Aus Toronto berichtet Andreas Borcholte
Wenn man am Samstagabend von der großstädtischen Kreuzung Bloor Street und Yonge Street abbiegt und in die kleinere Cumberland Street hineinfährt, hat man fast jenes magische Croisette-Gefühl des Filmfestivals in Cannes: Aufgeregt schnatternde Menschen in Abendgarderobe, die sich auf den Bürgersteigen vor bunt erleuchteten Shops und Restaurants drängen, Gelächter und Musik in der warmen Sommerluft unter einem kobaltblauen Himmel. Nicht weit entfernt, vor dem Hotel "Four Seasons", wo die großen Stars absteigen, warten Teenager-Mädchen mit erhitzten Gesichtern und leuchtenden Augen darauf, dass sich George Clooney blicken lässt oder Matt Damon, vielleicht sogar die von Teenies heiß verehrte Jungsband The Jonas Brothers.
Ja, Toronto, Kanadas größte Metropole, malerisch gelegen am riesigen Lake Ontario an der Grenze zu den USA, kann auf einmal wirken wie jene elegante Kleinstadt an der Cote d'Azur, die einmal im Jahr zum Zentrum von Kino-Kommerz und Filmkunst wird. Dabei muss sich das Toronto International Film Festival, kurz TIFF genannt, längst nicht mehr vor den europäischen A-Liga-Festivals verstecken.
Als größter Schaukasten für neue Filme auf nordamerikanischem Boden genießt das kanadische Filmfest längst nicht mehr nur unter Branchen-Insidern den Ruf, wichtiger als Venedig zu sein. Tatsächlich sind viele der am Lido in der vergangenen Woche uraufgeführten Filme auch in Toronto zu sehen, darunter die düstere Verfilmung von Cormac McCarthys apokalyptischen Bestseller "The Road", Shirin Neshats bildgewaltige Iran-Anklage "Women Without Men" und Fatih Akins mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnete Komödie "Soul Kitchen". Der Hamburger Regisseur wird am Sonntag in Toronto erwartet, um seinen neuen Film auch hier vorzustellen.
Es geht um nichts als Filme
Das Angenehme an Toronto: Es gibt keinen Wettbewerb, keinen Löwen, keine Palme, keinen Bären - es gibt nur Filme zu sehen. Viele Filme. Zu viele, wie einige bereits im Vorwege des Festivals erschöpfte US-Kritiker nörgelten. Und wahrlich: Mit mehr als 170 Weltpremieren in den mit Hunderten Filmen vollgestopften Sektionen des Festivals hat man es als Journalist nicht nur schwer, den Überblick zu behalten, man weiß buchstäblich nicht, was man zuerst anschauen soll.
Als Leitfaden legt man sich am besten eine kleine Spekulationsaufgabe zurecht: Welche Filme haben die besten Chancen, als Favoriten in die bevorstehende Awards Season, die Filmpreis-Saison der amerikanischen Kinobranche zu gehen? Denn auch das ist kein Geheimnis mehr: In Toronto, nur knappe fünf Monate vor den Oscars angesiedelt, hat schon so mancher Academy-Award-Abräumer erstmals Kritiker und Publikum begeistert, im letzten Jahr unter anderem Danny Boyles "Slumdog Millionaire".
Von den Härten des sozialen Überlebens in Indiens Elendsvierteln ist in diesem Jahr eins nach der globalen Finanznot allerdings nicht mehr die Rede. Die Filmemacher im englischsprachigen Raum, so ein erster Eindruck nach vier Tagen Festival, widmen sich im Angesicht der Krise den letzten Fragen - und scheuen sich dabei auch nicht, ins Übersinnliche und Religiöse zu driften. Das geschieht mal ganz calvinistisch streng wie in Jon Amiels als Familiendrama inszenierter Darwin-Exegese "Creation", mal launig und feinhumorig wie im neuen Film der Brüder Joel und Ethan Coen, "A Serious Man", einem ersten Höhepunkt des Festivals.
Die Coens, 2008 für ihre Gewaltfarce "No Country For Old Men" mit dem Oscar ausgezeichnet, könnten sich ja eigentlich auf ihren reichlich verdienten Lorbeeren ausruhen und weiterhin starbesetzte Genre-Parodien wie "Burn After Reading" drehen. In "A Serious Man" jedoch ist kein einziges bekanntes Gesicht zu sehen, dafür aber eine Geschichte, die zum Besten gehört, was die Coen-Brüder seit langem im Kino erzählt haben: Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) ist ein Physikprofessor Mitte Vierzig, der Ende der sechziger Jahre irgendwo im Mittelwesten der USA ein normales Mittelklasseleben mit Häuschen, Frau und Kindern führt. Erst als seine Frau die Scheidung einreicht, weil sie sich mit einem Freund der Familie eingelassen hat, stürzt das vermeintlich stabile Konstrukt seiner Existenz zusammen und stürzt ihn in tiefe Lebenszweifel.
Ein fast schon klassischer Hollywood-Plot, wäre Gopnik nicht Jude - die Coens entdecken nach "Barton Fink" einmal mehr die komödiantischen Seiten ihres Glaubens. Drei Rabbis besucht Larry nacheinander, aber keiner kann ihm sagen, was er machen soll, warum er HaSchem, also Gott, verärgert haben könnte, und was das überhaupt alles soll, dieses widersprüchliche Leben, das einem ja doch nur Streiche spielt. Er versuche doch nur, das alles ernst zu nehmen, sagt Larry einmal, er sei doch auch ein ernst zu nehmender Mensch, ein "serious man". Nützt alles nichts. Mit atemberaubend entlarvenden Kameraeinstellungen von Roger Deakins, haarsträubend komisch-lakonischen Pointen, einer präzisen Balance von Tragik und Komik sowie einem toll gecasteten Personal liefern die Coens eine liebevolle Leinwand-Hommage ans Jüdischsein.
"A Serious Man" sei doch eigentlich eine Woody-Allen-Film-Parodie, sagte ein Kollege hier in Toronto: Subtil und böse bis zum Gehtnichtmehr, aber ohne Allens neurotischen Zwang zur Hyper-Reflexion. Und warum geht bei Larry nun eigentlich alles plötzlich schief? Die Wege des Herrn sind unergründlich... aber in einer folkloristischen Einführungsszene mit herrlich Jiddisch knödelnden Charakteren wird angedeutet, dass es Gopniks Vorfahren waren, die es sich mit HaSchem verscherzt haben. Das rächt sich bitter, auch wenn's manchmal ein paar Generationen dauert.
Tom Waits ist der Teufel
Es geht ums Ganze in den Filmen des Jahres 2009. Auch der Brite Terry Gilliam ("12 Monkeys") stellt in Toronto seinen neuen Film vor, das burleske Abenteuer "The Imaginarium of Dr. Parnassus". Besagter Doktor (Christopher Plummer als wirrer, alkoholsüchtiger Tattergreis) ist kein Geringerer als Gott persönlich, der sich seit Äonen kleine Wettspiele mit dem Teufel (dämonisch: Tom Waits) leistet.
Weil es für Gott keine guten Zeiten sind, tingelt er mit einer Magierbude durch das moderne London, begleitet von einem Zwerg, dem stürmischen Jugendlichen Anton, der ihm als Assistent dient - und seiner Teenager-Tochter Evangelina (zauberhaft: Lily Cole). Was sie nicht weiß: Daddy hat um die Seele seiner Tochter gespielt und muss sie an ihrem 16. Geburtstag dem Teufel übereignen - in drei Tagen. Parnassus ist verzweifelt, doch dann taucht plötzlich Tony auf, ein zwielichtiger, aber scheinbar gutmütiger Charakter, der zum Stellvertreter und Sündenbock wird in diesem Kampf um Gut oder Böse, Unschuld oder Verderben.
Heath Ledger spielt diesen Dandy, dessen Hals Evangelina und Anton buchstäblich aus der Schlinge ziehen. Der als "Joker" nunmehr notorisch gewordene Australier spielte in Gilliams Film seine letzte Rolle und starb während der Dreharbeiten. Da große Teile des Films aber in der Wunderland-ähnlichen Vorstellungswelt von Parnassus spielen, konnte sich der Regisseur eines Tricks bedienen, um die fehlenden Szenen ohne Ledger zu drehen: Wer in Parnassus' Traumreich eintritt, verliert auch sein Konterfei und zeigt sein anderes Gesicht, in diesem Fall mal das von Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell, berühmte Kollegen Ledgers, die gern einsprangen, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Das macht Gilliams bildstarken und phantasievollen, aber leider recht humorlosen Film nicht besser. Doch es rührt zu sehen, wie die Filmwelt diesem sympathischen und talentierten Hoffnungsträger ein Denkmal setzt. Was für ein Verlust.
Erste Dramen zur Krise
Verloren haben auch viele Leute in Jason Reitmans Film "Up in the Air", dem ersten Hollywood-Film, der mit den Mitteln des Dramas die Finanzkrise reflektiert: George Clooney spielt Ryan Bingham, einen jener kaltblütigen und zynischen Personalberater, die quer durch die Staaten reisen, um Firmen beim Kündigen ihrer wegrationalisierten Mitarbeiter zu helfen. Binghams Wohnung ist so aseptisch wie ein Hotelzimmer, kein Wunder, er ist ja nie zu Hause, sondern misst seinen Lebensstandard an der Menge der Premium-Kreditkarten, Membership-Rewards und Frequent-Flyer-Meilen. Erst als die ebenso ungebundene und vielfliegende Alex (Vera Farmiga) in sein eingefleischtes Single-Leben tritt und sein Boss gleichzeitig damit droht, ihn aus seinem Reiseprogramm zu nehmen, weil man künftig schließlich auch über Videotelefonie kündigen könne, kommt Bingham erstmals ins Grübeln, ob man nicht doch den Rückhalt einer Familie gebrauchen könnte.
"Up in the Air" ist vielleicht das weiche, in massentaugliche Watte gepackte Gegenstück zu Michael Moores sarkastischen Agitprop-Doku "Capitalism. A Love Story", die ebenfalls hier in Toronto gezeigt wird. Regisseur Reitman ("Juno", "Thank You For Smoking") beweist jedoch unter anderem durch den Verzicht auf allzu viel Pathos und ein Happy End das richtige Händchen für das topaktuelle Thema Massenarbeitslosigkeit. Ein Drama, ja, aber die Welt geht nicht unter, das ist die nüchterne und ernüchternde Botschaft dieses kleinen Films, der George Clooney in einer seiner seltenen Rollen zeigt, die keine Clownerien verlangt.
Anders als in Grant Heslovs köstlicher Kriegsfarce "The Man Who Stare At Goats", die von einer geheimen Army-Disvision handelt, deren Mitglieder angeblich übersinnliche Fähigkeiten haben. Darin darf Clooney wieder nach Herzenslust die Augen aufreißen und den charmanten Spaßmacher spielen, übrigens erstmals an der Seite Ewan McGregors, der ihm fast die Show stiehlt. So wie der etwas übereifrige Journalist in Venedig, der vor seinem Idol Clooney bei einer Pressekonferenz glatt die Hosen runterließ. Hier in Toronto, wo alles etwas ruhiger, entspannter und bodenständiger scheint, ist man als Hollywood-Star vor solchen hysterischen Attacken eher sicher. Clooney speiste am Freitag ganz unbehelligt mit einer männlichen Begleitperson bei einem gar nicht mal so guten Italiener, war zu lesen. In der Cumberland Street, der kleinen Croisette Kanadas. Wo sonst?
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