ThemaDurchgeblicktRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
26.01.2010
 

Gang-Filme aus El Salvador

Einbuchten oder einsargen

Von Christian Buß

Unerbittlich und martialisch: In den Slums Mittelamerikas liefern sich Straßengangs blutige Schlachten. Nun geben die Doku "La Vida Loca" und das Flüchtlingsdrama "Sin Nombre" Einblicke in eine Welt, die keine Gnade kennt - selbst einer der Filmemacher musste mit seinem Leben bezahlen.


Das Leben auf den Straßen San Salvadors gehorcht einem ziemlich einfachen Rhythmus - zumindest wenn man der Dokumentation "La Vida Loca" glaubt: Auf der Tonspur hört man in regelmäßigen Abständen drei Schüsse, kurz darauf düst stets ein Pick-up-Truck ins Bild, der Menschen einsammelt. Entweder gehört das Auto der Polizei, dann werden die noch lebenden Gangmitglieder der "Mara 18" in Haft verbracht. Oder das Auto gehört dem Bestatter, dann kommen die Leichen der Gangmitglieder direkt zur letzten Ölung.

So geht es den ganzen Film lang; es wird hier eigentlich fast nichts anderes getan als eingebuchtet oder eingesargt. Gefängnis oder Friedhof - dazwischen gibt es für die Leute der "Mara 18" offenbar kaum eine Option. "La Vida Loca"-Regisseur Christian Poveda, das ist die böse Authentifizierung seiner Slum-Doku, wurde kurz nach den Dreharbeiten selbst ermordet. Möglicherweise ist er bei der Recherche der "Mara 18" zu nahe gekommen - und hat damit die Konkurrenz der "Mara Salvatrucha" gegen sich aufgebracht.

Die beiden Gangs aus El Salvador, die sich seit zwei Jahrzehnten einen Dezimierungskampf liefern, sind inzwischen längst ein panamerikanisches Phänomen. Das Modell des gegenseitigen Ausmerzens hat man aus den Ghettos von Los Angeles importiert, wohin es die meisten Flüchtlinge mit ihren Kindern während des Bürgerkriegs in den Achtzigern verschlagen hatte. Zurück in der Heimat wurden dann Banden nach US-Vorbild gegründet - die hier allerdings mit extra-großen Waffen und extra-großen Tattoos agieren.

Martialischer Selbstbehauptungskampf

Auch in anderen Ländern Mittelamerikas unterhalten die "Mara 18" und die "Mara Salvatrucha" Dependancen, und die sind wiederum bestens vernetzt mit den Drogenumschlagplätzen von Los Angeles oder Miami. Zerschlagen lassen sich diese Elendskartelle nicht, da läuft jede Maßnahme in den für soziale Eingliederungsprojekte sowieso viel zu armen mittelamerikanischen Staaten ins Leere: Denn wer sich zum Beispiel flächendeckend eine 18 ins Gesicht hat stechen lassen, der kann das angestammte Gangrevier nun mal nicht hinter sich lassen. Jedenfalls nicht lebend. Die Feinde meucheln jeden dahin, der das falsche Tattoo trägt. In der Heimat produzierte Macheten sind dabei ebenso willkommen wie aus Miami eingeführte Maschinengewehre.

Gleich zwei Kinoproduktionen erzählen nun von dem martialischen Selbstbehauptungskampf: Während Povedas Dokumentation "La Vida Loca" ganz dicht an den unterschiedlichen Gangstern der "Mara 18" dran bleibt, ohne sie psychologisch zu durchdringen, stellt der US-Regisseur Cary Joji Fukunagas für sein fiktives Drama "Sin Nombre" (Start: 29.4.) einen durchaus wandlungsfähigen Helden in den Mittelpunkt: El Caspar (Edgar Flores) muss sich vor dem mexikanischen Ableger der "Mara Salvatrucha" in Sicherheit bringen, nachdem er einen Anführer umgebracht hat, um ein Flüchtlingsmädchen aus Honduras zu retten.

Eigentlich ist er so gut wie tot. Denn während Caspar für die eigenen Leute der "Mara Salvatrucha" ein zu exekutierender Verräter ist, stellt er für die der konkurrierenden Gang einfach nur Freiwild dar. Die einzige Chance ist die Flucht in die USA, also schließt er sich der jungen Sayra (Paulina Gaitan, Hauptdarstellerin aus "Trade") und ihrer honduranischen Familie an und rollt unter lebensgefährlichen Bedingungen auf einem Güterzug Richtung Norden. So schnörkellos und ungeschönt dieser Elends-Roadmovie auch daher kommt, am Ende überwindet El Caspar das atavistische Sozialgefüge der "Maras" - und immerhin die von ihm beschützte Sayra überquert lebend die Grenze in die USA.

Töte, wenn du nicht selbst getötet werden willst!

Solche ganz, ganz schwachen Hoffnungsschimmer gibt es in Povedas "La Vida Loca" indes nicht. Sein Film ist eher Bodycount-Studie denn konsumierbar aufgeschlüsseltes Soziogramm. San Salvador muss dem hiesigen Betrachter fremd bleiben; die hier gezeigten ganzkörpertätowierten Akteure nehmen keine Entwicklung - oft auch einfach nur deshalb, weil sie unmittelbar sterben, nachdem sie eingeführt worden sind. Zwar agieren die Leute der "Mara 18" nach aus den USA übernommenen Popkultur-Codes, aber die Unbedingtheit, mit der diese in Handlung umgesetzt werden, muss den nordamerikanischen oder europäischen Betrachter zutiefst verstören. Denn die in der Ghettofolklore des Gangsta-Rap beschriebenen Gewaltakte werden in den Slums San Salvadors rigoros als Imperativ verstanden: Töte, wenn du nicht selbst getötet werden willst!

Eine Alternative? Allenfalls der Glaube bietet die Möglichkeit des Ausstiegs. Doch die hier (ebenfalls aus den USA importierten) Wiedergeborenen Christen, die im Gefängnis junge Männer bekehren, jagen einem in ihrer fundamentalistischen, jede Abweichung verdammenden Religionsausübung ähnliche Angst ein wie die Gangster auf der Straße.

Umso bemerkenswerter erscheint es da, wie in "La Vida Loca" ein paar der jungen Menschen doch ihren ganz eigenen Weg zu gehen versuchen. Da ist zum Beispiel eine junge Mutter, die in einem autonomen Bäckerei-Projekt arbeitet und der einst nach einer Schießerei ein Geschoss in der Augenhöhle steckengeblieben ist. Nach Jahren bekommt sie endlich ein Glasauge. Und wenn es auch noch nicht richtig passt, glaubt sie, dass nun ganz bestimmt ein neues Leben beginnt. Fröhlich schminkt sie auf der Fahrt nach Hause ihr nun wieder halbwegs rekonstruiertes Gesicht.

Doch dann, ganz am Ende der streng fatalistischen Gewaltstudie "La Vida Loca", erschallen auf der Tonspur ein letztes Mal drei Schüsse - und auch der tote Körper der jungen, optimistischen Mutter wird auf die Ladefläche eines Pick-up gewuchtet.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Kino
alles zum Thema Durchgeblickt

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Verwandte Themen


"La Vida Loca"

Originaltitel: "La Vida Loca"

Regie: Christian Poveda

Produktion: Le femme endormie/Aquelarre Servicios cinematograficos/El Caiman

Länge: 90 Minuten

Start: 21. Januar 2010






TOP



TOP