Von Birgit Glombitza
Vier junge Menschen in einem Auto unterwegs nach Westen. Musik, Dosenbier, ein paar zotige Sprüche. So beginnt klassischerweise ein road movie. Das Genre also, in dem Menschen ausziehen um die Utopie von Freiheit und Weite zu erfahren, bevor sie die eigenen Beschränkungen kennenlernen. Doch in "Carriers" hängt der Himmel viel zu tief, um sich groß, frei und unsterblich zu fühlen. Die Welt darunter ist öde und leer. Die Städte sind verwaist, die Autobahnen frei. Und kommt einem einmal ein Wagen entgegen, sollte man zügig die Flucht antreten. Oder wenigstens den Atemschutz festzurren und das Desinfektionsmittel bereit halten.
"Carriers" spielt am Anfang vom Ende. Ein Virus ohne Namen hat die Menschheit befallen und droht, sie auszurotten. Ein Endzeitszenario, das natürlich beflügelt wird von den Epidemie-Hysterien der Realität, in der seit Aids, Sars, Vogel- und Schweinegrippe den Menschen nichts so sehr Angst macht wie die Nähe zu einem anderen, möglicherweise infizierten Wesen. Alles Zwischenmenschliche ist in "Carriers" eine riskante Angelegenheit. Unaufhörliche Hygienemaßnahmen ersetzen längst die sozialen Kontakte. Da streift man sich erst Gummihandschuhe über und sprüht Türgriffe ab, bevor man sich vorstellt. Händeschütteln unter Fremden gilt als Körperverletzung mit Todesfolge, Küssen ist nur noch etwas für Lebensmüde.
Der Film der spanischen Brüder Álex und David Pastor begleitet vier Jugendliche beim Davonkommen. Danny (Lou Taylor Pucci), sein Bruder Brian (Chris Pine), dessen Freundin Bobby (Piper Perabo) und Dannys Schulkameradin Kate (Emily VanCamp) wollen an den Surferstrand ihrer Kindheit, irgendwo an der Westküste. Sie hoffen, sich dort vom Rest der Welt isolieren zu können und dabei schneller zu sein als die tödliche Krankheit. Auf ihrer Reise müssen die Vier um alles kämpfen. Um Benzin, Essen und vor allem um das gegenseitige Vertrauen. Und es ist erstaunlich, wie schnell die Protagonisten die Regeln dieses Dschungeldarwinismus begreifen. Wie abgeklärt und fast fröhlich sie manchmal in ihr Auto steigen. Und mit welcher Selbstverständlichkeit Kranke und Sterbende zurückgelassen werden.
Golfbälle in Fensterscheiben
Brian, ein durchtrainierter, großmäuliger Kerl, erweist sich als der taffeste, wenn es darum geht, infizierte Menschen ohne Verzug umzulegen. Will man weiterleben, darf man sich keine Schwachheiten erlauben.
Die Reise der Gruppe geht vorbei an menschlichen Resten und den Ruinen einer verkommenen Zivilisation. Einmal, in einem seiner besten Momente, atmet der Film kurz durch. Die Truppe rastet an einem verlassenen Sporthotel. Aufgekratzt schlägt man ein paar Golfbälle in die Fensterscheiben der Anlage. Man albert herum und liefert sich Rennen mit den Elektrocaddys einer ausgestorbenen Schicht. Die Apokalypse in "Carriers" hat noch Platz für diese kleinen utopischen Gesellschaftsspielchen und für pubertäre Auflehnung. Dann dominieren wieder die Bilder einer schwarzen Romantik und eines mit kühler Fotografie ästhetisierten Schreckens.
Verwesungs- und Chlordämpfe
Das alles passt gut zusammen. Todesangst und Endzeitstimmung sind seit jeher die romantischen Abgründe der Adoleszenz. Die Vorstellung, dass man einsam und unverstanden in einer öden Welt lebt, die allenfalls noch von begriffsstutzigen Zombies und natürlich den eigenen untoten Eltern bevölkert wird, gehört zum Heranwachsen wie Pickelstift, Camus und düstere Musik.
Das Kino liebt nichts so sehr, wie dieser morbiden Mystik seiner wichtigsten Zielgruppe die schillerndsten Projektionen zu liefern. In "Carriers" verschränkt es diese Untergangslust geschickt mit der Sehnsucht nach der ersten großen Liebe zu einem unauflösbaren Widerspruch. Denn der erste Kuss, die erste Nacht, der erste hemmungslose Austausch von Körpersäften darf auf gar keinen Fall stattfinden. Kein Fummeln, kein Flirten, stattdessen nur Regeln und Domestos.
Wofür soll man da eigentlich überleben? Doch am Ende keimt auch in "Carriers" das Glück auf: zwischen den Verwesungs- und Chlordämpfen eines pervertierten Paradieses.
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Ich möchte nur mal anmerken, dass der Film schon 2006 abgedreht wurde. Es war eher der plötzliche Star-Trek-Ruhm des Hauptdarstellers Chris Pine, der eine Veröffentlichung auf einmal sinnvoll erschienen ließ. mehr...
Was soll das dieses pseudo-ironische Gelaber? Sind Sie beide die cool distanzierten Skeptiker, die über den Dingen stehen und bei jeder Gelegenheit mit ihrem sensationellen Zynismus glänzen? Es geht hier es um einen Film, [...] mehr...
Sind! Die sind sogar schon alle tot, hat nur noch keiner gemerkt vor lauter Wahl! mehr...
Dann hätten die aber einen verdammt schlechten Job gemacht, respektive die Lobbyarbeit nach dem Aufgleisen der Produktion eingestellt und das Marketing komplett verschlafen. Zumindest wurde der der Film bisher von den Kinos [...] mehr...
Zum Thema Schweinegrippe sollte man immer bedenken, wer denn in Mexico und USA daran gestorben ist. Es waren auffallend Menschen aus der Unterschicht, die sich keine Krankenversicherung leisten konnten. An der normalen [...] mehr...
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