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10.12.2009
 

Kinodrama "Liebeslied"

Swing mit dem Siechtum

Von Birgit Glombitza

Kranken-Musical "Liebeslied": Tanz der Trauer davon!
Fotos
Zorro Film

Filme über Schwerkranke wirken immer ein bisschen malade. "Liebeslied", das Kinodebüt von Anne Høegh Krohn, schwächelt sogar auf ganzer Linie: Die Geschichte eines Parkinson-Patienten inszeniert sie als Musical mit Gesang und Tanz - und scheitert am Spagat zwischen Tragik und Heiterkeit.

Roger und Dinah sind ein hübsches Paar, glücklich miteinander und einigermaßen zufrieden mit ihrem Auskommen als Kassiererin und Zimmermann. Sie sind um die Dreißig, haben zwei Kinder, nichts Größeres mehr vor und wohnen in einem eigenen Häuschen, das sie vielleicht niemals abbezahlen können. Doch das ist egal. Solange die Liebe alles zusammen hält.

Einmal die Woche türmen sich Dinah und Roger die Haare hoch, schlüpfen in selbstgeschneiderte Ballkleider und gehen zum Formationstanzen. Doch wenn die beiden sich mit anderen Amateuren in umständlichen Symmetrien anordnen, ist da nichts von diesem stählernen Lächeln, den zackigen Kopfschwüngen und jener fast schon militärischen Nahkampfbereitschaft, die man aus sonntäglichen Fernsehübertragungen von Tanzmeisterschaften kennt. Im Gegenteil, das Geschiebe und Gehebe sieht immer noch genauso hübsch, retro-stylish und cool aus wie die beiden Hauptpersonen selbst. Und mit ihnen der gesamte Film "Liebeslied", dem man irgendwie nicht abkaufen mag, dass er im ostdeutschen Halle und in einfachsten Verhältnissen spielt - und nicht in einer Kreativen-Community in der hippsten Ecke Berlins.

Ein bisschen Revue, ein bisschen Elvis, eine größere Portion verspielter Hochschulfilm, das ist der brüchige und etwas gewollte Look der ersten Kinoproduktion der Norwegerin Anne Høegh Krohn, die mit ihren großen ("Geld macht sexy", 2002) und kleinen Fernsehspielen ("Fremde Freundin", 1999) dem TV-Publikum in guter Erinnerung sein müsste. Mit "Liebeslied" hat sie sich nun nicht nur ein ästhetisches Oberflächenproblem eingehandelt, sondern vor allem ein erzählerisches und konzeptionelles Dilemma.

Den größten Hammer herausgeholt

Denn um den Plot auf melodramatischen Kurs zu bringen, holt Høegh Krohn den größten Hammer heraus, den sie finden konnte: eine schwere Krankheit. Parkinson. Nun wirken Filme über Kranke selbst immer ein bisschen malade. Da gibt es eine Dramaturgie, die humpelt, weil sie aus alltäglichen und näherliegenderen Erschütterungen keine Erzählung zu spinnen weiß und den medizinischen Notfall braucht, um überhaupt irgendeine Zuspitzung hinzubekommen. Protagonisten, die nicht durch ihre Charakterzüge interessant werden, sondern allein durch ihre biologischen Defekte, haben per se etwas Schwindsüchtiges. Und einer Kamera, die nichts anderes aufzuzeichnen hat, als anderen beim Leiden zuzuschauen, haftet schnell etwas Zwanghaftes an.

Ein Film über einen liebenswerten Zimmermann und Familienvater, der an Parkinson erkrankt, bewegt sich also auf schwierigem Terrain. Die Entscheidung, den Patienten auch noch singen zu lassen und ihn traurig intonierend durch das Räderwerk der Diagnostik und einen immer schwerer zu bewältigenden Baustellenalltag zu schicken, ist jedoch in seiner Albernheit noch schwerer nachzuvollziehen als ein Medikamenten-Beipackzettel.

"Liebeslied" ist also nicht nur ein Krankenfilm, sondern ein Kranken-Musical geworden. Man mag die Waghalsigkeit aller Beteiligten zu einem solchen Unterfangen bewundern oder einfach nur fassungslos auf eine Leinwand starren, auf der ein wackerer Nervenkranker und seine tapfere Frau sich singend und weinend ihrem Schicksal stellen. Als sei Parkinson eine Herausforderung, die man nur, womöglich singend, zu nehmen wissen muss.

Verspieltheit einer Clownsnasen-Nummer

Musik und Songs zum Siechtum haben sich zwei Mitglieder der Rockband Selig, Jan Plewka und Christian Neander, ausgedacht und zusammen mit der Schauspielerin Nicolette Krebitz auf die jeweiligen Szenen abgestimmt. Ginge es nicht um diese furchtbare Krankheit, die selbst aus stolzen Brocken und wortgewandten Provokateuren wie Muhammad Ali ein trauriges Häuflein Mensch macht, könnte man sich die Duette über Liebe, Zweifel, Hoffnung vielleicht gefallen lassen. Doch wenn Krebitz als Kassiererin Dinah ihrem auf dem Boden liegendem Mann (Plewka) ein Kissen unter den steifen Kopf schiebt und ihm dann ihre Zweifel vorsingt, wie sie das alles allein mit den Kindern, der Krankenpflege und dem Gelderwerb schaffen soll, kann auch ihre angenehme, stets etwas verschlafen klingende Stimme die Situation nicht vor Lächerlichkeit schützen.

Der Film unternimmt an solchen Engstellen gern Ausflüge ins Zirkushafte oder in die Revue, augenscheinlich in der Hoffnung, in der schönen Überdrehtheit von Filmen wie Danny Boyles "Lebe lieber ungewöhnlich" oder gar Woody Allens "Alle sagen: I Love You" zu landen. Doch die Leichtigkeit, die ein paar Tanzschritte im Disco-Licht besorgen sollen, und die Verspieltheit etwa einer Clownsnasen-Nummer bleiben schrecklich kunsthandwerklich und verlogen. Zudem ist ein Nervenkranker, der seinem Rollstuhl mit einem Lied auf den Lippen entfliegt, bei allem ganz offensichtlich gewollten Trash und Kitsch dann doch zu abgeschmackt.

"Liebeslied" kränkelt an seinem naiven Glauben, von bleischwerer Tragik und summender Heiterkeit gleichzeitig erzählen, sogar singen zu können. Dabei gelingt ihm weder das eine noch das andere. Ein Neurologen-"Tabaluga" ist es am Ende geworden, mit geflügelten Kindern und einem in Formation um eine verniedlichte Krankheit tanzenden Ehepaar.

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