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03.12.2009
 

Schweiger-Klamotte "Zweiohrküken"

Schwänzchen in der Krise

Von Christian Buß

Jeder geht anders mit Beziehungsproblemen um: Männer brechen Nasen, Frauen kaufen Dessous. Nach dem Kassenerfolg "Keinohrhasen" bringt Til Schweiger nun den Nachfolger "Zweiohrküken" in die Kinos - eine Machoklamotte mit gestrigem Geschlechterbild und unglaublich ungelenkem Witz.

Der Alptraum beginnt, als der Held des Films die Augen aufschlägt. Ein gut 30 Zentimeter langes Gemächt baumelt da vor seiner Nase. Es gehört ausgerechnet zum Ex-Freund der Freundin, und über dessen sagenhafte Potenz hatte Ludo (Til Schweiger) schon in den heimlichen Aufzeichnungen von Anna (Nora Tschirner) gelesen. Nun also wohnt Ralf (Ken Duken), der Entwicklungshelfer und Frauenversteher, der Gutmensch und Superschwanz, für einige Tage beim ewig streitenden Pärchen. Klar, dass da Ludos eher beschränktes männliches Selbstverständnis auf den Prüfstand kommt.

Die Rolle des strauchelnden Machos hat sich Til Schweiger auf den eigenen durchtrainierten Leib geschrieben. Wer könnte, so die Selbsteinschätzung des Unterhaltungskünstlers, besser den breitbeinigen Loser Ludo geben als das ewige Testosteron-Männchen Schweiger? Und der Erfolg gibt ihm im gewissen Sinne Recht: Als Drehbuchautor, Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller zog er vor zwei Jahren mit seinem ersten Ludo-Abenteuer "Keinohrhasen" mehr als sechs Millionen Zuschauer in die Kinos.

Umso erstaunlicher, dass Schweiger mit diesem Kassenhit im Rücken immer noch jede Art von Selbstironie abgeht. Denn auch "Keinohrhasen"-Nachfolger "Zweiohrküken" ist nun bei allem weichgezeichneten Männer-Läuterungstheater (in fast jeder Szene fackelt unmotiviert ein Meer von Kerzen vor sich hin) ein wahres Hetero-Stahlbad geworden. Klar, immer wieder hält Schweiger als Probe-Kindergärtner Ludo selbstgenähte behinderte Tierpuppen in die Kamera und sagt dazu Besinnliches in Babysprache auf. Aber im Grunde genommen geht es wieder nur um einen Parcours machistischer Selbstprüfungen.


Am deutlichsten wird das vielleicht an der homophoben Pointe, die sehr umständlich schon in "Keinohrhasen" in Szene gesetzt wurde, um nun in "Zweiohrküken" noch einmal richtig platt gewalzt zu werden. Damals rächte sich Ludo an einem gemeinen Taxifahrer, indem er dessen Kollegen suggerierte, der Fiesling biete Fahrgästen gegen Bares Liebesdienste an. Jetzt legt Ludo noch mal bei einem anderen Taxifahrer nach: "Sag deinem Kollegen, er bläst richtig gut." Oralverkehr unter Männern - das gilt in der kleinen, gestrigen Welt Til Schweigers noch immer als größtmögliches Sittenvergehen.

Til ist Ludo, Ludo ist Til

Erstaunlich ist, dass sich der Filmemacher und Hauptdarsteller in keiner Weise von seiner Figur distanziert: Til ist Ludo, Ludo ist Til. Das lässt sich schon daran erkennen, dass der staksige Stenz in "Zweiohrküken" agiert wie der staksige Stenz in der Castingshow "Mission Hollywood". In der RTL-Sendung ließ Schweiger Anfang des Jahres junge Möchtegernschauspielerinnen vorführen: Stotternd wies der vermeintliche Hollywood-Star seine Casting-Opfer zu Übungen an, für die er in jedem anständigen Rotlicht-Etablissement hätte bezahlen müssen. Gelegentlich saß ihm als Co-Juror sabbernd sein alter Freund Heiner Lauterbach zur Seite.

Die Sendung wurde wegen katastrophaler Zuschauerzahlen bald von der Prime Time in den Nachmittag verbannt. Keine Schmach eigentlich, denn RTL hat auch schon ganz tolle Eigenproduktionen mangels Erfolg aus dem Programm gefegt. Doch bei Schweiger muss der Selbstzweifel in Sachen "Mission Hollywood" tief sitzen, ist er doch der einzige Filmemacher in Deutschland, der Qualität komplett mit Quote gleichsetzt. Wer als Regiekollege mit einer Produktion an der Kinokasse unter der 100.000-Zuschauer-Grenze bleibt, wird von ihm gnadenlos verhöhnt. Der Quotenvergleich, er klingt bei Schweiger immer nach Penisvergleich.

So gesehen muss Filmstar Til nach der "Mission Hollywood"-Pleite unter ähnlichen Qualen leiden wie der quasi-entmannte Filmheld Ludo. Die romantische Komödie als körperliche Leistungsschau: "Zweiohrküken" (Co-Autorin: Anika Decker) ist weniger die Demontage eines Schwänzchen in der Krise geworden als ein schmerzhafter männlicher Selbstvergewisserungstrip. Dass sich Schweiger dafür in Frauenfummel wirft, seinen alten Saufkumpan (schon wieder Heiner Lauterbach) auf den Mund küsst und sich schließlich eine Ladung menschlicher Exkremente an den Kopf schmeißen lässt, macht die Sache nicht besser. Und schon gar nicht lustiger.

Grobes Geschlechterbild

Letztlich bestätigt nur jede einzelne Szene das grobe Geschlechterbild ihres Machers. Wenn es in der Beziehung mal nicht so gut läuft, brechen Männer die Nasen ihrer Konkurrenten, während Frauen Dessous einkaufen. Da helfen auch nicht die Auftritte von Co-Star Tschirner, die für einige ganz wenige amüsante Momente sorgt: Das andere Geschlecht kommt hier ganz schlecht weg. Wer sich als Weib zum Beispiel nicht dem Diktat der Intimrasur unterwirft - offensichtlich eine große Obsession Schweigers, die er hier nun schon zum zweiten Mal ausführlichst thematisiert -, hat nichts zu lachen.

Nein, einige Sünden kann man Frauen nun mal nicht vergeben. Dabei gibt sich der Held in "Zweiohrküken" doch so nachdenklich und zerknirscht, als er nach der Trennung in einer Weichspülerendlosszene am schönen Ostseestrand spazieren geht. Zu Tränen gerührt von der eigenen Empfindsamkeit, schreibt er schließlich der verlassenen Frau lange Briefe. Er würde sie sogar lieben, barmt er darin, wenn sie sich nicht die Scham und die Achseln rasierte. Dann steht die Umschwärmte plötzlich leibhaftig auf einer verwehten Düne lächelnd neben ihm - und unter den Armen wuchern lange dunkle Haare. Doch keine Angst: Sind nur angeklebt, die Achselbüschel, höhö.

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insgesamt 214 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
06.01.2010 von Ralph Conway: Ich gestehe ...

... nachdem mir unterbelichtetem Proll schon "Keinohrhasen" wunderbar gefallen hat, habe ich mich Heute mit meiner Freundin, verschämt alibimäßig die Aushangfotos der anderen Filme betrachtend - in der Hoffnung niemand [...] mehr...

29.12.2009 von uknox: .

es ist wohl eher so dass die kritiker und preisverleiher eingeschnappt sind weil schweiger sie nicht ernst nimmt. und obwohl ich schweigers filme und schauspielkunst auch nicht sonderlich schätze hat er doch mit seiner ignoranz [...] mehr...

29.12.2009 von README.TXT: Der arme Schweiger Till

Keiner nimmt ihn ernst, von denen er doch so gerne geliebt werden will: Den Kritikern, den Preisverleihern. Da lockt er ein Haufen Leute in die Kinos, macht sogar Gewinn und die Kritiker sind nur am nörgeln, wieder keinen Preis [...] mehr...

29.12.2009 von rudolfplank: Wir sollten uns wehren

Ich war nach meinem Kinobesuch absolut entäuscht. Nicht, dass ich ganz großes Kino erwartet hätte, aber nach Keinohrhasen etwas, das spass macht. Was ich gesehen habe, erinnert mich sehr an das, was einige Bankmanager [...] mehr...

21.12.2009 von krezz: stimmt

Nachdem ich das Interview gelesen habe, muß ich diesen Eindruck bestätigen. Kommerziell orientierte Filme wie die des Herrn Schweiger sind m.E. notwendig, um den anspruchsvolleren, potentiell verlustträchtigen 'Autoren'- [...] mehr...

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