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07.01.2010
 

DVD-Premiere "Greek Pete"

Die Träume eines Strichers

Von Daniel Sander

Welcher Sex ist nicht gekauft? In Andrew Haighs Dokudrama "Greek Pete" will ein Londoner Sexarbeiter unbedingt zum Rentboy des Jahres gewählt werden. Was echt ist, lässt der Film im Dunkeln. Und gibt trotzdem sehr wahrhaftige Einblicke.


Pete schämt sich nicht für das, was er tut. Er ist Anfang 20, ein gutaussehender Engländer mit griechischen Wurzeln, vor kurzem nach London gezogen. Dort will er seine Karriere in Schwung bringen, denn Pete sieht sich nicht als irgendeinen Stricher. Er will der Rentboy des Jahres werden.

Diese Auszeichnung gibt es tatsächlich, und 2008 ist jener Pete Pittaros wirklich als einer der Nominierten zur "Hookie"-Verleihung nach Los Angeles gereist, um sich als Bester seiner Zunft feiern zu lassen. Wie so vieles echt ist in Andrew Haighs mehrfach ausgezeichnetem Stricherporträt "Greek Pete", allen voran Pete und seine Kollegen: Echte Sexarbeiter aus London, die sich dabei filmen lassen, wie sie ihren Körper verkaufen.

Trotzdem ist "Greek Pete" kein Dokumentarfilm. Laut Haigh basiert die Geschichte zwar immer auf wahren Erlebnissen, doch die müssen nicht dann stattgefunden haben, wenn die Kamera sie auch zeigt. Könnten sie aber. Es gab kein festes Drehbuch, nur eine Handlungsskizze, der Rest war Improvisation. Was echt ist und was nicht - das gilt auch für die diversen Sexszenen -, kann der Zuschauer nur erahnen.

Zwischen Realität und Fiktion

Das ist für das Publikum einerseits eine etwas frustrierende Angelegenheit, denn man kann sich fragen, welche Erkenntnisse man nun aus der ganzen Sache ziehen soll, wenn man im Niemandsland zwischen Realität und Fiktion zurückgelassen wird. Andererseits ist das vielleicht auch die besondere Stärke des Films: Denn Pete und seine Freunde wirken in jeder Szene so authentisch, dass man ihnen abnimmt, dass sie tatsächlich so sind, wie sie sich vor der Kamera geben; dass sie wirklich das erlebt haben, was sie zu zeigen bereit sind.

Daraus ergibt sich ein faszinierender Einblick in eine Welt, die sich sonst vor fremden Blicken lieber abschirmt. Die besten Dokumentarfilme über männliche Prostituierte (wie zum Beispiel die ebenfalls höchst sehenswerte Berliner Milieustudie "Drifter" von Sebastian Heidinger) haben ein Problem damit, ihren misstrauischen Protagonisten wirklich nahe zu kommen. Die ambitionierteren fiktionalen Werke wie "Midnight Cowboy" von John Schlesinger oder "My Private Idaho" von Gus van Sant bleiben ohnehin fern jeder Realität. Bei Andrew Haigh können sich die Protagonisten hinter einer fiktionalen Fassade vor der totalen Aufgabe ihres Privatlebens schützen. Vielleicht fühlen sie sich deshalb auch sicher genug, dass sie bereit sind, mehr von sich preiszugeben, als sie es in einem reinen Dokumentarfilm getan hätten.

Viel koksen, viel feiern

Die jungen Männer, vor allem natürlich Pete, sind ehrgeizig und selbstbewusst, sie sehen sich nicht als Opfer und nicht als romantische Helden. Sie wirken liebenswert und intelligent, doch sie koksen und feiern zu viel und haben Probleme, neben der verkauften auch echte Liebe zuzulassen. Man kann sich gut vorstellen, wie dieser Pete tatsächlich einmal den angekündigten Ausstieg schafft, vielleicht studiert und in einer fast bürgerlichen Existenz mit Haus, Freund und Hund in der Vorstadt aufgeht. Genauso gut kann man sich aber ausmalen, wie er in der Szene hängenbleibt und irgendwann nicht mehr weiß, wie er seine innere Leere füllen soll.

"Greek Pete" ist ein optimistischer, gleichzeitig seltsam trauriger Film. Vielleicht ist alles, was wir sehen, nur die halbe Wahrheit. Vielleicht ist das genug.


"Greek Pete" (good!movies), seit Anfang Januar auf DVD erhältlich.

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