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21.12.2009
 

Star-Regisseur Cameron

"Wir entwickeln uns zur Avatar-Gesellschaft"

Sein 3-D-Spektakel "Avatar" ist der teuerste Film der Geschichte - und könnte das Kino grundlegend verändern. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht Regisseur James Cameron über das boomende Blockbuster-Business, pöbelnde Science-Fiction-Fans und die Verfettung des Menschen.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Cameron, Sie sind ein leidenschaftlicher Taucher, der sich oft auf dem Grund des Ozeans tummelt, und Sie drehen in regelmäßigen Abständen die teuersten Filme aller Zeiten. Lieben Sie es, unter größtmöglichem Druck zu sein?

James Cameron: Was gibt es Schöneres im Leben, als zum Grund des Ozeans zu tauchen oder aufwendige Filme zu drehen? Das ist meine Definition von Spaß. Manche Menschen lieben es, durch den Park zu schlendern. Andere steigen auf Berge. Ich bin nicht für den Park gemacht. Nachdem ich fünf Jahre lang im Ozean an Expeditionsfilmen wie "Ghosts of the Abyss" gearbeitet hatte, wollte ich einen Spielfilm drehen, der mich ähnlich zwingt, bis an meine Grenze zu gehen. Jeder Film muss mich vor neue Herausforderungen stellen - technisch oder künstlerisch. Den größten Druck mache ich mir selbst.

SPIEGEL ONLINE: Macht man nur dann einen guten Film, wenn man so tief wie möglich in ein Projekt eintaucht, wenn man komplett darin versinkt?

Cameron: Klar, du musst darin versinken, aber wie beim Tauchen musst du einen extrem präzisen Plan haben, wo du hin willst. Folgst du ihm nicht, bist du erledigt. Das war bei "Avatar" aber kaum möglich, weil es eine lange Phase gab, in der wir experimentieren, nach Versuch und Irrtum vorgehen mussten. Denn vieles von dem, was wir machen wollten, hatte noch nie jemand vor uns gewagt. Wir konnten maximal für den nächsten Monat planen. Es gab nie einen Plan für die zwei Jahre, die wir den Film gedreht haben. Wie sagte doch einst Donald Rumsfeld über den Irak-Krieg: "It's a fluid situation."

SPIEGEL ONLINE: Wie lange brauchen Sie für die Dekompression von einem Film wie "Avatar"?

Cameron: Keine Ahnung, so lange war ich noch nie untergetaucht. Könnte dauern. Aber ich bin wirklich erleichtert. Alle Entscheidungen sind getroffen. Ob es die richtigen waren, wird sich zeigen. Jetzt liegt alles Weitere in den Händen des Schicksals.

SPIEGEL ONLINE: Schicksal? Das klingt ja fast fatalistisch! Spielen Sie nicht selbst gern Gott?

Cameron: Nein, ich spiele nicht Gott! Sehe ich etwa so aus? Jeder Regisseur ist ein Gott auf seinem Set, aber wenn er nach Drehschluss nach Hause kommt, ist es schnell vorbei damit.

SPIEGEL ONLINE: Ist "Avatar" wirklich der Film eines Regisseurs? Oder nicht doch das Werk eines Schöpfers? Sie erschaffen eine eigene Welt mit blauhäutigen Eingeborenen, fremdartigen Tieren und einer Flora wie in einem Feenwald.

Cameron: Jeder Regisseur erschafft seine eigene Welt.

SPIEGEL ONLINE: Aber doch nicht komplett am Computer. Haben Sie überhaupt in der freien Natur gedreht?

Cameron: Wir haben nicht eine einzige echte Pflanze benutzt! Viele Leute glaubten, dass wir in Neuseeland gedreht haben, weil es dort Regenwald gibt. Klar waren wir im Regenwald - zwischendurch, zur Erholung. Gedreht haben wir im Studio. Sicher liegt eine gewisse Ironie darin, dass wir die Natur in "Avatar" feiern, indem wir eine ganz und gar künstliche Natur am Computer erschaffen. Wir erweisen der Natur unseren Respekt, indem wir uns Tausende von Stunden lang an zig Computern quälen, um Pflanzen und Tiere zu erschaffen, die möglichst echt und lebendig wirken. Wir verbreiten keine "Rettet den Regenwald"-Parolen.

SPIEGEL ONLINE: Wirklich? In einer sehr pathetischen Sequenz wird ein riesiger, viele Hundert hoher Meter Baum mit Raketen und Bomben zu Fall gebracht. Ist das nicht doch eine Film gewordene Parole?

Cameron: Wenn man so will, ist "Avatar" von der ungeheuren Vielfalt der Natur beeinflusst, die wir Menschen gerade in Windeseile zerstören. Es gibt Korallenriffe, zu denen ich vor 30 Jahren getaucht bin, von denen heute kaum noch was übrig ist. Man kann förmlich zusehen, wie die Vielfalt schwindet. Wenn ich tauche, werde ich damit laufend konfrontiert.

SPIEGEL ONLINE: Vor über 25 Jahren ließ der Regisseur Werner Herzog für seinen Film "Fitzcarraldo" einen echten Urwaldriesen fällen. Ihr digitaler Baum in "Avatar" ist zigmal höher, wächst scheinbar in den Himmel. Und dennoch wirkt es nicht so erhaben und erschütternd, wenn er zu Boden geht wird, wie bei Herzog.

Cameron: Was wollen Sie damit sagen?

SPIEGEL ONLINE: Dass wir uns im Kino schwerer tun, digital erschaffene Pflanzen zu akzeptieren als digital erschaffene Raumschiffe, weil Raumschiffe ohnehin Artefakte sind, Pflanzen aber nicht.

Cameron: Das ist eine philosophische Frage. Ich habe versucht, eine Natur zu erschaffen, wie man sie noch nicht gesehen hatte, die aber auch auf Bildern beruht, die ich selbst gesehen hatte. Dass viele Organismen in "Avatar" nachts leuchten, geht auf meine Tauch-Erfahrungen zurück. Es gibt in den Tiefen des Ozeans viele selbstleuchtende Fische oder Quallen.

SPIEGEL ONLINE: Viele halten Sie für einen technizistischen Regisseur. Haben Sie in Wahrheit ein ganz inniges Verhältnis zur Natur?

Cameron: Ja, schon als kleiner Junge bin ich gern gewandert, habe Vögel beobachtet, Frösche oder Fische gefangen. Ich habe Wasserproben aus Teichen entnommen und sie unter meinem Mikroskop untersucht, bin geschnorchelt und habe die Unterwasserwelt studiert. Wenn ich wiedergeboren würde, dann am liebsten als Naturwissenschaftler.

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insgesamt 110 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
06.02.2010 von Hirschmann12: technische Hindernisse??

Das liegt in der Natur der Sache. Auch ich war in der ersten Zeit versucht meine Augen durch den virtuellen Raum schweifen zu lassen, was natürlich nicht gelingen konnte. Erst wenn man sich absolut auf die Führung der Kamera und [...] mehr...

07.01.2010 von Nosoj: Hinsehen.

Ganz recht ... wenn man genau hinschaut ... bzw. sich den Film mal anguckt, kann man sehen, daß das Cokpit ein abgeschloßener Bereich ist und auch nach dem Beschuß, während dem das Cokpit geschossen wurde (während dem die [...] mehr...

07.01.2010 von stonecold: .

Nochmal was zu den Diskussionen über die Treue von US Marines Die Militärs in diesem Film waren keine Marines, sondern Söldner im Auftrag dieses Rohstoffkonzerns. Für all die empörten Corpsexperten- der Protagonist hat also [...] mehr...

07.01.2010 von stonecold: Schmerzmittel)))

Um Ihnen den Schmerz zu nehmen: dass das Cockpit vom (offenen) Transportraum getrennt sein könnte, ist Ihnen nicht in den Sinn gekommen? ;) Natürlich ist die Story nichts Besonderes, aber die 3D-Effekte waren wirklich nicht [...] mehr...

07.01.2010 von luke99: Buch und Film

Haben Sie jemals versucht, aus einem Buch ein Filmskript zu machen? Da gewinnt man eher den Eindruck, dass die Erzählprinzipien von Büchern und Filmen nichts miteinander zu tun haben. mehr...

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Zur Person

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James Cameron, der Mann, der die teuersten Filme der Welt dreht: Bekannt wurde der gebürtige Kanadier als Autor, Produzent und Regisseur der "Terminator"-Reihe. Er drehte zudem 1986 "Alien 2" mit Sigourney Weaver und den Blockbuster "Titanic", der 1998 sagenhafte elf Oscars gewann. Seither verantwortete Cameron vor allem Dokumentationen sowie die Fernsehserie "Dark Angel". Das Science-Fiction-Projekt "Avatar", Camerons erster Kino-Spielfim seit zwölf Jahren, wurde dank spektakulärer 3D-Optik und epischer Story zum erfolgreichsten Film aller Zeiten. Fast drei Milliarden Dollar Umsatz machte "Avatar" weltweit - ganz ohne große Stars.






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