ThemaDurchgeblicktRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
04.11.2009
 

Wirtschaftssatire "Der Informant!"

Münchhausen der Marktwirtschaft

Von Christian Buß

Raubtierkapitalismus mit Streichelzoo-Charme: Matt Damon führt in "Der Informant!" als putziger, pummeliger Spitzenmanager das FBI und die Lebensmittelindustrie hinters Licht. Kapitalismus wird zum Bonzenklamauk, zur Krankengeschichte eines Lügners.


Der Mann ist ein Kämpfer. Wie der junge Tom Cruise in der John-Grisham-Verfilmung "Die Firma" zieht er gegen Gier, Lug und Betrug zu Felde. Das System ist unübersichtlich, sein Wille stark. Und so geht Mark Whitacre (Matt Damon), Spitzenmanager eines Lebensmittelkonzerns im Mittleren Westen, unerbittlich gegen illegale Preisabsprachen, schwarze Konten und Korruption vor, in seinem Konzern, in seiner Branche. Bald steht ihm das FBI zur Seite. Der Mann aus Illinois wird für die Bundespolizei zur Schlüsselfigur im nationalen Krieg gegen die Gier.

Die Sache hat nur einen Haken. Mark Whitacre ist ein notorischer Lügner. Die meisten Rechtsvergehen seines Arbeitgebers denkt er sich selbst aus und versucht, für sich einen Vorteil rauszuschlagen.

In den Wirtschaftskrimis und Spionagethrillern von John Grisham und Michael Crichton findet er die Stichworte dafür. Er kombiniert sie nur mit seinen intimen Kenntnissen über die Company, den Rest erledigt seine sympathisch kindliche Phantasie. 0014 nennt er sich selbst - "weil ich doppelt so schlau bin wie 007".

Den Möchtegern-Bond hat es wirklich gegeben. Mitte der Neunziger hat Mark Whitacre Archer Daniels Midland (ADM) ins Wanken gebracht, immerhin einen der 30 größten US-Konzerne. Sieben Millionen Dollar soll er am Ende auf illegalen Konten geparkt haben. Vielleicht waren es auch neun, so richtig Buch geführt hat niemand darüber, Whitacre selbst hatte am Ende keinen Überblick mehr. Um der kriminalistischen Neugier des FBI Futter zu geben, manipulierte und fabulierte er lustig in alle Richtungen drauflos - und konnte zwischen Trug und Realität irgendwann nicht mehr unterscheiden.

Immer neu beschlipst, immer neu geföhnt

Steven Soderbergh, der gerade erst mit seinem "Che"-Zweiteiler die Revolution begraben hat, legt jetzt mit "Der Informant!" einen sonderbaren Abgesang auf den Kapitalismus vor: Statt einer Börsengötterdämmerung in Pechschwarz hat er eine Wirtschaftsklamotte in Pastellfarben gedreht. Gelegentlich wirkt sein Film wie eine späte Folge der Kapitalisten-Soap "Dallas", mit dem rustikalen Rancher-Chic und den beigen Hotellobbys.

Raubtierkapitalismus? Nein, eher Streichelzoo-Feeling. Denn wenn hier ein um 15 Kilo angespeckter Matt Damon als windiger Quasselkopp mit sonderbar verrutschtem Rechtsbewusstsein mit immer neuen Sportwagen vor seinem Kleinfamilienheim auffährt, kann man ihm nicht so recht böse sein. Der Mann ist kein Protzer, kein Bösewicht, kein Hai im Nadelstreifenanzug. Mit dem gegelten Börsenguru Gordon Gekko aus "Wall Street", der die Yuppie-Folklore der 80er Jahre maßgeblich mitbegründete, hat der pummelige Schnauzerträger so gar nichts gemein.

Und doch verkörpert er das Gewinnmaximierungsprinzip auf seine Weise viel brutaler als andere, das ist der perfide Dreh in diesem durch und durch putzigen Bonzenklamauk. Denn hier haben wir jemanden, der zu seinem eigenen Vorteil so viele Lügen in die Welt setzt, bis er sie am Ende selbst glaubt. Er meint doch zum Beispiel allen Ernstes, dass man ihn in dem Unternehmen, das er mit seinen Intrigen in den Ruin zu treiben droht, nach reinigender Gerichtsverhandlung und Entlassung aller Vorstände in eine noch höhere Position versetzen wird. Kapitalismus als Krankengeschichte eines pathologischen Lügners.

Vorne Mais, hinten Profit

Obwohl Soderbergh sein Dollar-Lustspiel aus den fröhlichen Tagen der frühen 90er Jahre salopp inszeniert hat, mutet er dem Zuschauer einiges zu. Im Gewimmel immer gleich beschlipster und föhnfrisierter Anzugträger verliert man leicht den Überblick, wer hier eigentlich welchen Dreck am Stecken hat. Das Chaos ist durchaus dem Erzählprinzip geschuldet. Schließlich führt uns der (immer anders beschlipste, immer neu geföhnte) Filmheld Whitacre mit einem inneren Monolog durch die Handlung, und der liebenswerte Psycho verfügt nun mal über eine ganz eigene Weltsicht. Absolute Wahrheiten werden in diesem Film nicht präsentiert.

So hält er uns bei Laune, dieser Münchhausen der Marktwirtschaft, dieser Ulysses des Corporate America. Wie in James Joyces gleichnamigem Roman wird das Publikum mit dem schier unerschöpflichen Gedankenstrom des Protagonisten konfrontiert. Und worüber sinniert der Dollarjongleur so beim Dollarjonglieren? Über Krawatten, Eisbären, Flugmeilen und Automaten, mit deren Hilfe Tokioter Geschäftsmänner die gebrauchte Unterwäsche junger Frauen käuflich erwerben können.

Nur ganz selten kommt Whitacre, der gelernte Biochemiker, auf Dinge zu sprechen, die seine Arbeit betreffen. Zum Beispiel auf die Möglichkeiten, die der Lebensmittelzusatzstoff Lysin für seinen Industriezweig bereithält. Die Feinheiten dieses Produktionsprozesses sind den Aktionären des von ihm mitgeführten Unternehmens allerdings herzlich egal, da macht sich Whitacres keine Illusionen: "Die interessieren sich nur dafür, dass vorn Mais hineingeschüttet wird und hinten Profit rauskommt."

Warum also die Welt mit Wahrheiten langweilen, wenn die Lüge die interessanteren Verkaufsargumente liefert?

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 4 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
01.12.2009 von nicolas1969: Dumm ist nur...

Ich hab den Film gesehen. Wunderbar, wenn man Geduld hat. Oceans 11/12/13 Fans sollten allerdings Abstand nehmen. Das Skript is exzellent, leider habt ihr vom Spiegel die Sache ein wenig verdorben. In den Annoncen die ich über den [...] mehr...

05.11.2009 von Francesc: Wirtschaftssatire

Also bei mir steht da: ---Zitat--- Den Möchtegern-Bond hat es wirklich gegeben. Mitte der Neunziger hat Mark Whitacre Archer Daniels Midland (ADM) ins Wanken gebracht, immerhin einen der 30 größten US-Konzerne. [...] mehr...

05.11.2009 von manolousa: Nicht nur Satire sondern auch Realität

Der Artikel geht in keinster Weise auf die Tatsache ein, dass hier eine wahre Geschichte vorliegt, die, wenn auch teilweise überzeichnet, tatsächlich stattgefunden hat. Dies ist ein wichtiges Detail, das nicht vergessen werden [...] mehr...

04.11.2009 von jackweil: Wirtschaftssatire

Muss erst den Film sehen bevor ich hier mitreden kann. Freu mich auf M. Damon und St. Soderbergh mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Kino
alles zum Thema Durchgeblickt

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



"Der Informant!"

(USA 2009)

Regie: Steven Soderbergh

Buch: Scott Z. Burns (Drehbuch) und Kurt Eichenwald (Buchvorlage)

Darsteller: Matt Damon, Melanie Lynskey, Scott Bakula

Produktion: Groundswell Productions/Participant Productions/Warner Independent Pictures

Länge: 108 Minuten

Start: 5. November 2009

Offizielle Website zum Film







TOP



TOP