Von Meredith Haaf
"Das einzige, was ich mit diesem Job will, ist viel Geld verdienen", sagt denn auch Sena Cech, ein anderes Model. Sie wirkt ironisch und abgeklärt, erzählt aber die heftigste Geschichte des Films: Von einem "sehr berühmten Fotografen, der bekannt dafür ist, dass er sehr sexuell fotografiert" wird sie zum Casting eingeladen. Die Agentur sagt ihr, sie müsse alles nötige tun, um den Job zu bekommen. Zunächst habe der Fotograf sie gebeten, sich auszuziehen - und dann sich selbst ausgezogen. "Und ich denke mir: Wieso zieht er sich aus, den fotografiert ja niemand?" Dann habe der Assistent Fotos gemacht und das Model aufgefordert, das Glied des Fotografen zu packen: "Und kannst du ihn auch drehen, er steht darauf, wenn du ihn ganz fest drehst." Cech macht mit, bekommt den Job - sagt dann aber ab, und erhält nie wieder ein Angebot.
"Definitiv ungewöhnlich", sei Cechs konsequentes Verhalten, meint Sara Ziff. Den meisten Models fehle dazu das Selbstbewusstsein. Übergriffe dieser Art seien an der Tagesordnung: "Alle meine Freundinnen im Business haben mindestens eine solche Geschichte zu erzählen."
Kein Essen
Die Models steigen oft bereits im Alter von 15 oder 16 ins Geschäft ein. "Diese Branche hält sich für etwas Besonderes, und die Menschen, die darin arbeiten, finden so etwas wie ein Arbeitsrecht völlig profan", sagt Dunja Knezevich. Das kroatische Model hat gemeinsam mit ihrer Freundin und Kollegin Victoria Keon-Cohen in Großbritannien erwirkt, dass Models von der Schauspielergewerkschaft Actor's Equity vertreten werden können.
Die beiden stellen Forderungen, die man als gemäßigt bezeichnen kann: Geregelte Arbeitszeiten, insbesondere für Minderjährige, Unfallschutz, Hilfe bei sexueller Belästigung und, ganz wichtig: die Möglichkeit, während eines Shoots etwas zu Essen zu bekommen. "Wenn man sich auf einem hohen Absatz den Knöchel bricht, oder ohnmächtig wird, weil man nicht genug gegessen hat, kommt niemand dafür auf", sagt Knezevich.
Die Agenturen seien oft überlastet. In großen Unternehmen wie IMG oder ELITE repräsentiert ihren Kalkulationen nach ein Agent 150 Frauen. Die Models selbst wiederum seien oft zu jung und unerfahren, um sich selbst kümmern zu können. Seit einem Jahr macht nun die Actor's Equity in der britischen Modeindustrie Lobbyarbeit. Mit Erfolg, sagt Knezevich: "Ich war seitdem auf keinem Termin mehr, wo es keine Essen gab. Und man behandelt mich respektvoller."
Harte Drogen
Sara Ziff will etwas Ähnliches in den USA erreichen. Ihre anonyme Online-Umfrage unter Kolleginnen ergab: 80 Prozent der Befragten berichten von verdächtigen Abzügen auf ihren Kontoauszügen. Eine weit verbreitete Agentur-Praxis: alle möglichen Kosten auf die Rechnungen der Models setzen, um diese so lange wie möglich unter Vertrag zu halten. Ein Viertel hatte Erfahrung mit sexuellem Missbrauch am Arbeitsplatz, doch nur eine Einzige hatte sich von ihrer Agentur unterstützt gefühlt. Die Mehrheit gab an, im Beruf mit harten Drogen in Kontakt gekommen zu sein.
"Gerade die jüngsten und damit auch verletzlichsten Mädchen waren am wenigsten bereit, Kritik an der Branche zu üben", sagt Ziff. Klar, wer in einen exklusiven Club will, möchte nicht als erstes dessen Regeln ändern. Und die Angst, austauschbar zu sein, ist unter Models, die schnell Opfer einer Trendwende werden können, ganz besonders ausgeprägt.
Hinzu kommt: "Wenn es gut läuft, verdient man als Model so viel Geld, dass man denkt: das ist der Preis, den ich zahlen muss", sagt Ziff. Immer wieder weist sie auf das Missverhältnis zwischen Leistung und Bezahlung von Models hin. Trotzdem: "Nur weil es nicht Schwerstarbeit ist, sind wir trotzdem Arbeiterinnen."
Damit das anerkannt wird, holt sie sich jetzt Unterstützung von Knezevich und Keon-Cohen. Die drei treffen sich auf der Fashion Week in New York. Sie wollen eine Gewerkschaft für Models in den USA gründen - und mitten im glamourösen Wahnsinn für ein Minimum an Sicherheit sorgen.
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