SPIEGEL ONLINE: In "Wolfman", dem Remake des Klassikers von 1941, sind Sie als Werwolf zu sehen. Stimmt es, dass die Idee, den Film zu machen, auf einem Scherz basierte?
Del Toro: Naja, bei mir zu Hause hängt ein riesiges Poster von Lon Chaney als Original-Wolfman, ein großes, sehr furchteinflößendes Plakat in Schwarzweiß. Eines Tages war mein Freund, der Produzent Rick Yorn, bei mir, stand vor dem Poster und sagte plötzlich, nur so aus Spaß: Komm, lass uns zu Universal gehen und ihnen vorschlagen, ein Remake zu machen. Und das haben wir dann gemacht. Der eigentliche Witz ist aber, dass ich zu der Zeit gerade "Che" gedreht hatte und immer noch den Vollbart trug, der zur Rolle gehörte. Bei Universal sahen sie mich so und sagten nur: Prima, lasst uns sofort loslegen, er sieht ja jetzt schon aus wie der Wolfman!
SPIEGEL ONLINE: In Wahrheit ist es aber ein Kindheitstraum von Ihnen, den "Wolfman" oder einen der anderen Monsterklassiker von Universal aus den Vierzigern neu zu verfilmen, oder?
Del Toro: Wahnsinn, Mann, ja, das ist wie "Zurück in die Zukunft" für mich! Diese Filme gehören zu den frühesten Erinnerungen, die ich ans Kino habe. Ich habe sie geliebt als Kind.
SPIEGEL ONLINE: Wie und wo haben Sie diese alten Filme eigentlich sehen können? Sie sind in den Siebzigern aufgewachsen, da war es schon unter normalen Umständen schwierig, solche Klassiker im Fernsehen zu erwischen, vom Kino ganz zu schweigen. Aber Sie lebten damals noch auf Puerto Rico...
Del Toro: Die einzige Form des Home Entertainments zu der Zeit, abgesehen von Fernsehen, waren Super-Acht-Projektoren. In den Geschäften verkauften sie damals gekürzte Fassungen der klassischen Monsterfilme, die man sich zu Hause an die Wand werfen konnte. Die waren allerdings nur drei Minuten lang und hatten keinen Ton.
SPIEGEL ONLINE: Also eigentlich bessere Trailer?
Del Toro: Ja, genau! Und wie im heutigen Trailer waren die Filme natürlich vollgeladen mit den besten Szenen, also mit jeder Menge Monster-Action. So haben wir "Frankensteins Braut" gesehen, "Die Mumie", "Der Schrecken vom Amazonas" und eben den "Wolfman". Wir haben uns meistens mit Freunden getroffen und mehrere Filme hintereinander angesehen. Sie waren zwar kurz, aber sie waren cool verpackt und galten als Sammlerstücke. Wer welche hatte, war unheimlich stolz.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit "Che" gerade die erste große Haupt- und Charakterrolle Ihrer Karriere absolviert. Ist es nicht ein Risiko, in dieser Phase plötzlich ein Horrorfilm-Remake zu machen und als zottiger Wolfsmensch aufzutreten?
Del Toro: Über so etwas mache ich mir keine Gedanken. Ich tue einfach, was mir gefällt. Ich fand aber die Idee, dass "Wolfman" so ziemlich das Gegenteil von "Che" ist, ganz reizvoll. Die "Che"-Filme zu machen, war ja sehr anstrengend. Wir haben viele Barrieren einreißen müssen, mussten uns gegen unsere eigene Regierung durchsetzen. Ich war jahrelang in den Stoff involviert, und am Ende haben einige applaudiert und viele haben uns ausgebuht. "Wolfman" zu drehen, war eine gute Methode für mich, davon wegzukommen und ein neues Kapitel aufzuschlagen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben also keinen Karriere-Masterplan?
Del Toro: Ich hätte liebend gerne so etwas wie eine Strategie. Aber ich habe keine Kontrolle über diese Dinge: Meinetwegen hast du manchmal einen Plan, aber dann kommt doch wieder das Leben dazwischen und macht dir einen Strich durch die Rechnung. Also nehme ich einfach die Dinge so, wie sie kommen. Es gab plötzlich die Möglichkeit, "Wolfman" zu machen, und ich sagte: Okay, das mache ich. Und nicht: Warte, ich muss erstmal kurz überlegen, ob das in meinen Plan passt.
SPIEGEL ONLINE: Wollten Sie "Wolfman" vielleicht auch deshalb so gerne machen, weil so viele Motive Ihrer persönlichen Geschichte darin vorkommen?
Del Toro: Persönliche Motive? Wie meinen Sie das denn?
SPIEGEL ONLINE: Nun, Ihre Mutter ist gestorben, als Sie noch sehr klein waren, ebenso ergeht es dem Wolfman. Und es gibt einen Riesenkonflikt mit seinem Vater. War nicht Ihr eigener Vater strikt dagegen, dass Sie Schauspieler wurden?
Del Toro: Oh, okay, ich weiß, was Sie meinen, da gibt es schon Parallelen. Aber das ist alles reiner Zufall. Außerdem brachte meine Mutter sich nicht um, sondern starb an einer schweren Krankheit, und mein Vater... Klar, mit dem hatte ich Streit, aber im Gegensatz zum Vater des Wolfman war er während meiner Kindheit immer präsent. Und, Gott bewahre, er steckte mich nicht in ein Heim!
SPIEGEL ONLINE: Im Gegensatz zum Original ist der Wolfman in seinem früheren Leben ein berühmter Schauspieler. Noch nicht einmal mit diesem Detail hatten Sie etwas zu tun? Immerhin haben Sie den Film mitproduziert.
Del Toro: Nein, dass der Wolfman ein Schauspieler sein sollte, war die Idee des Drehbuchautors Andrew Kevin Walker. Aber es gibt in der Tat ein paar Szenen, die es nicht in den Film geschafft haben, die sich mehr um das Vorleben des Wolfmans drehen, unter anderem eine, in der ich "Hamlet" spiele. Da gibt es vielleicht wirklich am ehesten einen biografischen Aspekt...
SPIEGEL ONLINE: Aha?
Del Toro: Ja, ich will Ihnen jetzt aber nicht zu viel verraten. Es geht um das Rache-Motiv, das hat viel mit mir zu tun. Wissen Sie, manchmal habe ich das Gefühl, dass Shakespeare "Hamlet" eigentlich auf der Basis meines Lebens geschrieben haben müsste, auch wenn das natürlich Blödsinn ist.
SPIEGEL ONLINE: Braucht man eigentlich eine ausgeprägte dunkle Charakterseite, um eine Bestie wie den Wolfman zu spielen?
Del Toro: Weiß ich nicht. Es hat auf jeden Fall großen Spaß gemacht. Aber es ist wie eine Übung, ein bisschen so wie damals auf der Schauspielschule, als es hieß: Spiel mal ein wildes Tier! Ich war am Set viel zu sehr damit beschäftigt, mich auf den Monitoren anzugucken, um herauszufinden, wie ich aussehe, wenn ich die eine oder andere Bewegung mache. Ob es "cool" aussieht, oder glaubwürdig. Da blieb nicht viel Zeit, mich darauf zu konzentrieren, wie es sich anfühlt, wenn ich die Bestie in mir herauslasse und "Rrrrrraaah" brülle.
SPIEGEL ONLINE: Im Film sehen Sie dem von Lon Chaney gespielten Original-Wolfman erschreckend ähnlich. Wie wichtig waren die Klassiker-Vorbilder für Ihre Darstellung?
Del Toro: Sehr wichtig natürlich. Aber wenn Sie sich ansehen, wie großartig Lon Chaney oder Boris Karloff als Frankensteins Monster in den alten Filmen waren, dann wissen Sie, dass es unmöglich ist, das nachzumachen. Nehmen Sie Bela Lugosi als Dracula. Wie der seine Hände bewegt: unnachahmbar! Als Kind dachte ich immer, der Wolfman braucht auch so eine unverkennbares Geste, die nur ihm gehört.
SPIEGEL: ONLINE: Und? Hat er jetzt eine?
Del Toro: Ja, es gibt etwas, das ich in den Film hineingeschmuggelt habe. Wenn Sie den Film noch einmal sehen, achten Sie ganz am Ende auf die Szene, als Emily Blunt in das Haus des Wolfmans kommt. Da gibt es eine Großaufnahme von mir, und darin bewege ich meine Zunge in meinem Mund hin und her. An anderer Stelle imitiere ich vielleicht Chaney und Karloff, aber diese Zungenbewegung, das ist von mir, das habe ich dem Wolfman gegeben.
Das Interview führte Andreas Borcholte
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Allein seine Aura hat ja schon etwas Werwolfartiges. Ich denke, dass er für die Rolle die perfekte Besetzung ist, obwohl er nicht so "das Tier" an sich ist, sondern auch gern mal etwas ruhigere Charaktere spielen kann... [...] mehr...
Hauptsache, da kommen nicht zu viele CGI-Effekte vor. Wenn ich eins hasse, dann CGI... Der letzte Werwolf-Horrorfilm, der mir echt unter die Haut ging, war "Das Tier"... Alles schön im Dunkeln, sehr realistisch, [...] mehr...
ZItat: Täuschende Ähnlichkeit mit Lon Chaneys Original-Werwolf Zitat: Hollywood-Veteran Rick Baker interpretierte mit seinen Masken- und Make-Up-Designs den Werwolf-Mythos neu. mehr...
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