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29.01.2010
 

Filmstar Rachel McAdams

Bloß kein Sexsymbol sein!

Von Roland Huschke

Bio statt Boulevard: Von den Oberflächlichkeiten der Filmbranche hält Rachel McAdams Abstand. Die kanadische Schauspielerin kämpft lieber für die Umwelt. Dass sie als Meisterdiebin in Guy Ritchies "Sherlock Holmes" hauptsächlich Dekoration ist, nahm sie in Kauf - weil sie auf eine Fortsetzung hofft.


Man wird als Filmjournalist selten gefordert, selbst schauspielerisches Potential zu zeigen - doch als sich die Gelegenheit ergibt, einen grauen Berliner Januartag durch ein Gespräch mit "Sherlock Holmes"-Hauptdarstellerin Rachel McAdams erhellen zu lassen, fällt die Entscheidung zu etwas Flunkerei nicht schwer.

Hintergrund: McAdams möchte heute gar keine Interviews führen. Zumindest nicht mit Vertretern der schreibenden Zunft. Irgendeinen guten Grund wird sie dafür schon haben. Überraschend gibt indes ihr Zeitplan für TV-Termine etwas Luft her. Weshalb man sich plötzlich in einer stickigen Suite voller Kamera- und Tonleute wiederfindet und auf Bitten des Verleihers vorgaukelt, für einen Fernsehsender angereist zu sein. Nein danke, es geht auch ohne Make-up.

Bemerkenswert ist die Künstlichkeit dieser Situation, weil sie unweigerlich Einfluss auf Inhalte nimmt. McAdams etwa gilt ohnehin als kontrollierte Schauspielerin, die vor der Kamera nur dann ihr Herz ausschüttet, wenn es das Drehbuch verlangt. Übermäßige Publizität meidet sie bewusst.

Als sie etwa Mitte des vergangenen Jahrzehnts durch Rollen in der Romanze "Wie ein einziger Tag" (2004) und in der Komödie "Die Hochzeits-Crasher" (2005) die Branche verblüffte und sich schon die übliche It-Girl-Maschinerie in Gang setzen wollte, legte McAdams ihr Veto ein. Sagte eine "Vanity Fair"-Cover-Produktion ebenso ab wie Angebote als Bond-Girl in "Casino Royale" oder als Assistentin Meryl Streeps in "Der Teufel trägt Prada". Und zog sich stattdessen auf dem Höhepunkt ihrer jungen Karriere ins heimische Toronto zurück, um den Schreck zu verdauen, als frischgebackener Star zu gelten.

Begehrlichkeiten der Branche

"Das ging mir alles viel zu schnell", erklärt sie rückblickend, "auf einmal war ich umgeben von Menschen, die sehr klare Vorstellungen von meiner Laufbahn und taktischen Rollenentscheidungen hatten. Das war sicher alles gut gemeint. Doch ich fühlte mich nicht gewappnet, meine Zukunft generalstabsmäßig anzugehen, weil doch gerade Impulsivität statt Berechenbarkeit der Kern meiner Arbeit sein sollte."

Alles andere als impulsiv legt McAdams ihre frühe Entscheidung gegen die A-Liga dar und verschweigt tunlichst, dass sie wegen ihrer damaligen Beziehung zum Kollegen Ryan Gosling auch vor den Begehrlichkeiten des Boulevards zurückgeschreckt war. "Inzwischen habe ich meinen Frieden mit dem Druck der Branche gemacht", fährt sie fort, "und verstehe, dass auch mein öffentliches Auftreten eine Rolle ist, die man lenken kann."

Kein Trotz schwingt mit, kein Augenrollen deutet sich an. Vielmehr gibt sich McAdams als Pragmatikerin, die für flotte Fernsehbilder notgedrungen ins kurze Kleid geschlüpft ist, obwohl ihr privat stets der Sinn nach Jeans steht. Überhaupt drängt sich bald der Verdacht auf, dass man die Frau hinter der PR-Fassade erst beim längeren Gespräch an irgendeinem Tresen halbwegs kennenlernen könnte.

Obwohl sie sich für einen Hit wie "Sherlock Holmes" wahrlich nicht schämen bräuchte, klingen ihre Ausführungen zu Kampfsporttraining und Set-Späßchen mit Robert Downey Jr. arg routiniert. Vielleicht sind nur Soundbites zu erwarten, wenn ein Stoff so deutlich auf seine männlichen Stars zugeschnitten ist. Doch dass McAdams in ihrem bislang größten Film vornehmlich dekorative Zwecke zukommen, ist ihr nicht entgangen.

"Mehr Szenen gewünscht"

"Man wählt einen Film aus einer Fülle von Gründen, die vom Regisseur bis zum Drehort reichen", räumt sie ein, "aber der Umfang der Rolle steht nie im Vordergrund. Die Arbeit an 'Sherlock Holmes' war ein Traum, aber natürlich hätte ich mir mehr Szenen gewünscht. Sie wissen ja, wie das ist bei diesen Serien: Man erzählt eine Geschichte, um die Figuren zu etablieren - und hofft in der Fortsetzung auf mehr Gestaltungsfreiraum."

Ob McAdams als Meisterdiebin im viktorianischen London in die Filmgeschichte eingehen wird, bleibt also abzuwarten. Allem Anschein nach hat sie es auch nicht eilig, eine "signature role" zu finden - einen Stoff mithin, der so unverwechselbar mit ihr assoziiert wird wie "Pretty Woman" mit Julia Roberts, der Schauspielerin, mit der sie ständig verglichen wird.

McAdams indes wechselt die Genres wie die Haarfarben, wird nach dem Polit-Thriller "State of Play" im letzten Jahr demnächst in einer romantischen Komödie mit Harrison Ford zu sehen sein - und ist dankbar, dass die Branche für sie noch keine Schublade gefunden hat. "Es ist nicht so", erklärt sie, "als ob es in diesem Geschäft einen klaren Weg gäbe. Aber wenn man weiß, was man nicht möchte, minimiert man schon mal das Risiko, auf der Nase zu landen."

Talentiert "wie Meryl Streep"

Von allem, was im entferntesten nach Sexsymbol riecht, hält sie trotz ihrer zarten Schönheit etwa tunlichst Abstand: "Es ist eine Tatsache, dass Frauen im Film maßlos über Äußerlichkeiten definiert werden. Fängt man aber einmal damit an, sich für Castings mit dem Push-up-BH zu bewaffnen, kommt man aus dieser Schleife schwer wieder raus."

Tricks scheinen auch kaum nötig bei einer Frau, über die Diane Keaton sagte, dass sie erst einmal mit jemandem mit so viel Talent gearbeitet habe - "und das war Meryl Streep". Ein Vergleich, bei dem McAdams dann doch kurz die Gesichtszüge entgleiten. Vor Lachen. "Ich bin mir zwar meiner Fähigkeiten bewusst und kann mich locker einen Tag lang in einer Rolle verlieren. Aber was Meryl macht, ist wie eine regelmäßige Meisterklasse, bei der wir uns alle nur vor der Leinwand versammeln und dazulernen können." Sagt's und sieht als Profi aus den Augenwinkeln, dass unsere Zeit verstrichen ist und die Bänder gestoppt werden können.

Ob man noch auf ihre Website greenissexy.org hinweisen könne, bittet sie, verantwortungsvoller Umgang mit der Umwelt beschäftige sie sehr. Außerdem betreue sie das Projekt persönlich und rezensiere auch mal ökologisch einwandfrei hergestellte Jeans. Na bitte. Doch noch eine private Passion der Rachel McAdams. Obwohl man sich gerade an den Gedanken gewöhnt hatte, wie erfrischend es ist, mal gar nichts Substantielles aus dem Privatleben einer Schauspielerin zu wissen und sich umso mehr an ihren Rollen erfreuen zu können.

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