Jede Katastrophe fängt einmal klein an. In "Babel" beginnt sie mit einer Gewehrkugel, abgefeuert irgendwo in der Wüste von Marokko. Der Schütze heißt Yussef und sollte eigentlich Ziegen hüten. Aber da ist dieses neue Jagdgewehr, das der Vater gerade erworben hat. Auf einmal fährt ein Reisebus vorbei, weit unten im Tal. Er ist so klein, wie ein Insekt. Yussef zielt. Drückt ab. Trifft, ohne es zu wissen, durch das Busfenster die amerikanische Touristin Susan (Cate Blanchett), die in ein nahes Dorf transportiert werden muss, und für einen internationalen Zwischenfall sorgt, da Diplomaten einen terroristischen Anschlag vermuten.
Weil die Botschaft zunächst keine Hilfe schickt, muss Susans Ehemann Richard ( Brad Pitt) auf die Einheimischen vertrauen. Und weil alles mit allem verbunden ist, wird der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings bald auch im tausende Kilometer entfernten Amerika zum Orkan anschwellen, wo die zerzauste Latino-Nanny von Susan und Richard mit deren Kindern halbverdurstet durch eine andere Wüste geistert - während in der Großstadtwüste von Tokio ein Polizist nach dem ursprünglichen Besitzer des Gewehres fahndet und auf die taubstumme, sich verzweifelt nach Sex sehnende Tochter des Japaners Yasujiro trifft.
Fast zweieinhalb Stunden dauert "Babel", das wuchtige Globalisierungsdrama des Mexikaners Alejandro Gonzlez Inarritu. Es sind drei Episoden auf drei Kontinenten, und jede einzelne Episode ist üppig genug für einen eigenen Spielfilm. Zusammengehalten werden sie nur durch die Geschichte der Gewehrkugel und durch die biblische Metapher des Titels: Gott bestraft die Menschen für ihren Übermut, verwirrt ihre Sprache und zerstreut sie in alle Winde. Wir verstehen uns einfach nicht mehr. Und das trotz fortschreitender Globalisierung. Oder gerade deswegen. Immer gefährlicher und unberechenbarer wird das globale Dorf, immer aussichtsloser unser Streben, die Sprach- und Kulturgrenzen zu überwinden. Wir brüllen nur noch. Wir hören uns nicht mehr zu. Der Tourist aus dem Westen glaubt sich von Terroristen umgeben, der kalifornische Grenzbeamte sieht lediglich eine illegale Einwanderin vor sich, und das taubstumme Mädchen kann sich nicht einmal dem eigenen Vater mitteilen.
Theoretisch müsste man Inarritu Größenwahn vorwerfen, dass er sich bei "Babel" nicht weniger als die ganze Welt zum Thema genommen hat. Aber irgendwie hat er es dann doch geschafft, daraus einen intelligenten, schönen Film zu machen. Ein Bild vom Zustand der Menschheit kurz vor ihrem gefühlten Ende und ein Hoffnungsschimmer, ganz zum Schluss.
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