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Interview "Ich muss mit Angst leben"

Lars von Trier: "Sex, Gewalt, Wahnsinn"
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MFA

2. Teil

KulturSPIEGEL: Und was müssen sich Ihre Hauptdarsteller trauen? Spielen sie wirklich alle Szenen selbst?

von Trier: Für manches haben wir Bodydoubles verwendet, für die Penetrationsszene beispielsweise und für einige Großaufnahmen. Was schade ist für Willem, denn er ist extrem gut ausgestattet. Die Szenen, in denen das noch zu sehen war, mussten wir rausschneiden. Sonst hätten alle nur gesagt: Schau dir das an! Der Film ist ja nicht dazu da, seinen enormen Schwanz zu zeigen, es geht um etwas anderes. Vielleicht spricht da aber auch nur der Neid des Regisseurs. Die Bodydoubles jedenfalls waren sehr nett. Und sehr professionell. Da konnte man richtig was lernen.

KulturSPIEGEL: Was denn?

von Trier: An einer Stelle im Film ejakuliert der Mann. Als wir das drehten, fragte Willems Double, ein Profi-Pornodarsteller: "Wollt ihr etwas Action sehen?" Dann starteten wir die Kamera, und er fing an, sich einen runterzuholen. Das ganze Team starrte dahin, ich wartete vor meinem kleinen Monitor, und nach 15 Minuten war er immer noch nicht fertig. Ich dachte schon, mit dem stimmt etwas nicht. Aber dann hörte ich, wie er immer wieder leise fragte: "Hallo...? Hallo...?" Was ich dann herausfand: In Pornofilmen dürfen die Darsteller nicht kommen, bevor es der Regisseur erlaubt. Konnte ich ja nicht ahnen. Als ich sagte: "Bitte jetzt", dauerte es nicht einmal mehr eine Minute. Jetzt kann ich ins Pornogeschäft gehen.

KulturSPIEGEL: Zum ersten Mal haben Sie bei "Antichrist" nicht selbst die Kamera bedient, wie kam es dazu?

von Trier: Ich habe es versucht, es ging einfach nicht. Ich war in so schlechter Verfassung, dass ich die ganze Zeit gezittert habe, alle Bilder waren total verwackelt.

KulturSPIEGEL: Früher hätten Sie das Dogma-Stil genannt.

von Trier: Ja, vielleicht ist das das Rezept für einen echten Dogma-Film: richtig depressive Leute an der Kamera. Im Ernst, es hat nicht geklappt, das war wirklich dumm. Wenn ich die Kamera führe, kann ich anders mit den Darstellern kommunizieren, ich bin mitten in der Situation statt hinter einem Monitor.

KulturSPIEGEL: Sie haben alles im Griff.

von Trier: Ich kann alles sehr genau beurteilen, sehr dynamisch Anweisungen geben. Hoffentlich werde ich mich so weit erholen, dass ich mich beim nächsten Film technisch wieder mehr beteiligen kann. Es war wirklich demütigend, dieses Mal körperlich nicht dazu in der Lage zu sein. Es war wie beim Tennisspielen mit meinen Kindern: Man steht auf dem Platz, und um einen herum sind lauter junge Leute, die das alles viel besser können als man selbst. Furchtbar! Ich möchte immer besser sein als alle anderen. Wenn aber auch nur die Möglichkeit besteht, dass jemand anders besser ist, verkrümele ich mich lieber. Deswegen mache ich auch so merkwürdige Filme. Wenn jemand etwas Ähnliches machen würde, hätte ich viel zu viel Angst, dass die Leute seine Filme womöglich besser finden könnten als meine. Unvorstellbar!

KulturSPIEGEL: Sollte dieser Film eine Art Selbsttherapie sein, um aus Ihrer Depression herauszufinden? Oder dachten Sie: "Wenn es mir schon so schlecht geht, dann lasse ich die Zuschauer mit einem extrem finsteren Film ein bisschen mitleiden."

von Trier: So ist das, wenn man krank ist, dann soll es auch den anderen richtig, richtig schlecht gehen. Die Wahrheit ist: Mit Arbeit kann man sich etwas ablenken, wenn man mentale Probleme hat. Es hat mir geholfen, beschäftigt zu sein. Aber wenn einen das Filmemachen heilen könnte, wäre ich schon oft geheilt worden. Das klappt leider nicht. Das Gute ist: Diese Depression hat mich weniger kritisch meiner Arbeit gegenüber werden lassen. Ich habe nicht endlos über alles nachgedacht, so wie sonst immer, und ich glaube, das hat dem Film etwas gegeben.

KulturSPIEGEL: Weil Ihre Ideen freien Lauf hatten?

von Trier: Wissen Sie, normalerweise bin ich kontrollsüchtig. Das ist fast schon krankhaft. Diesmal musste ich viel davon aufgeben, und das war auch befreiend. Ich habe mir erlaubt, einen Film mit vielen Symbolen zu machen, ohne diese Symbole genau zu analysieren.

KulturSPIEGEL: Auffallend sind einige Tiere, darunter ein bedrohlicher Fuchs, der plötzlich spricht.

von Trier: Das ist eine unangenehme Figur. Ich habe früher mal schamanische Reisen unternommen, bei denen man tief in seine Seelenwelt eintauchen soll. Schon damals sind mir diese ganzen Tiere begegnet. Wie drückt es der sprechende Fuchs in "Antichrist" so treffend aus? "Chaos regiert." Ich denke, das sind die wahrhaftigsten Worte, die ein Fuchs so von sich geben kann.

KulturSPIEGEL: Und die theatralischsten.

von Trier: Wenn man so einen puren Film macht, in dem es praktisch nur um einen Mann und eine Frau im Wald geht, dann kommen die Symbole von ganz allein.

KulturSPIEGEL: Der Mann versucht, seine depressive Frau nach dem Tod des gemeinsamen Kindes selbst zu therapieren, indem er sie mit ihren Ängsten konfrontiert. Haben Sie Erfahrung mit dieser Art von Therapie?

von Trier: O ja. Und in der Realität ist sie noch härter, ein richtiger Therapeut wäre viel unerbittlicher, viel fieser. Es ist schon seltsam, dass die Wissenschaft in diesem Feld so primitiv ist. Die ganze Weisheit der Profis lautet: Wenn du Angst vor Spinnen hast, dann nimm eine Spinne in die Hand. Das könnte wirklich jeder empfehlen: Sie und ich und jeder andere, auch vor 400 Jahren schon. Verglichen mit der Raffinesse der heutigen Herzchirurgie scheint mir das doch ein recht simpler Ansatz zu sein.

KulturSPIEGEL: Im Film funktioniert diese Methode nicht, tatsächlich macht sie alles nur noch schlimmer.

von Trier: Das stimmt, aber ich bin eben ziemlich sarkastisch. Ich will damit nicht behaupten, dass die Therapie auch in der Realität gar nicht funktioniert. Sie wirkt, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, sie kann das Leiden nur lindern. Es gibt eben kein Wundermittel und auch keine Wunderpille, ich habe schon so viel probiert. Ich muss mich einfach damit abfinden, dass ich den Rest meines Lebens mit Angst leben werde.

KulturSPIEGEL: Für das grausige Thema wirkt Ihr Film visuell sehr edel, bei weitem nicht so minimalistisch, wie man es von Ihnen gewohnt ist. Man könnte fast sagen, glatt ...

von Trier: O Gott, sagen Sie doch so etwas nicht! Glatt. So weit ist es also schon mit mir. Aber ich weiß, was Sie meinen. Aus technischer Sicht bin ich auch nicht zu hundert Prozent zufrieden, ich hatte mir neben den großen, monumentalen Aufnahmen alles viel dokumentarischer und rauer vorgestellt. Der ganze Prolog beispielsweise: dieses Schwarzweiß und diese Zeitlupe, dazu klassische Musik - ich bin nicht sehr glücklich damit. Es ist zu ... schön. Wir haben den Film zu schön gemacht.

KulturSPIEGEL: Schön muss ja nicht immer schlecht heißen.

von Trier: Sehen Sie, ich bin auch älter geworden, vielleicht will ich mit so hübschen Sachen wie dem "Antichrist"-Prolog andeuten, dass ich irgendwann doch mal einen richtig kommerziellen Film mache. So halte ich die Leute schon seit Jahren bei der Stange. Alle denken: Was macht der bloß für seltsame Filme? Aber irgendwo hat der Typ Potential zum Kommerz.


INTERVIEW: TOBIAS BECKER, DANIEL SANDER

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© KulturSPIEGEL 9/2009
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Heft 9/2009:
"Ich bin verrückt"

Der Regisseur Lars von Trier über seine Lust an der Provokation

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