SPIEGEL ONLINE: Herr Blomkamp, Sie machen es dem Zuschauer in Ihrem Film "District 9" nicht leicht, Mitgefühl für die Außerirdischen zu empfinden: Sie sind hässlich, gewalttätig und wollen auch nicht nach Hause telefonieren. Sind die Aliens trotzdem die Helden?
Blomkamp: Der Zuschauer soll mit ihnen bangen. Doch wir wollten sie auf gar keinen Fall niedlich und nett erscheinen lassen. Das wäre zu einfach gewesen. Ganz im Gegenteil, wir wollten die Aliens mit so vielen negativen Attributen versehen wie möglich. Sie sollen abstoßend wirken. Doch das ist nur der Schein. Nach und nach erkennt der Zuschauer, dass sie Gefühle und einen Verstand haben, dass sie eine hochzivilisierte Rasse sind.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb für die Aliens eine eigene Sprache entwickelt?
Blomkamp: Ja, aber das war sehr mühsam! Wir haben lange herumexperimentiert, bis wir wussten, wie die Aliens aussehen sollten, nämlich wie Insekten. Die äußere Gestalt hat dann alles Weitere bestimmt, auch die Sprache. Wir haben uns intensiv mit den Lauten beschäftigt, die Insekten von sich geben, und daraus die Alien-Sprache entwickelt. Sie besteht vor allem aus Klicklauten, doch wer genau hinhört, merkt, dass sie Vokale und Konsonanten hat.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Dialoge der Aliens untertitelt. Welchen Effekt hat es auf den Zuschauer, wenn er komplexe Sätze liest, während er gutturale Laute hört?
Blomkamp: Er muss seine Vorstellung davon, was primitiv ist, überprüfen. Sehen Sie, ich bin ja in Südafrika aufgewachsen und weiß, wie Rassenhass funktioniert. Es hasst sich einfach leichter, wenn man sich einredet, der Andere sei hässlich oder primitiv.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben große Teile des Films in den Slums von Johannesburg gedreht - war das der perfekte Ort für diese Geschichte?
Blomkamp: Es war umgekehrt, ich habe nicht nach einem Schauplatz gesucht, vielmehr hat sich die Geschichte ganz und gar aus der Stadt entwickelt. Ich hatte schon seit langem den Plan, in Johannesburg einen Science-Fiction-Film zu drehen. Dass sich dieser Film dann um die Angst vor dem Fremden und um Rassenhass dreht, ergab sich fast zwangsläufig. Dass "District 9" zu einer Allegorie auf die Apartheid wurde, ließ sich gar nicht vermeiden. Natürlich erzählt der Film von dem Rassismus, der noch immer in uns steckt.
SPIEGEL ONLINE: Ist das Science-Fiction-Genre besonders geeignet, unsere Gegenwart zu reflektieren?
Blomkamp: Es gibt kein besseres. Und zwar deshalb, weil die Zuschauer in die Zukunft versetzt werden und deshalb lange nicht realisieren, dass der Film tatsächlich von ihnen und ihrem eigenen Leben handelt. Und deshalb kann man viel weiter gehen, viel extremer werden, als wenn man sich direkt mit der Gegenwart beschäftigen würde. Denken Sie nur an Paul Verhoevens Science-Fiction-Film "Starship Troopers" von 1997. Was für eine unglaublich zynische Satire auf die amerikanische Gesellschaft! Doch bei aller Kraft und Schärfe kann auch der beste Science-Fiction-Film nur reflektieren, aber nichts verändern. Nichts.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt pessimistisch.
Blomkamp: Die Menschen gehen ins Kino, um eine schöne Zeit zu haben, um Popcorn zu essen. Die wollen unterhalten, nicht verändert werden. Wer etwas verändern will, soll keine Filme drehen, sondern zur Uno gehen.
SPIEGEL ONLINE: Das Kino kann also gar nichts dazu beitragen, uns zu besseren Menschen zu machen? Mitgefühl kann man doch lernen. Warum nicht im Kino?
Blomkamp: Hm, da bin ich skeptisch. Überfordert man das Kino damit nicht? Klar, wenn uns ein Film Mitgefühl mit einer fremden Rasse empfinden lässt, macht uns das wohl nicht zu schlechteren Menschen.
SPIEGEL ONLINE: In den meisten Ländern der Welt wird "District 9" als düsterer Science-Fiction-Film wahrgenommen. Wie sehen ihn die Menschen in Ihrer Heimat Südafrika?
Blomkamp: Ich hatte den Eindruck, dass der Humor des Films ihnen hilft, die Konfrontation mit ihrer eigenen Wirklichkeit besser zu verkraften.
SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Jahrzehnten hat Hollywood das asiatische und das lateinamerikanische Kino entdeckt. Afrika blieb der vergessene Kontinent. Wird sich dies nach dem Erfolg von "District 9" ändern?
Blomkamp: Wohl kaum. Es gibt ja schon ein paar südafrikanische Regisseure, die es nach Hollywood geschafft haben, Gavin Hood etwa oder Richard Stanley. Alles weiße Regisseure im Übrigen. Doch geändert hat sich nichts. Vielleicht würde etwas in Bewegung kommen, wenn ein Regisseur aus Nigeria international von sich reden machen könnte. Denn dort gibt es eine richtige Filmindustrie.
SPIEGEL ONLINE: Sie leben schon seit einigen Jahren in Vancouver. Werden Sie trotzdem versuchen, weitere Filmproduktionen nach Johannesburg zu holen?
Blomkamp: Ich hoffe, dass ich Filmproduktionen nach Vancouver hole! Aber Südafrika ist so ein facettenreicher, aufregender Schauplatz - auch ohne meine Hilfe werden Regisseure dorthin kommen. Ich selbst arbeite gerade an einem neuen Science-Fiction-Projekt, von ich noch nicht genau weiß, wie und wo wir es drehen werden. Aber eine Möglichkeit ist Johannesburg. Die Stadt bietet Ansichten, die Sie sonst nirgendwo auf der Welt finden. Zudem kann man dort tagelang die Straßen sperren - und kein Mensch stört sich dran.
Das Interview führte Lars-Olav Beier
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Da immer, wenn es um Afrika geht, irgendwann das Wort "Gutmensch" auftaucht, würde ich gerne mal wissen, was Sie überhaupt damit meinen. Ich habe nämlich die leise Ahnung, dass ich in Ihren Augen in diese Kategorie [...] mehr...
Sie geben genau das wieder was der Film eigentlich auf die Schippe nimmt - ein verzerrtes Afrikabild. "Riot-Charakter" afrikanischer Gesellschaften, "animistische Auswüchse" - da können Sie ja gleich vom [...] mehr...
full ack. Das Problem ist hier doch mal wieder, dass die grünwählenden Gutmenschen, die Foren keine Ahnung von der realen Situation in Südafrika haben. Es reicht eben nicht, dazu die Geo-Reportage zu lesen. Ich erlaube mir [...] mehr...
Offenbar ist es eher in Mode gekommen, dass man vom Publikum keine Denkleistung mehr erwarten kann und alles mit "klaren Statements" versehen muss. Aber ist es wirklich nötig, dass ein Film à la L.A. Crash sowas wie [...] mehr...
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