Von Birgit Glombitza
Im Kino hat man so etwas schon einmal gesehen. In Michael Winterbottoms "In This World" zum Beispiel, der 2003 in Berlin den Goldenen Bären gewann. In langen Bildern mit nichts als tiefem Schwarz hören wir die Panik, den unterdrückten Husten und den flachen Angst-Atem der Migranten. Das waren die stärksten Einstellungen des Filmes. Doch in "Welcome" von Philippe Lioret geht es nicht ums große Schwarz und um erbärmliches Sterben, sondern im Gegenteil um eine große Vision von der alles überwindenden Kraft der Liebe und von einem mutigen Trotzdem, dass sich gegen jede Vernunft und alle Widerstände stemmt.
Es ist eine unglaubliche und anrührende Geschichte die Lioret da erzählt: Bilal (Firat Ayverdi), ein aus dem Irak stammender Kurde, ist 17 und ein so guter Fußballer, dass er nicht ganz unbegründet von einer Sportkarriere träumt. Er hat seine Familie verlassen, hat sich irgendwie durch den Mittleren Osten geschlagen und will nun nach London. Und das nicht etwa allein wegen der Fußballclubs, sondern vor allen wegen eines irakischen Mädchens, das mit seiner Familie dorthin ausgewandert ist. Doch auf der letzten Etappe seiner Reise, auf der Ladefläche eines Lasters, muss Bilal husten und sich die Plastiktüte vom Kopf reißen.
Migrationsgrund Liebeskummer
Er und seine Mitflüchtlinge werden von den Grenzwächtern entdeckt. Sie werden in Calais kaserniert und England, dessen Kreideküste man bei gutem Licht vom Hafen aus mit bloßem Auge erkennen kann, ist ab diesem Moment weiter weg als der Mond. Bilal denkt nicht daran seinen Traum aufzugeben und fasst den wahnwitzigen Plan den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Er geht ins nächste Schwimmbad und nimmt Unterricht beim Bademeister Simon (Vincent Lindon).
Für "Welcome" hat Lioret überwiegend Laien gecastet. Er hat vor Ort gedreht, schnell, ohne lange Proben, ohne komplizierte Lichtaufbauten, gleich auf der Straße. Das lässt den Film so rau, direkt und ehrlich aussehen. Eine Oberfläche wie bei Ken Loach. Doch anders als der britische Arbeiterfilmer und Erbe der Kitchen-Sink-Dramatiker bleibt der Franzose ein unverbesserlicher Romantiker. Natürlich kann man Lioret unsägliche Naivität vorwerfen und auch Blindheit gegenüber politischen und historischen Hintergründen. Schließlich gibt es in der Heimat der Flüchtlinge genug Armut, Aussichtslosigkeit und zumeist eine erwartungsvolle Familie, die vom Ausland aus mitversorgt werden muss. Liebeskummer als Migrationsgrund dürfte eine Rarität darstellen.
Boote der Grenzkontrolle
Aber die Sparsamkeit und Intensität mit der Lioret die Beziehung zwischen Simon, dem frustrierten Ex-Schwimmstar und Ex-Mann seiner immer noch geliebten Marion (Audrey Dana) und dem jungen Kurden inszeniert, hat wirklich Größe. Vincent Lindon spielt diesen Simon wundervoll wortkarg, unverständig und pragmatisch. Denn eigentlich geht es dem Schwimmtrainer eher darum, seine sozial engagierte Exfrau mit seinem Einsatz für Bilal zu beeindrucken, als sich tatsächlich auf das Schicksal des jungen Kurden einzulassen.
Wenigstens solange bis Simon in dem Jungen die Kraft erkennt, die ihm selbst schon lange vor der Frau und der Karriere abhanden gekommen ist und er sich endlich wieder einmal für ein Ziel mit Leib und Seele ins Zeug wirft. Er nimmt seinen Schüler mit zum Meer, erklärt alle Gefahren durch Strömungen, Schiffsverkehr und Kälte, besorgt einen Neoprenanzug und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass nur die Härtesten diesen stundenlangen Schwimmgang durch den eiskalten Atlantik überstehen. Aus Bilals Traum wird für ein paar Wochen tatsächliche eine Option auf ein anderes Leben. Und zwar für Schüler und Lehrer.
Wie Bilal da mit dunkelblauen Lippen durch ein Gebirge aus sich auftürmendem Wasser krault, und die Kamera ihn bei dem Seegang immer wieder aus dem Blick verliert, bis die gelobte Küste sich endlich aus dem Dunst schält. Und nach ihr die Boote der Grenzkontrolle. Das ist im Film eine so starke Metapher für eine menschlichen Existenz voller Kampf, Niederlagen, Erschöpfung und immer wieder einem Fitzelchen Hoffnung, das sie noch lange auf der Netzhaut nachflackert.
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