rod Serling, der Erfinder von "Twilight Zone" (USA 1959-64), erinnert sich an das Drehbuch zu einer Folge seiner Serie, in der es um die Nazis ging und in der deshalb von den Gaskammern die Rede war. Der entsprechende Drehbuchteil wurde eliminiert, weil zu den Sponsoren der Serie eine Firma gehörte, die Gasheizungen anbot.

Ganz und gar nicht ganz

Erzählungen setzen sich aus vielen solcher Eingriffe zusammen, und dabei ist der Einfluss einer Gasheizungsfirma auf eine Mystery-Serie gewiss noch eines der minderen Beispiele der Beeinflussung, so wie wir ja auch auf die DVD warten mussten, um die "Star Trek"-Folge "Patterns of Force" zu sehen, in der von einem Planeten erzählt wird, auf dem ein Historiker Nazi-Deutschland noch einmal errichtet hat.

Jemand erzählt etwas. Einerseits, um mit der Vergangenheit fertig zu werden. Andererseits, weil er Interessen hat. Sadismus, Narzissmus und Neugier sind immer dabei. Aber hinterher erscheint jede Erzählung, als wäre sie von heiligem Ernst und Ganzheit bestimmt. Kaum ist sie entstanden, so wird auch die Erzählung eine Form von Macht. Tarantino gehört zu den Leuten, die dieser Konstruktion des Erzählens widersprechen.

An Alternativen hat es nie gefehlt, nur hat der "Was wäre wenn?"-Gestus immer auf das Gegenteil abgezielt, einen unkaputtbaren "Führer": Hitler überlebt (kommt nach Amerika und wird Science-Fiction-Autor); Hitler hat gesiegt, und ganz Europa ist ein faschistisches Staatsgebilde, das sich nur langsam zersetzt; Hitler kommt als Zombie aus dem Grab, Hitler lebt "in uns" und so weiter.

Auch werden wir nicht müde, die "Beinahe"-Konstruktionen der Anschläge zu dramatisieren: Nur wundern kann man sich, wie in "Operation Walküre" (Regie: Bryan Singer) Hitler dem Attentat entgeht. Der fehlgeschlagene Anschlag macht die Erzählung durch und durch ratlos, die Geschichte macht mit den Nazis gemeinsame Sache, das Böse ist durch das Opfer des Subjekts nicht aufzuhalten (oder eben: Das falsche Subjekt schritt da zur einzelnen Tat. Der schlechte Witz der Geschichte bleibt der gleiche).

Dass Hitler den Zeitpunkt seines Todes nach hinten verpasst, ist jedenfalls stets denkbarer gewesen als ein vorzeitiges Beseitigen seiner Person und seines Regimes. In der populären Phantasie wären für diesen Fall auch immer gleich ein paar Reserve-Hitlers vorhanden gewesen, Doppelgänger oder Dummys wären den Attentaten zum Opfer gefallen, Nachfolger ständen bereit - Tarantino weiß, warum es nicht genügt, Hitler zu töten. Man musste zugleich seine Umgebung, zugleich seine Propaganda vernichten.

Und das Kino selber? Wir dürfen es nicht vergessen: Tarantino opfert, um Hitler und die seinen zu töten, sein Heiligtum. Dieses Kino hat alle Phasen durchlaufen: Es war einst Paradies, wurde zum Zufluchtsort, musste seine Unschuld verlieren, zum Ort der Kollaboration und der kleinen Subversion werden, es wird zur Falle und zum Opferort.

Kino-Opfer statt Opferkino

Tarantino opfert sein Heiligtum. Wenn es darum geht, die Menschen vor dem Bösen zu bewahren, muss man sogar bereit sein, das Kino zu verbrennen. In dieser radikalen Geste vielleicht liegt das Erwachsenwerden des Tarantinismus. So paradox dieser Opfervorgang auch sein mag: Der Traumort wird für die Wirklichkeit geopfert, allerdings nur in einem Traum, für den die Wirklichkeit geopfert wird.

Saul Friedländer hat von dem verbreiteten "Unbehagen" gesprochen, das der "neue Diskurs" zum Nationalsozialismus seit den siebziger Jahren immer wieder hervorruft, und eben dieses Unbehagen kehrt von Welle zu Welle der ästhetischen Bearbeitungen zurück: Darf man sich einlassen auf die Bildsprache der Nazis? Darf man vom Holocaust in der Form einer Soap-Opera erzählen? Darf es den "guten Deutschen" geben? Darf man lachen über Hitler? Darf man lachen im KZ?

Und jetzt: Darf man Hitler und den seinen ein paar Trash-Barbaren entgegenstellen und ihn unzeitlich sterben lassen? Immer wieder folgte den Filmen ein Kometenschweif der feuilletonistischen, akademischen, pädagogischen Diskurse. Jeder neue, halbwegs ernste, halbwegs gelungene, halbwegs sichtbare Film löste das aus.

Quentin Tarantino mit "Inglourious Basterds" verspricht gleichsam, mit diesem Unbehagen fertigzuwerden wie dieser Kerl, der den gordischen Knoten löste. "Pulp fiction" bezwingt den faschistischen Todeskitsch. Den wabernden Bildern von der gefährlichen Umarmung von Diskurs und Nazi-Bild setzt dieser Regisseur einen Schlag mit dem Baseballschläger entgegen.

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insgesamt 415 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
12.09.2009 von Gubanöhr: Tarantino bleibt Tarantino

Na ja, ich geh nun mal nicht in einen Film von Tarantino um mich darüber zuer schrecken, daß die eine oder andere unangenehme Szene dabei ist. Tarantino bleibt tarantino. Aber das jemand mal ordentlich aufräumt mit dem [...] mehr...

12.09.2009 von c0mmanderKeen: Germans statt Nazis - wieso bitte drüber aufregen ??

Guter Artikel! Hm all die empörten Kommentare, dass in der (tatsächlich weit überlegenen) Originalfassung "germans" getötet werden statt Nazis, sind ein bisschen unüberlegt - spricht man doch im Krieg beim Gegner [...] mehr...

05.09.2009 von Heinrich Goldstein: Nachdenken sehr zu empfehlen

Tja, zu Cristoph Waltz braucht man m.E. nichts mehr zu sagen - Großartig! Zur besagten hier diskutierten Kritik auch nicht - Ernüchternd. Zu Tarantino aber dies: Es ist hervorragend, was ihm mit der Darstellung der Basterds [...] mehr...

04.09.2009 von rebeccam: Nicht zu empfehlen

Ich kann diesem Film nur schlechte Noten geben. Menschen werden skalpiert, ihnen wird in die Geschlechtsteile geschossen, mit Baseballschlägern auf sie eingedroschen etc, das Ganze dann verpackt in einem "komödiantisch, cool [...] mehr...

25.08.2009 von Monark: D'accord

Hervorragend. Ich hatte auch schon über eine adäquate Antwort zu diesem Posting nachgedacht - aber so, wie Sie es auf den Punkt bringen, hätte ich es nicht hinbekommen. mehr...

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