ThemaKinoRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
28.10.2009
 

Filmspektakel "This Is It"

Mit Michael Jackson in die Event-Ära des Kinos

Von Hannah Pilarczyk

Jackson-Filmpremiere: Globaler Glitzerhandschuh
Fotos
Sony Pictures

Kein Film wird in den nächsten Wochen für ähnlichen Wirbel sorgen wie Michael Jacksons "This Is It". Der Hype ist kühl berechnet: Mit hohen Preisen, verkürzten Laufzeiten und Megastars forciert die Kinobranche den Wandel des klassischen Filmabends zur exklusiven Fanveranstaltung.

"Boah, ist der aber alt geworden!", rutscht es einem Kinozuschauer heraus, als Michael Jackson zum ersten Mal auf die Bühne tritt. Vorher haben seine Tänzer erzählt, wie die Proben mit ihrem Idol waren. Und tatsächlich: Im Vergleich zu den aufgeregten Mitzwanzigern wirkt Jackson auf seine Art alt. Falten um Mund und Nase sowie Ringe unter den Augen zeichnen sich ab, gegenüber seinen Mitarbeitern gibt er sich altersmilde. Nur die orangefarbene Röhrenhose sitzt wie bei einem 15-Jährigen: Michael Jackson ist klapperdürr.

"Dies ist besser als ein Konzert!", hat zuvor Background-Sänger Darryl Phinnessee in eine Fernsehkamera gesagt. Es ist die Weltpremiere von "This Is It" - dem Film von den Proben zu Michael Jacksons gleichnamiger Comeback-Konzertreihe. In der Nacht zu Mittwoch wird die Show aus dem Staples Center in Los Angeles in Kinos auf der ganzen Welt übertragen. In Berlin sind rund tausend Fans ins Sony Center am Potsdamer Platz gekommen, um sich erst die Übertragung vom Roten Teppich, dann den Film selbst anzuschauen - bis 4 Uhr morgens. "Das waren wir ihm einfach schuldig", sagt die 18-jährige Schülerin Alisha, die noch Herbstferien hat und die Nacht durchmacht.

Was sie zu sehen bekommt, ist in mancherlei Hinsicht tatsächlich besser als ein Konzert.

Aus über hundert Stunden Filmmaterial hat der Regisseur der Shows, Kenny Ortega ("High School Musical"), knapp 110 Minuten ausgewählt. Sie zeigen einen augenscheinlich gesunden Michael Jackson, der keine Kompromisse kennt: Er weiß, wie die Keyboards zu klingen haben und wann die Pyro-Effekte einsetzen müssen. Es wäre eine perfekte Show geworden, hätte Jackson sie in der Londoner O2-Arena tatsächlich zeigen können: die Hits, die Tanzschritte, die Spezialeffekte - alles wäre dabei gewesen. Aber es wäre auch eine Show geworden, in der keine Sekunde Raum für Improvisationen und spontane Interaktion mit Band oder Publikum gewesen wäre. Sogar die Danksagungen an seine Familie hat Jackson geprobt.

"Gott segne dich!"

Bei "This Is It" sind die Brüche noch sichtbar, die kleinen Auseinandersetzungen zwischen Regisseur und Megastar, dessen Abgeklärtheit, aber auch dessen Schrulligkeit. Wenn er gelobt wird, sagt Jackson stets wie aus der Pistole geschossen: "God bless you!". In Berlin erntet er dafür Lacher, ansonsten gehen seine Fans aber bedingungslos mit: Sie singen bei "The Way You Make Me Feel" mit, bei "Smooth Criminal" reißt es Einzelne aus ihren Kinositzen. Zum Schluss gibt es begeisterten Applaus, der nur wegen der frühmorgendlichen Uhrzeit nicht besonders lang ausfällt.

Auf 935 Leinwänden ist "This Is It" in Deutschland zu sehen. Offiziell nur für zwei Wochen, doch da Rekordumsätze als gesichert gelten - Schätzungen gehen von 70 bis 100 Millionen Dollar allein für die ersten fünf Tage aus -, wäre alles andere als eine Verlängerung der Laufzeit eine mittelgroße Überraschung.

So spektakulär sich die PR-Kampagne für "This Is It" auch ausnimmt, sie verdichtet nur, was sich in der Filmbranche schon länger abzeichnet: die Eventisierung des Kinobesuchs. Tickets werden verknappt, Laufzeiten verkürzt und Stars ins Rennen geschickt, bis sich der einfache Kinoabend wie eine exklusive Fan-Veranstaltung anfühlt.

Vorgemacht hat es ausgerechnet Teenie-Star Miley Cyrus. Im Februar 2008 lief ihr Konzertfilm "Hannah Montana - Best of Both Worlds Concert Tour" in den USA an und wurde zum Überraschungserfolg des Winters. Eigentlich nur für eine Woche angesetzt, brach der Film alle Einnahmerekorde an einem Super-Bowl-Wochenende. Prompt wurde die zeitliche Beschränkung aufgehoben.

Auch Öko setzt auf Spektakel

Seitdem hat auch Robbie Williams zum Beispiel das Kino als Bühne für sich entdeckt. Sein Londoner Comeback-Konzert wurde am 20. Oktober in über 250 Kinos in 23 Ländern per Satellit übertragen. Von überall wurden ausverkaufte Säle und zwischen den Sitzreihen tanzende Fans gemeldet - einen Eintrag fürs "am häufigsten simultan gezeigte Live-Konzert" im Guinness Buch der Rekorde gab's dafür auch: ein echtes Spektakel braucht natürlich eine Rekordmeldung.

Johannes Klingsporn vom Verband der Filmverleiher (VdF) sieht vor allem die Digitalisierung als Ursache für den neuen Vermarktungstrend: "Digitales Material lässt sich schneller und günstiger verbreiten. So können Filme zeitgleich auf der ganzen Welt gezeigt und vermarktet werden." Internetdienste wie Facebook oder Twitter würden außerdem dafür sorgen, dass sich Filme innerhalb kürzester Zeit zum Gesprächsstoff entwickelten.

Die Eventisierung ist aber nicht auf bestimmte Genre beschränkt: Die Öko-Dokumentation "The Age of Stupid" stemmte ihre Weltpremiere im September sogar in 700 Kinos in über 50 Ländern. Ein "green carpet" aus Recycling-Material und Stars wie Kofi Annan oder Gillian Anderson sorgten für den nötigen Marketing-Sexappeal.

Dass sich unter den neuen Kinospektakeln besonders viele Konzertfilme finden, ist kein Zufall: Das Filmgeschäft hat bei der bereits komplett von der Digitalisierung umgekrempelten Musikbranche abgeguckt. Dort wurde das Live-Erlebnis als letzter verlässlicher Fan-Magnet erkannt und die Ticketpreise für Konzerte entsprechend in die Höhe geschraubt.

Champagner zum Vorfilm

Wie sich dieses Prinzip aufs Kino übertragen lässt, zeigt die Berliner Astor Film Lounge. Hier bezahlten Robbie-Fans ohne zu zögern zwischen 18 und 22 Euro, um sich sein Electric-Proms-Debüt anzuschauen. Vom durchschnittlichen Konzertpreis ist das noch weit entfernt, vom normalen Kinopreis aber auch: Die Blockbuster, die das Charlottenburger Edelkino in der Regel zeigt, können Berliner am Kinotag anderswo für vier Euro sehen.

In der strukturschwachen Hauptstadt schrecken die hohen Ticketpreise trotzdem nicht ab: Die Exklusivität gefällt, auch wenn sie sich nur auf Innenarchitektur und Service, nicht das Filmprogramm erstreckt. Am Kurfürstendamm hatte man die Eventisierung des Kinos frühzeitig erkannt und den charmant aus der Zeit gefallenen "Filmpalast" vor einem Jahr als exklusive "Film Lounge" wieder eröffnet. Seitdem kann man sein Auto von einem Chauffeur im Parkhaus abstellen lassen und sich zum Vorfilm einen Champagner ordern.

Wo sich Erlesenheit nicht durch Ambiente oder wenige Vorstellungen erzielen lässt, da tut es auch die Technik: 3D wird als Garant für "ein völlig neues Filmerlebnis" umworben. Andreas Kramer von der Filmlobby HDF ist sich sicher: "Kein anderes Medium als Kino kann dieses Erlebnis bislang bieten." Die Zuschauer scheinen das ganz ähnlich zu sehen: Obwohl die ersten 3-D-Filme der neuen Generation erst seit dem Frühsommer laufen, häufen sich schon die Meldungen über gute Besucherzahlen und noch bessere Umsätze. Für 3-D-Vorstellungen werden drei bis vier Euro zusätzlich verlangt - eine Summe, die den Zuschauern der Abend mit Plastikbrille offensichtlich wert ist.

In der Filmbranche ist man wegen des guten Starts der 3-D-Filme gleich doppelt froh: nicht nur die Zahlen stimmen, vor allem gibt es noch keine Technik, mit der sich die aktuellen 3-D-Filme illegal mitschneiden oder Raubkopien erstellen ließen. Denn das ist schließlich das wichtigste an den neuen Filmspektakeln: Sie dürfen auf keinen Fall zu Hause auf dem Sofa - womöglich noch illegal - wiederholbar sein.

Nach "This Is It" steht auch schon das nächste, als einmalig umworbene Kinoerlebnis an: Am 17. Dezember startet James Camerons 3-D-Epos "Avatar". Auch wenn bislang nur ein zwölfminütiger Ausschnitt aus dem Science-Fiction-Film zu sehen war, gilt er schon jetzt als "greatest movie of all time". Und wer wollte nicht dabei sein, wenn der beste Film aller Zeiten anläuft?

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 11 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
01.11.2009 von mi_schmidt: Tolles Musikerlebnis

Jackson gedoubelt? Quatsch. Älter wirkend? Mag sein, er war ja auch schon 50. Tatsache ist, dass er für sein Alter unheimlich fit und geschmeidig wirkte (und alles andere als todkrank). Aber wenn man sich nicht gerade für [...] mehr...

30.10.2009 von flutter_by: The Show must go on

Vorneweg: Ich möchte hier meine Meinung zum Film kundtun und keine eine Grundsatzdiskussion vom Zaun brechen. Man kann von Jackson halten was man will, das soll hier nicht wieder Thema sein. Jedenfalls: Ich habe den Film [...] mehr...

29.10.2009 von frubi: .

Die Kuh wird noch Jahrzehnte gemolken. Siehe Evlis und co. Es geht hier nicht um die Person Michael Jackson sondern um das Kunstprodukt. Die Marke Jackson. Mit "menschlich" hat das überhaupt nichts zu tun. Die Fans [...] mehr...

29.10.2009 von LaMoni: Ich glaube...

...Michael Jackson war sehr am Wohl der Menschheit und ihrer Umwelt interessiert. Aber: Er wurde stets missverstanden und zum Schluss erniedrigt und verspottet, als Junkie beschimpft von Menschen, die kaum über ihn wussten, als [...] mehr...

28.10.2009 von grashalm: The kid is not my son

[QUOTE=sysop;4488948]Kein Film wird in den nächsten Wochen für ähnlichen Wirbel sorgen wie Michael Jacksons "This Is It". Der Hype ist kühl berechnet: Mit hohen Preisen, verkürzten Laufzeiten und Megastars forciert die [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Kino
alles zum Thema Kino

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP