ThemaKinoRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
22.01.2010
 

Science-Fiction-Krimi "The Surrogates"

Wenn Sachbeschädigung zu Mord wird

Von Jörg Böckem

Im Jahr 2054 sind die Menschen Couch-Potatoes, den Alltag bewältigen ferngesteuerte Roboter: Der düstere Comic "The Surrogates" erinnert an "The Matrix", ist aber viel komplexer. Die Filmversion - jetzt im Kino - kommt weitaus konventioneller daher - was die Schöpfer des Originals wenig stört.


Eine dunkle Gasse in Central Georgia Metropolis im Mai des Jahres 2054. Regen fällt, ein Gewitter hängt über der Stadt. "Lebt!" ruft der vermummte Fremde, kurz bevor er einem jungen Pärchen einen Stromstoß durch die Körper jagt. Am nächsten Morgen liegen zwei leblose Gestalten auf dem Asphalt, gut aussehend und elegant gekleidet.

An Mord denkt niemand, denn Gewaltverbrechen sind so gut wie ausgerottet, seit die Menschen ihr Leben durch so genannte Surrogate leben - menschlich aussehende Roboter, gesteuert von ihren Besitzern, mit denen sie neuronal verlinkt sind.

Willkommen in der Welt von "The Surrogates", dem düsteren Comic von Robert Venditti und Brett Weldele.

Das Surrogat - gesund, stark und schön - geht zur Arbeit, führt Krieg, betrinkt sich, hat Sex. Der Operator - in der Regel weit weniger jung, weniger stark und weniger schön - sitzt bequem zu Hause und teilt die Sinneseindrücke des Stellvertreters - ohne das Risiko körperlicher Schäden. Ein Gewaltverbrechen an Surrogaten ist demnach nicht mehr als Sachbeschädigung, der echte Mensch bleibt unverletzt.

"Blade Runner" trifft "The Matrix"

Aber der Status Quo der schönen, neuen Welt ist in Gefahr. Der Polizist Harvey Greer findet sich bald in einem immer komplexer werdenden Fall von Technoterrorismus wieder, der das Leben, wie er es kennt, bedroht. Eine Spur führt ins Reservat der Dreads, Extremisten, die, angeführt von einem religiösen Eiferer, Surrogate und den modernen Lebensstil verabscheuen. Als Greers Surrogat im Laufe seiner Ermittlungen zerstört wird, ermittelt er freiwillig in seinem biologischen Körper weiter, das erste Mal seit Jahren. Eine Erfahrung, die ihn mehr und mehr verändert. Am Ende wird nichts mehr so sein wie zuvor, nicht in Greers Leben und nicht in dem der anderen.

Autor Robert Verditti hat mit seinem Debüt-Comic ein sehr komplexes und ambitioniertes Werk geschaffen. Er denkt moderne Errungenschaften wie Plastische Chirurgie, Computerspiele, Chatrooms oder Second Life weiter in die Zukunft und verschränkt sie mit klassischen Science-Fiction-Ideen. Ihn interessiere, sagt er, "wie wir Technologie, vor allem das Internet, heute benutzen, um idealisierte Versionen unserer Selbst zu kreieren. Was wäre, wenn diese Möglichkeit aus dem Computer in die Realität übertragen würde?"

In "The Surrogates", von Zeichner Brett Weldele kongenial in Szene gesetzt, finden sich Anklänge an die Werke und Gedankenwelten von Isaac Asimov, Philip K. Dick und George Orwell, an Film-Klassiker wie "Blade Runner" oder "The Matrix". Venditti, der Politik und kreatives Schreiben studiert hat, versieht seinen Comic mit zahlreichen Zusatzelementen; Zeitungsartikel, wissenschaftliche Aufsätze, Werbeanzeigen und Broschüren oder Protokolle von Fernsehsendungen, er gestaltet die Welt von "Surrogates" aus und verleiht ihr Tiefe. Er thematisiert, wie der Einsatz der Ersatzmenschen die Gesellschaft, den Alltag, das menschliche Miteinander, Sex, Kriminalität, Gesundheitswesen und nicht zuletzt Beziehungen verändert. Wenn jeder sein Aussehen, Hautfarbe und Geschlecht frei wählen kann, fragt er, bedeutet das dann das Ende der Diskriminierung oder leistet es ihr Vorschub? Und - auch das ist eine Qualität des Comics: Bei aller Komplexität verliert Venditti nie den Spannungsbogen aus den Augen.

Der Film kann nur in Sachen Spannung mithalten

Eine dunkle Gasse in einer amerikanischen Großstadt in einer nicht allzu fernen Zukunft. Ein Mann, jung, teuer gekleidet und eine blonde, aufreizende Schönheit, ineinander verkeilt, werden von einem Mann mit Motorradhelm gestört. "Los verschwinde, Fleischsack!" sind die letzten Worte des jungen Mannes, bevor er und seine blonde Gespielin mit einer Art Stromstoß ermordet werden.

Ein Mordfall, wie die beiden ermittelnden FBI-Agenten Tom Greer (Bruce Willis) und Jennifer Peters (Radha Mitchell) bald erkennen. Doch mit den Surrogaten sind auch die beiden Operatoren getötet worden, ein Mord, der technisch unmöglich sein sollte. Bald sind beide in einen Kriminalfall verstrickt, der Greer seinen Surrogaten und seine Marke kostet und weitere Kreise zieht - eine geheime, vom Militär entwickelte Waffe, die es nicht geben soll, eine Verschwörung und der Rachefeldzug eines verbitterten Mannes werden die Welt, wie die beiden sie kennen, für immer verändern.

Willkommen in "Surrogates - Mein zweites Ich", der Verflimung des Comics von Hollywood-Regisseur Jonathan Mostow, die am Donnerstag in deutschen Kinos anläuft.

Die Gemeinsamkeiten mit dem Original halten sich in Grenzen. Doch zumindest in Sachen Spannungsbogen kann der Film mithalten. Jonathan Mostow, der zuletzt "Terminator 3" inszenierte, hat die Vorlage zu einem soliden, bisweilen rasanten Action-Thriller umgearbeitet, in dem Bruce Willis in seiner Paraderolle als knarziger Bulle, der die Welt rettet, eine saubere Vorstellung abliefert. Mostow benutzt die Vorlage eher als Quelle für Ideen und Charaktere, als dass er sie stringent verfilmt. Das ist grundsätzlich in Ordnung: Zu sklavische Originaltreue, das hat zuletzt Zack Snyders "Watchmen" bewiesen, gereicht einer Comicverfilmung nicht immer zum Vorteil. Und auch Robert Rodriguez wusste bei "Sin City" - trotz großartiger Bilder und Darsteller - Frank Millers wunderbaren Werk letztendlich nichts hinzuzufügen.

"Ich will gar nicht, dass der Film so aussieht wie das, was ich gemacht habe. Das tut das Buch ja schon", gab Zeichner Weldele zu Protokoll. Ein Film solle sein eigenes Leben entwickeln. Der Ansicht war auch Venditti, der sich ebenfalls aus der Verfilmung heraushielt: "Wir respektieren das Filmteam als talentierte Individuen, die keinen Babysitter brauchen." Eine vernünftige Haltung. Allerdings: Ein paar Ideen mehr hätte das Filmteam durchaus aus der Vorlage herüber retten können. "Surrogates - Mein zweites Ich" ist durchaus gelungenes, unterhaltsames Genre-Kino, kommt allerdings leider etwas konventionell daher, Happy End inklusive, und lässt die Möglichkeiten, die der Comic eröffnet, vielfach ungenutzt.

Ein amerikanischer TV-Sender plant angeblich, "Surrogates" als Serie zu adaptieren. Vielleicht wird das Potential der Vorlage so besser ausgeschöpft.


"Surrogates - Mein zweites Ich", Regie Jonathan Mostow, mit Bruce Willis, Radha Mitchell und Ving Rhames, ab Donnerstag im Kino

Robert Venditti/Brett Wedele: "The Surrogates", Cross Cult, 26 Euro.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 5 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
22.01.2010 von Celegorm: ...

Ist natürlich Geschmackssache, aber für mich persönlich gehörten gerade "Watchmen" und insbesondere "Sin City" (wie auch "300") zu den gelungsten Comic-Verfilmungen. Auch wenn die Kritik da [...] mehr...

22.01.2010 von ocinator: lesen macht schlau

Vielleicht hätten Sie den SPON Artikel vorher mal anlesen sollen, bereits darin heißt es: ---Zitat--- "Ich will gar nicht, dass der Film so aussieht wie das, was ich gemacht habe. Das tut das Buch ja schon", gab [...] mehr...

22.01.2010 von watdatdenn: Spoiler

Es hätte durchaus gereicht, wenn sie von einem "ätzenden Ende" geschrieben hätten. Das der Film happy endet hätte ich(wie vielleicht auch andere)gerne selber herausgefunden. mehr...

22.01.2010 von Gegengleich: "einen Titel"

Mal gespannt, wann mein Surrogat-Avatar endlich die Arbeit übernimmt, hier Beiträge einzustellen. mehr...

22.01.2010 von kuchenbob: .

Grundsätzlich eine interessante Idee. Aber irgendwie doof umgesetzt. Die Mischung aus iRobot und etwas unbestimmt P.k. Dick haften (Super Typ, nicht dass hier Mißverständnisse aufkommen), und die irgendwie b-movie mäßige [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Kino
alles zum Thema Kino

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




"Surrogates – Mein zweites Ich"

Originaltitel: "Surrogates"

Regie: Jonathan Mostow

Buch: Michael Ferris, John D. Brancato

Darsteller: Bruce Willis, Radha Mitchell, Ving Rhames

Produktion: Touchdown Pictures

Länge: 89 Minuten

Start: 21. Januar 2010

Offizielle Website zum Film






TOP



TOP