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19.01.2010
 

Coen-Film "A Serious Man"

Himmel, wo bist Du?

Von Andreas Borcholte

Das Leben als gottlose Geisterbahnfahrt: In der tragikomischen Kinofarce "A Serious Man" rechnen die Regiebrüder Joel und Ethan Coen mit ihrer Vorstadtkindheit im jüdischen Milieu ab. Und lassen einen braven Mann gnadenlos an seinen Sinnfragen verzweifeln.

Ein Mann steht auf dem Dach seines schnieken, aber schmucklosen Einfamilienhauses und hantiert ziellos an seiner Fernsehantenne herum. Unten im Haus wartet sein halbwüchsiger Sohn quengelnd darauf, dass der Empfang seiner Lieblingssendung endlich besser werden möge. Aber Larry Gopnik, wie er da auf dem Dach seiner Mittelstandsexistenz balanciert, sucht nach einem ganz anderen Signal. Ein Zeichen aus dem Himmel, von Gott, das würde ihm in seiner scheinbar ausweglosen Lage helfen. Aber natürlich regt sich nichts.

Oder doch? Als Larrys Blick über die angrenzenden Häuser schweift, entdeckt er seine ohnehin schon attraktive, nun aber auch noch nackte Nachbarin beim Sonnenbaden in ihrem Garten. Wenn das kein Zeichen ist...

Larry Gopnik ist die Hauptfigur in "A Serious Man", dem neuen, bisher persönlichsten Werk der amerikanischen Autorenfilmer Joel und Ethan Coen. Persönlich deshalb, weil der Film Ende der sechziger Jahre in einem extrem jüdisch geprägten Suburb im Mittelwesten der USA spielt, der große Ähnlichkeit mit dem Vorort St. Louis Park nahe Minnesota hat, aus dem die für ihren bisweilen zynischen Humor bekannten Regie-Brüder stammen. Regelrecht autobiografisch sei nichts an der Handlung, sagten die Coens zu SPIEGEL ONLINE, das Setting aber komme ihrer Herkunft schon sehr nahe.


So kann man "A Serious Man" einerseits als Abrechnung der Coens mit ihrer von quälend langweiligen Hebräisch-Unterricht und sonntäglichen Synagogen-Sitzungen geprägten Kindheit sehen, andererseits aber bedienen sich die beiden vielleicht auch nur einer ihnen sehr vertrauten Kulisse, um eine bitterböse Geschichte über die ständige, wiewohl vergebliche Suche des Menschen nach dem Sinn des Lebens und der eigenen Existenz zu erzählen.

Chaos im Mittelstandsidyll

An Larry Gopniks Leben ist zunächst einmal nichts auszusetzen: Der Physikdozent steht kurz davor, eine Professur an seiner Uni zu übernehmen; zusammen mit seiner Ehefrau, seinem kurz vor der Bar-Mitzwa-Feier stehenden Sohn und seiner Tochter mit Haarwasch-Tick bewohnt er ein Haus, das aussieht wie Dutzende andere in seiner Straße - es ist jenes eintönige, nervtötend normale amerikanische Kleinbürgerleben, das schon Harry Angstrom, den Helden aus John Updikes "Rabbit"-Romanen, an den Rand des Wahnsinns trieb.

Anders als Angstrom sucht Gopnik jedoch keinen Ausweg aus der monotonen Misere, im Gegenteil: Nichts wünscht er sich sehnlicher, als dass alles so bleiben möge, wie es ist. Und natürlich, man befindet sich schließlich in einem Film der Coen-Brüder, wird ihm genau das verwehrt: Seine Frau offenbart ihm, dass sie die Scheidung will, weil sie sich mit dem unerträglich jovialen Schmierlappen Sy Ableman (Fred Melamed) eingelassen hat; seine Universität erhält anonyme Briefe, die seine Reputation in Frage stellen; ein koreanischer Student versucht, sich mit Geld eine bessere Note zu erkaufen. Und dann ruft auch noch dauernd dieser komische Kerl vom Schallplattenversand an, der horrende Rechnungen beglichen haben will, obwohl Larry gar kein Clubmitglied ist.

Kurzum: Larrys eben noch geordnete Welt versinkt im Chaos der Merkwürdigkeiten und Kuriositäten. Und ehe er sich versieht, findet er sich zusammen mit seinem von offenen Darmzysten und irren Weltformel-Träumen gepeinigten Bruder im schäbigen "Jolly Roger"-Motel wieder. Eigentlich ein eher verhalten religiöser Mann, beschließt Larry dennoch, den unerklärlichen Schicksalsschlägen spirituell auf die Spur zu kommen - und wendet sich nacheinander an die drei Rabbis der Gemeinde, um Antworten auf die Frage zu erhalten, warum ihn Gott so straft. Ausgerechnet ihn, einen aufrechten Typen, einen "serious man".

Popmusik-Lyrik als Religionsersatz

Die Coens erzählen also eine moderne Geschichte des biblischen Charakters Hiob, der zum Spielball einer Wette zwischen Gott und Satan wird. Seiner weltlichen Güter beraubt, soll Hiob beweisen, dass er trotzdem ein gottgläubiger Mensch bleiben kann. Auch Hiob zieht am Ende los und fordert Rechenschaft von Gott für diesen gemeinen Test. Und er erhält eine tröstliche Antwort. Im Gegensatz zu Larry, dem die drei Rabbis zwar allerhand haarsträubende Geschichten und Allegorien erzählen, aber keinen einzigen Hinweis darauf, was der Sinn seiner vermeintlichen Bestrafung sein könnte.

Als Larry nach quälendem Hin und Her endlich beim ältesten und weisesten der Kirchenmänner vorgelassen wird und die Pein seiner Ungewissheit ins schier Unerträgliche gesteigert ist, wird er von dessen Sekretärin kurzerhand doch wieder abgewiesen: Der Rabbi denke gerade nach. Immerhin: Larrys Sohn Danny zitiert der ehrwürdige Alte später genüsslich den Songtext des zu jener Zeit populären Rocksongs "Somebody To Love": "When the truth is found to be lies/ And all the joy within you dies/You better find somebody to love"... Angstgetriebene Popmusik-Lyrik als Religionsersatz, so perfide muss man erst einmal sein. Und dabei auch noch so komisch! Der zornige, alttestamentliche Gott erscheint da noch barmherziger als diese mit kalter Präzision agierenden Regisseure.

Einige amerikanische Kritiker empfanden "A Serious Man" als blasphemische Zumutung und unterstellten den Coens, sie projizierten all ihren lange verdrängten Kindheitsekel auf die nun wirklich unschuldige Figur des Larry. Tatsächlich waren die beiden Filmemacher selten mitleidloser. Ob der faule "Dude" in "The Big Lebowski", die geldgierigen Männer in "No Country For Old Men" oder die Eitelkeit des von George Clooney gespielten Taugenichts in "O Brother Where Art Thou" - stets hatten die Coen-Charaktere mindestens einen deutlich erkennbaren Makel, der mit allerlei Unheil und Schicksalsschlägen bestraft werden musste. Larry Gopnik jedoch, wundervoll trauerkloßig verkörpert von dem New Yorker Theaterschauspieler Michael Stuhlbarg, hat sich rein gar nichts zu Schulden kommen lassen. Büßen muss er trotzdem. Bis zum bitteren, fast schon apokalyptischen Ende des Films.

Das Leben als Geisterbahnfahrt

Nun kann man den Coens immer eine gewisse Lust an der Bosheit und einen manchmal allzu ungnädigen Umgang mit der conditio humana unterstellen. Das macht ihre Filme ja oft so unterhaltsam. Dennoch zeigt allein die Tatsache, dass das gewohnte prominente Schauspielerpersonal der Brüder diesmal zugunsten einer weitgehend unbekannten Darstellerriege weichen musste, dass es ihnen um mehr gehen könnte als die üblichen Marionettenspiele zweier zynischer Regie-Götter.

Denn Coen-Stammkameramann Roger Deakins findet nicht nur einige in ihrer exakten Komposition und klaren Schönheit hyperreal wirkende Bilder für "A Serious Man", er beobachtet das Geschehen zuweilen aus so abwegigen Perspektiven und kommt den Charakteren so unangenehm nah, als filme er keine Komödie, sondern einen Horrorfilm - das menschliche Leben wird so zur Geisterbahnfahrt. Man darf auch nicht vergessen: Es ist das Jahr 1967, in dem der Film spielt. Und auch wenn die Coens jegliche politischen Entwicklungen aussparen, so ist der gesellschaftliche Umbruch, der Amerika zu jener Zeit erfasst hat, überall zu spüren - ob bei der nymphomanen Nachbarin oder Larrys dauerbekifftem Sohn, der seine Bar-Mitzwa-Zeremonie nur zugedröhnt übersteht.

Das Gopnik-Modell des von allen äußeren Einflüssen abgeschirmten Mittelstandsidylls, es hat ausgedient und wird von einer neuen, bedrohlich wirkenden Gegenkultur erfasst. Dafür stehen letztlich auch all die unheimlichen Abnormitäten, von denen Larrys Leben heimgesucht wird. Mit diesem steten Wandel, dieser Veränderung, die immer dann über einen hereinbricht, wenn man es sich gerade so richtig gemütlich gemacht hat, muss der Mensch ganz alleine klarkommen, das macht dieser erwachsenste und abgründigste aller Coen-Filme unmissverständlich klar.

So ist es am Ende vielleicht das passive Verharren und seine letztlich nicht von ausgeprägter Eigenverantwortung zeugende Suche nach spiritueller Erlösung, wofür der doch eigentlich so rationale Physiker Gopnik von seinen Schöpfern abgestraft wird: Was dir im Leben am wenigsten hilft, so seine Lektion, ist Gott. Das kann man grausam und gemein finden. Oder aber man nimmt es, wie die Coens, mit Humor. Auch wenn der Witz mal wieder auf unsere Kosten geht.

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insgesamt 36 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
19.03.2010 von barbaras247: A Serious Man

Der Artikel macht Lust auf Mehr! Nach dieser ausführlichen Rezension werde ich mir den Film auf jeden Fall anschauen! mehr...

19.02.2010 von heintze: off-topic

Nur drei Beispiele, die zusammenfassend ihre wirklich unerträgliche Selbstherrlichkeit illustrieren. Selten haben mich nur ein paar Forenbeiträge je so geärgert. Wer auf ihm unbekannte Weisheiten von 90% der Menschen [...] mehr...

26.01.2010 von tylerdurdenvolland: ..

1. Ich habe geschrieben, dass man, um mit A serious Man nicht die Probleme zu haben, die ja einige hier im Forum beschrieben haben, ein besseres Verständnis des jüdischen Lebens haben muss. Ich selber habe mich die ersten 40 [...] mehr...

25.01.2010 von kuchenbob: .

Dieses Bedürfnis immer einen riesigen Überbau zu konstruieren der angeblich notwendig ist um etwas zu verstehen ist schon putzig. Es reicht einfach mal genau hinzuschauen. Tun Sie mir doch bitte den Gefallen und listen Sie auf [...] mehr...

25.01.2010 von kuchenbob: .

Ich habe mir den Film gestern angeschaut und bin ganz angetan. Die Grundaussage von "a serious man" kann man auch wunderbar verstehen wenn man sich mit jüdischer Folklore nicht auskennt. "Akzeptiere das [...] mehr...

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"A Serious Man"

Originaltitel: "A Serious Man"

Regie: Joel und Ethan Coen

Buch: Joel und Ethan Coen

Darsteller: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick, Aaron Wolff, Jessica McManus, Adam Arkin

Produktion: Working Title Films, Joel und Ethan Coen

Länge: 106 Minuten

Start: 21. Januar 2010

Offizielle Website zum Film

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